auf in die Berge

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Aus dem 33. Stock des Lyoner „Bleistifts“ schlendere ich vor zum Bahnhof Lyon Part-Dieu, kaufe eine Fahrkarte nach St. Clair du Rhône und frühstücke noch am Bahnhof. St. Clair liegt etwas nördlich von St. Maurice, hier kann ich die Rhône entlang zur Brücke laufen, die mich wieder auf den Jakobsweg führt.

Das Wetter ist bedeckt, aber nicht kalt. Und es regnet nicht. Nein, sogar besser, ab und zu luegt mal die Sonne zwischen den Wolken durch. Wobei sich die Wolken etwas wild gebärden, will das ein Gewitter geben? Mal beobachten…

An der Rhône entlang, an einem Industriekomplex vorbei, komme ich nach etwa einer Stunde nach St. Alban. Dem namensgebenden Dorf für das benachbarte Kernkraftwerk. Die Kirche ist zu, aber nebendran gibt’s eine öffentliche Toilette mit frischem Wasser. Das Häuschen für diese Einrichtung ist um einen Baum herum gebaut, das Dach hat extra ein Loch für den Stamm. Überdacht neben einem Baum pinkeln, auch ein gewisser Luxus…

In Chavanay hab ich den Jakobsweg wieder erreicht. Hier führt eine Brücke über die Rhône, ich verlasse das Département Isère und komme nach Loire. Ich finde eine dieser bekannten Übersichtstafeln des Jakobswegs, die sagt mir, dass ich hier auf 155 Meter bin und in den nächsten Tagen auf 1020 Meter hinauf muss. Aber ich lasse es langsam angehen, nach mehr als einer Woche nichts tun ist das Wandern doch wieder ungewohnt. Ich schwitze schon vom gemütlich am Fluss entlang schlendern, aber es ist auch ein schwüles Wetter. So dampfig irgendwie und die Wolken da oben in den Bergen wissen auch nicht so recht, was sie werden wollen.

Schon nach einem kurzen Aufstieg hinter Chavanay komme ich zur Kalvarienkapelle. Frisch restauriert und instand gesetzt, wird die Arbeit auf mehreren Zetteln gewürdigt und beschrieben. Nebst Fotografien von der Einweihung. Und das in Französisch und Deutsch, ganz auf die Pilger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zugeschnitten. Es stand, dass die Kapelle von 7h30 bis 18h offen hätte, einfach den Summer drücken und die Türe vorwärts schieben.

Einen Schalter hab ich gefunden, gleich neben einer Tür, aber da tat sich nichts. Kein Summen, kein Türöffnen. Also musste ich mit der Ameisenstrasse Vorlieb nehmen, die sich entlang der Tür, senkrecht die Mauer hoch, um die Ecke und weiter hinauf schlängelt. Aber auch die Aussicht hier vom Kalvarienberg ist genial. Unter mir liegt das Dorf Chavanay, der alte Kern ist mit alten steinernen Häusern erhalten, die romanische Kirche mit ihrem quadratischen Turm in der Mitte, dahinter schlängelt sich der breite Strom der Rhône, gegenüber kann ich St. Maurice und die Hügel sehen, durch die ich vorletzte Woche gekommen bin. Über dem Dorf kreist ein Raubvogel und nebendran liegen die Weinstöcke noch etwas kahl auf dem Hügel. Die Sonne kommt heraus und gibt der ganzen Szenerie frische Farben, die roten Dächer leuchten förmlich aus dem Grün heraus.

Ein Aushang an der Kapelle erinnert mich, dass ich jetzt in den Naturpark von Pilat komme. Aber ich sehe keine Verbotsschilder oder Karten bzgl. Biwakieren, sondern nur den Wunsch, dass mir die Natur und die Dörfer gefallen mögen. Ich hab gelesen, dass Biwakieren im Naturschutzgebiet zwischen 19 und 7 Uhr geduldet wäre und es gebe Karten, die zeigen, wo selbst das verboten wäre. Daran würde ich mich ja halten.

Durch die Weinberge des Terroir Côte du Rhône, durch Apfelplantagen und durch einen lieblichen Wald führte mich der Weg die Hügel hinauf. Im Wald war eine Furt durch einen Bach, gleich daneben auch eine Brücke. Aber ich wollte unbedingt die Furt nehmen, wofür hab ich denn wasserfeste Wanderschuhe an? Also nach den Steinen im Wasser geschaut, Wanderstab als Stütze gesetzt und einen grossen Schritt auf den nächsten Stein. Ich hab vergessen, dass nasse Steine glitschig sind und bin abgerutscht. Und sowas passiert ja dann auch immer in Zeitlupe, mein Fuss rutscht weiter und weiter, von Stein herunter auf den Boden vom Bachbett. Allerdings war’s dort tiefer als mein Schuh hoch ist und so lief dann das Wasser von oben rein. Tcha, das können die Schuhe dann doch nicht abhalten. Inzwischen hatte ich aber den Schwung genutzt und bin mit dem anderen Fuss auf der anderen Seite gelandet. Alles halb so schlimm, es war eine angenehme Abkühlung. 🙂

Wie gross die Pflanzen schon geworden sind, kaum dass ich mich mal eine Woche in der Stadt aufhalte. Die Brennesseln sind schon hüfthoch, die Knoblauchsrauke hat fertig geblüht, die Löwenzahn sind schon fast alle zu Pusteblumen geworden. Der Ginster blüht, alles riecht und duftet, ja genau, das hat mir in der Stadt gefehlt…

Oben auf dem Hügel ging es dann durch Apfelplantagen und Rebstöcke, die Bauern sind fleissig am Arbeiten. Ich hab nochmal Wasser gefunden und mache eine Pause. Die Wolken hinter mir haben sich inzwischen für Regen entschieden, sie lassen in den Bergen schon die ersten Schleier heraushängen. Die grossen weissen Wolken türmen sich zu Ambosswolken auf, ich glaub, das könnte Gewitter geben. So langsam kann ich mir mal einen Übernachtungsplatz suchen.

Hier stehen viele Ruinen von Häusern rum, aber alle waren sie drinnen zu gewuchert. War also nix mit drin schlafen. Also weiter, der Wind frischt auf und weht die Regenschleier auch noch in meine Richtung. Noch einen Hügel hinauf, hier geguckt und da geschaut, irgendwann war dann Schluss mit Bäumen. Noch eine Ruine, wieder nichts, dort hinten noch eine, auch nichts.

Aber hier, zwischen den Büschen könnte ich mein Dach spannen. Hier bin ich windgeschützt, die umliegenden Häuser können mich auch nicht sehen, doch, diese Stelle gefällt mir.

Mein Tarp in A-Form zwischen zwei Büsche gespannt, zum Wind hin mit drei Heringen am Boden abgespannt. Dumm, dass ich jetzt nur noch einen Hering hab, vier sind doch etwas wenig. Aber muss reichen, die offene Seite hab ich mit meinem Wanderstab nach oben gespannt.

Das gibt noch ein geräumiges Zelt und wie ich grad meinen Poncho als Unterlage hineingelegt hab, höre ich auf dem Feld nebenan einen Traktor fahren. Vorsichtig schaue ich aus meiner Deckung heraus, ach, der ist ja weit weg, der sieht mich hier nicht. Beruhigt setze ich mich in meine Behausung und tippe den Blog, da macht auf einmal hinter mir ein anderer Traktor Lärm. Dort, wo ich nicht rausschauen kann, weil das Tarp am Boden ist. An einer Ecke kann ich zwar sehen, das dort auch ein Weinberg ist, kann aber keinen Traktor entdecken. Und schon fallen die ersten zaghaften Regentropfen. Also verharre ich, hoffentlich gut getarnt mit meinem grünen Dach, im Trockenen und lass es drauf ankommen, dass ich heute noch Besuch bekomme.

Aber der Abend hat sich beruhigt. Beide Traktoren waren bald wieder weg, die dunklen Wolken haben sich doch anders entschieden und regnet nicht ab. Dafür hab ich von meinem Hügel, auf dem ich bin, eine herrlich Aussicht rundherum. Die Hügel des Naturparks liegen vor der untergehenden Sonne vor mir, weiter rechts hat sich die Rhône ihr Tal eingeschnitten, ich sehe weit in die Richtung, aus der ich gekommen bin.

Noch weiter rechts sehe ich weit entfernt hohe Berge, schneebedeckt, in der Abendsonne glühen. Das müssen wohl die Alpen sein. Wie weit weg die sind… Unten, etwas die Rhône weiter liegt eine Stadt, sonst umgeben mich die sanften Hügel dieser Gegend. Die meisten mit ihren geradlinig angeordneten Feldern, entweder Obst oder Wein.

Entfernt zwitschern ein paar Vögel, im nächsten Dorf bellt ein Hund. Ein Esel schreit und Hummeln sind noch fleissig bei der Arbeit. Ein gemütlicher Abend. Und statt dem Regen kam dann doch noch die Sonne raus. Bevor sie hinter den Hügeln verschwand, schien sie noch in mein Lager, so konnte ich bequem und weich auf meiner Isomatte noch die letzten Sonnenstrahlen des Tages geniessen. Was für ein Abend. Das war so gemütlich und warm. Ganz was anderes, als im klimatisierten Bleistift zu übernachten, wo man nicht einmal das Fenster aufmachen kann. Eine ganz leichte Brise streichelt mein Gesicht, der blühende Ginster verströmt seinen Duft. Einfach herrlich. Das ist Urlaub 😀

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3 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 7. Mai 2013 at 10:19

    Also am Sonntag fahren wir durch „Valence“ an der Rhone, aber so weit südlich verschlägts Dich nicht, oder?

    Antworten

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