an den Hängen des Pilat

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Mit den ersten Strahlen der Morgensonne stehe ich auf. Die einzelnen Vögel zwitschern schon, auch der Esel im nächsten Dorf ist schon wach. Es war trocken diese Nacht, nur das übliche Kondenswasser hat mein Dach benetzt. Lager zusammenpacken und weiter geht’s. Vielleicht finde ich im nächsten Dorf ein Café zum Frühstücken.

Zwar kein offenes Café im nächsten Dorf, dafür aber ein überdachter Rastplatz mit Brunnen (point d’eau) und einer Karte der Umgebung und einer Beschreibung des hiesigen Pilgerwegs. Kurze Rast, aber kein Frühstück.

Durch blühende Apfelbäume und an ausgeblühten Kirschbäumen vorbei, in der wärmenden Morgensonne, mit Blick auf den Berg Pilat kam ich ins nächste Dorf. Auch keine Boulangerie, aber mein Magen knurrt schon, also mache ich mein eigenes Frühstück. Ich hab ja Brot, Wurst und Käse dabei. Nur Kaffee nicht, dafür aber frisches Wasser aus dem letzten Dorf.

Ein herrlicher Weitblick tut sich auf, je höher ich steige. Saftig grüne Wiesen, Bäume in voller Blüte, ein feiner Wolkenstreifen dämpft die Sonne etwas. Nach zwei Stunden komme ich zu einer idyllischen Lichtung mit Sitzgruppen aus Holz. Hier stelle ich meinen Rucksack nochmal ab und trockne mein verschwitztes Hemd.

Gemütlich hier, im Schatten der einzelnen Bäume und als ich so sitze und mich umblicke und die Gegend geniesse, merke ich, dass ich müde bin. Ich ziehe die Schuhe aus, strecke mich auf der Bank aus und schlafe eine Stunde. Als ich wieder aufwache, hat eine Spinne angefangen, an meinem Rucksack ein Netz zu bauen. Zwei Querfäden hat sie schon befestigt, jetzt kommt ein Flugfaden. Er weht schon in meine Richtung, er glänzt im Sonnenlicht und ich kann beobachten, wie er länger und länger wird und in der leichten Brise herum weht. Kurz bevor er mich selber erreicht, stoppe ich die Spinne bei ihrer Arbeit. Oder soll ich sie als Maskottchen mitnehmen? Noch einmal genüsslich strecken, dann ziehe ich meine Schuhe wieder an und mach mich wieder auf den Weg. Wie ruhig und gemütlich es hier ist, kein Autolärm, keine Traktoren, keine Flugzeuge, nur das leise Rauschen des Windes vereinzelt ein Vogel, der singt.

Doch einen Kaffee hab ich nicht gefunden. Die beiden nächsten Dörfer wurden vom Jakobsweg nur tangential gestreift. Hübsche Dörfer, hübsche Häuser aus diesen grob behauenen Steinen. Dazu dunkles Holz für Türen und Fensterläden, gefällt mir gut. Aber eben, eine Boulangerie hab ich nicht gefunden.

Und plötzlich wurde es steil. Bisher hat sich der Wanderweg gemütlich an den Hängen entlang geschlängelt, immer ein bisschen aufwärts, aber jetzt ging’s senkrecht den Hügel hinauf. Und das in der Mittagshitze. Da kam ich ganz schön ausser Puste und schweisstreibend war’s auch. Meine Augenbrauen konnten Schweiss kaum noch auffangen, mehrmals ist er mir in die Augen geronnen. Immer wieder hab ich meine Brauen auswringen müssen, damit sie ihren Dienst versehen können. Der Schweiss, der mir seitlich durch Gesicht geströmt ist, war mir schon egal, Hauptsache er brennt nicht in den Augen. Selbst aus meinem Bart tropft der Schweiss.

Oben angekommen steht dann richtig einladend die Gîte d’etape du Ste. Blandine. Der Name ist mir schonmal untergekommen, diese Märtyrerin ist die Schutzpatronin von Lyon. Der Ste. Blandine hat man hier oben auch ein Kreuz errichtet, mit Picknick-Bänken dran und schöner Aussicht drum herum. Doch ich war nicht der einzige, der diese Aussicht geniessen wollte. Eine Gruppe französischer Wanderer war schon da. Nach der Begrüssung hab ich mit eine andere Bank aus gesucht. Zwar ohne Aussicht, dafür aber mit Schatten. Und einer leichten Brise Wind, damit ich mal wieder abkühle. Der Anstieg ist geschafft, ich glaube, jetzt geht’s wieder gemächlich weiter.

Ging’s dann auch. Durch ein wunderschönes kleines Tal, von oben kommend mit der tollen Aussicht am Anfang und dem Abstieg bis hinunter. Ganz hinten, ganz oben in diesem Tal (aus meiner Sicht am Anfang) standen ein paar schmucke kleine Häuser, hübsch hergerichtet, hierhin haben sich die Bewohner also zurückgezogen.

Und ihre Gärten gingen in die Natur des Tales über, aus den Apfel- und Kirschbäumen im Garten wurde langsam der Wald, aus dem rasierten Rasen wurde langsam eine Pferdeweide. Ein schwarzes und ein weisses Pferd standen unter einem Apfelbaum neben einander, das weisse hat sich genüsslich den Hals an der Rinde gekratzt. Der Bach rauscht durch die Wiese, ein schmaler Trampelpfad führt in gemächlichen Windungen über die Wiesen und unter den Obstbäumen in den Wald hinein. So schön zum Anschauen, so schön zum Wandern.

Unten angekommen kam, glaub ich, wieder ein Dorf, mit nichts, an was ich mich erinnern könnte, ausser dem Aufstieg auf den nächsten Hügel. Schweissnass oben angekommen traf ich die Wandergruppe vom Croix des Ste. Blandine wieder. Sechs Rentner, die drei Tage im Jahr den Jakobsweg gehen. Sie sprachen mich an und wir unterhielten uns ein bisschen. Ich hab nach einer Boulangerie gefragt, mehr zum Scherz für Frühstück, doch eigentlich mehr für einen Kaffee. Das mit dem Petit déjeuner haben sie ernst genommen und zogen gleich ein Baguette aus einem ihrer Rucksäcke. Ich wollte abwinken, aber sie wollten mir unbedingt das Baguette schenken. Eigentlich eine Flute. Das selbe Weissbrot, aber obendrauf noch mit Mehl bestreut. Gemeinsam gingen wir weiter, ich mit dem Brot in der Hand, in Richtung des nächsten Dorfes. Kaffeetrinken fanden auch sie eine gute Idee, so sind wir plaudernd weiter gezogen.

Mit langsamen Französisch und gebrochenem English haben wir uns recht gut unterhalten können. Ich hab meine Geschichte erzählt und sie haben mir die Umgebung gezeigt. Welches der Pilat Berg ist, was das für eine Antenne oben drauf ist, wie schön die Gegend hier ist. Als wir im nächsten Dorf ankamen, fanden wir sogar eine Bar, die offen hat und in dem Moment, als wir uns zu siebt dort niedergelassen haben, alle die Rucksäcke abgezogen haben, just in diesem Moment kam auch eine zehnköpfige Motorrad-Gruppe auf ihrem Ausflug in den Garten der Bar. Ui, da hatte die Bedienung aber plötzlich viel zu tun 🙂

Nach dem Kaffee ging’s weiter über Felder und Wiesen, nicht mehr steil, gemütlich zu laufen. Wir unterhielten uns über die Franzosen und ihre Eigenheiten, über die Deutschen und über den angeblichen Konflikt zwischen beiden Völkern. Das mit dem Krieg stirbt langsam aus, die Generation der „jungen Rentner“ von heute interessiert sich nicht mehr für den Krieg. Aber die Gruppe war erstaunt, als ich erzählt hab, dass beinahe jeder Franzose, den ich getroffen habe, English kann. Das hätten sie nicht gedacht. Sie haben eher erzählt, dass die Franzosen tendenziell Rassisten seien, und das trotz (oder wegen?) der bunten Mischung an Kulturen und Hautfarben (zumindest in den Städten). So biegen wir plaudernd in Bourg-Argental ein. Ich hab noch erzählt, dass ich am Sonntag nach Valence will, aber die nächsten Dörfer sind nicht so gut mit dem Öffentlichen Verkehr angebunden. Sie meinten, da müsste ich schon bis Le Puy laufen, da gibt’s Bahn und Bus. Das könnte ich schaffen, haben sie gemeint und die Kilometer zusammen gerechnet. 93km noch (also vier-mal-zwanzig-dreizehn), wenn ich 25 km am Tag laufe, könnte ich das hinkriegen. Aber da hab ich abgewunken. Nicht wieder ein Fussproblem riskieren. Lieber gemütlich und gucken, wie weit ich komme.

Der Jakobsweg führt am Campingplatz von Bourg-Argental vorbei und ich hatte die Idee, hier zu übernachten. Die Wolken sind wieder dunkelgrau und sehen wieder mal nach Regen aus. Météo France hat auch für heute Abend Gewitter gemeldet, da ist mir ein festes Dach über dem Kopf schon lieber. Also hab ich mich von der Gruppe verabschiedet, mich für das Brot und den Kaffee bedankt und hab auf dem Campingplatz eingecheckt.

Frisch geduscht und mit frischen Kleidern (naja… sagen wir: mit anderen Klamotten) bin ich dann in die Stadt gegangen. Das waren doch noch zwei Kilometer… Und auf dem Weg hat es schon zu regnen angefangen. Ich glaub, meine Idee mit dem Campingplatz war gar nicht so schlecht. Und meine verschwitzten Kleider durchwaschen konnte ich auch noch. Auf dem Dorfplatz gibt’s eine kleine Pizzeria, mit überdachtem Draussensitzen und den Autos zugucken, die hier so rumfahren. Ich hab im Trockenen meine Pizza Texane gegessen, während der Regen die Tische vor mir voll gepritschelt hat. Doch als ich mich zum Ei in der Mitte der Pizza vorgearbeitet hatte, hat der Regen auch schon wieder aufgehört. (Noch) nichts mit Gewitter. Aber die Wolken bleiben und dafür dass, wie gestern, die Abendsonne nochmal rauskommt, ist es schon zu spät.

Ich denke noch über das Gespräch von heute Nachmittag nach. Ich hab der Französin erklärt, dass mir der Ortsname „Argental“ so deutsch vorkommt. Daraufhin hat sie mir erklärt, dass im französischen das Wort „Argent“ Silber bedeutet. Vielleicht war hier eine Silbermine? Weder das englische noch das deutsche Wikipedia konnten mit das erklären. Wenn das aber von Argent kommt, dann gehört das T nicht zum deutschen Wort „Tal“, wie es die deutsche Auslegung des Namens vermuten lassen könnte. Und eine Google Suche brachte mir eine deutsche Verwendung des Namens: „[Die] Verwaltungsgemeinschaft Argental liegt im schwäbischen Landkreis Lindau“. „Die Argen ist ein Fluss, der zwischen Kressbronn und Langenargen mit einer mittleren Wasserführung von rund 20 m³/s als drittgrößter Zufluss in den Bodensee mündet, und somit ein Nebenfluss des Rheins ist“. Bourg bedeutet soviel wie „befestigte Stadt“, also etwas mehr als Château (Burg). Als ich die Webseite der Gemeinde hier aufrufe, kommt mir gleich dieses Bild entgegen:

Stimmt, heute ist der 8. Mai. Die Kapitulation des kriegsführenden Deutschlands 1945 und damit das Ende des Zweiten Weltkriegs. Dieses Datum scheint den Franzosen noch wichtig zu sein, schon öfter hab ich dieses Datum als Name für eine Strasse oder einen Platz gesehen. Wobei ich auch in jeder Gemeinde ein Denkmal für die gefallenen Söhne Frankreichs gesehen habe.

Abends hab ich mit dem kostenlosen Internet vom Campingplatz noch mit Markus telefoniert, wir haben geschaut, ob und wenn ja wie wir uns auf Korsika treffen könnten. Hat mir gut getan, mal wieder mit ihm zu telefonieren.

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