nette Menschen in Bourg-Argental

zu den Bildern

Morgensonnenstrahlen glitzern in den Nachtregentropfen, die hier überall herum liegen. Es riecht nach frischem Regen aber die Wolken verziehen sich und machen dem blauen Himmel Platz. Den Weg ins Dorf kenne ich schon von gestern Abend. Dort ist heute Markt. Gemütlich schlendere ich drüber, bleib beim Fromageur St. Jacques kurz stehen, finde eine Boulangerie in der Nähe und frühstücke dort. Ein Café Long, ein Croissant und ein Pain au chocolat. Währenddessen schaue ich den Menschen zu, hier auf dem Markt sind sie doch wirklich mal zu Fuss unterwegs.

Ich wollte eigentlich die Blogeinträge der letzten Tage bebildern, aber ich sitze lieber gemütlich in der Sonne, schlürfe meinen Kaffee und schau dem bunten Treiben auf dem Markt zu. Aber Ihr wisst ja, wie ihr an die Bilder kommt. Rechte Spalte hier auf der Seite, ganz oben „alle meine Bilder“ anklicken. Die Alben sind zwar nicht ganz mit dem richtigen Datum versehen, aber die Albumnamen entsprechen den Blog-Titeln.

Freundliche Menschen kommen vorbei und schütteln mir die Hand, wünschen mir viel Erfolg auf dem weiteren Weg, erzählen mir ihre eigene Pilgergeschichte. Ja, wenn man mal drin sitzt in so einem Dorf, dann gehört man dazu 🙂

Die Wandergruppe gestern hat mir gesagt, dass Bourg-Argental das letzte grössere Dorf vor Le Puy ist. Wenn ich etwas administratives brauche, Touristen Info oder Buslinien nach Valence, dann sollte ich hier fragen. Die netten Damen in der Boulangerie erklären mir den Weg zum Office de Tourisme. Doch vorher wage ich mich auf den Markt, hab noch schnell die Vokabel für „Hartkäse“ nachgeschlagen und gehe zum Fromageur St. Jacques. Der erzählt mir, dass der kommende Weg recht steil wird und ich genug zu Trinken mitnehmen soll. Ich bin die Sensation auf dem Markt, alle Leute um mich herum müssen was erzählen und wünschen mir einen guten Weg. Am Stand nebenan, wo ich noch zwei Äpfel gekauft habe, gibt’s noch die lokale Wettervorhersage. Nein, nein, heute gibts keinen Regen. Nur Sonne. Vielleicht am Nachmittag? Mal sehen. Unter den Blicken aller Marktbesucher ziehe ich weiter, um die Touristeninfo zu suchen.

Die war auch schnell gefunden. Und die hübsche Dame dort hat sich recht um mich bemüht. Ich konnte kaum von ihren schönen blauen Augen ablassen, als sie mir gleich – in Anbetracht meines Rucksacks – ihren Tampon angeboten hat 😉 also den Stempel für meinen Pilgerpass. (Wie neckisch sie da stand, fragend mit dem Stempel in der Hand). Danach hab ich sie gefragt, wie weit ich in zwei Tagen auf dem Jakobsweg kommen könnte und wie ich von dort aus mit Bus oder Bahn nach Valence käme. Das könnte noch schwierig werden, denn ich komme jetzt immer tiefer in das Naturschutzgebiet. Aber sie hat mir folgenden Vorschlag ausgearbeitet:

Ich lauf noch zwei Tage, fahr dann von Montfaucon-en-Velay mit dem Taxi zurück nach Bourg-Argental und nehme den Bus nach Annonay. Das wäre recht nah an der Autobahn, vielleicht könnte ich Mat und Kat dort treffen. Oder ich nehme noch einen Bus nach Chanas/St. Rambert-d’Albon, das ist eine Ausfahrt auf der Autoroute du Soleil. Nach Valence wird’s eine Tagesreise für mich, Bus hierhin, Bus dorthin, nach St. Etienne, nach Lyon und dann nach Valence. Aber das erscheint mir zu weit. Naja, mal sehen, was Mat dazu meint. Nach der aktuellen Wettervorhersage bin ich von der Touristeninfo wieder weiter gezogen, hab mich grad auf eine Parkbank gesetzt, um meinen Blog zu tippen, als ein junger Mann, Michael, auf mich zu kommt.

Pilger? St. Jacques? Und schon sass er auf der Bank neben mir. Wir haben uns kaum ein paar Minuten unterhalten, da hat er mich auf einen Kaffee zu sich nach Hause eingeladen. Also gut, warum nicht. Bei ihm angekommen hat er mit neben einem Kaffee gleich eine Tafel Schokolade angeboten. Für mich auf dem Weg, ich soll sie gleich einstecken. Und dann fing er an mit seiner Geschichte: mit acht Jahren ist er aus dem fünften Stockwerk gefallen und hatte eine offene Schädelfraktur. Aber dank seiner Mutter (wenn ich’s richtig verstanden hab), ist das schnell wieder verheilt. So wie er das erzählt hat, muss das ein Wunder gewesen sein. Dabei hatte er seine Vision: er hat eine Lösung gefunden, um günstig Energie aus der Kraft der Sonne herzustellen, ganz ohne Atomenergie. Aber bevor er diese Vision umsetzen kann, will er im August sein Motorrad schnappen und durch die Schweiz fahren, mich in Bern besuchen, weiter nach Österreich und nach Osten, nördlich des Kaspischen Meeres durch Russland, durch den Himalaya, dort den Dalai Lama besuchen und weiter nach Indien. Dort kennt er jemanden, der seine Idee auf dem Computer programmieren kann, mit diesem Ergebnis will der dann zum König von Indien, der ihm Millionen dafür anbieten wird. Aber, ganz bescheiden wie er sich gibt, würde er nur eine Million für sich beanspruchen. Und mit dieser tollen Idee, von der ich nichts erzählen darf, kann er die Welt vom Atomstrom befreien. Meine Einwände, dass er Afrika mit einbeziehen sollte, gab noch ziemlich Diskussion, denn Afrika wäre sehr gefährlich. Aber wenn er die Menschheit damit retten will, dann müsste er doch hinbekommen, dass alle Länder am Äquator all die Energie produzieren und exportieren, die die nördlichen Länder verbrauchen. Aber in dieser Ausweitung sah er noch Schwierigkeiten, seine Idee war erstmal auf Indien beschränkt. Aber er war echt überzeugt, dass er einen grossen Wandel mit seiner Vision vollbringen könnte. Ein oder zwei Stunden haben wir von seiner Motorradreise und seiner durchschlagenden Idee gesprochen, immer wieder hat er mir auf der Europa- und Weltkarte seine geplante Route gezeigt, bis er mich zum Mittagessen eingeladen hat. Er hatte Salat gemacht und gegrillte Würstchen, dazu nicht nur einen Kaffee und ein Stück Schokoladentorte hinterher. Ich soll ordentlich reinhauen, damit ich kräftig bin für meinen Marsch nach Le Puy. Die Banane, die danach noch kam, hab ich nicht mehr geschafft, ich hab sie eingepackt für später. Nach dem Essen hat er mir noch erzählt, dass seine Freunde in der Landwirtschaft arbeiten und er so sehr günstig an Nahrungsmittel kommt. Und in der Schweiz ist doch alles so teuer? Kein Problem, wenn er mich im August besuchen kommt, bringt er mir einen ganzen Camion voll Lebensmittel mit. Ich muss nur eine grosse Gefriertruhe haben, am besten gleich zwei. Noch einen Kaffee, dann muss ich aber mal los. Und so ist es doch halb zwei geworden, bis ich in Bourg-Argental losgezogen bin. Aber schon verrückt, was für Leute ich kennen lerne. Und gegessen hab ich auch genug, meine Lebensmittelvorräte sind mehr als aufgefüllt. Zum Abschied gab’s noch eine herzliche Umarmung, Michael hat mich seinen Freund genannt und mir versprochen, eine Mail zu schicken, wenn er in die Schweiz kommt.

Aus Bourg-Argental hinaus ging es wirklich recht zünftig den Berg hinauf, wie der Fromageur schon gesagt hat, dafür aber mit einer schönen Aussicht. Die Gegend hier gefällt mir, schöne Berge und Hügel, grün bewachsen mit viel gelbem Ginster drin. Nur die grauen Wolken sehen immer wieder nach Regen aus. Aber der Wetterbericht hat für heute nur „Pluie fine“ angesagt, sollte also nicht so schlimm werden. Meine Gedanken kreisen immernoch um Michael und seine Vision.

Nach einer Stunde Aufstieg mache ich Rast, um meine Gedanken in den Blog zu tippen. Doch das Hochladen geht nicht, mein mobiles Internet ist wieder mal kaputt. Aber wieder eine neue Fehlermeldung die ich nicht kenne und die auch nur auf französisch. Doch nochmal zurück nach Argental, wo ich jemanden fragen kann? Geld abheben hab ich auch vergessen, wollte ich eigentlich nach dem Tourismusbüro machen, als mir Michael dazwischen kam. Und wie ich so tippte und überlegte, ob ich nochmal zurück gehen sollte, fing es auch noch zu regnen an. Aber recht heftig, da hat der Baum, unter dem ich sass, auch keinen Schutz geboten. Und bis ich meine Regenklamotten aus dem Rucksack gezogen hatte, war ich auch schon pitschnass. Das war dann die Entscheidung: zurück nach Argental. Ein Blick auf die Uhr, in einer Stunde ist vier, da sollte das Tourismusbüro noch offen haben.

Ich hab mich also im strömenden Regen auf den Rückweg gemacht, die Wolke hing direkt um mich herum, der Wald war plötzlich wie in einem Nebel gehüllt. Und die steilen, schweisstreibenden Stellen waren jetzt steile rutschige Schlammlöcher geworden, durch die ich hindurchwaten musste.

Völlig durchnässt und tropfend stand ich dann nach einer Stunde wieder bei dem hübschen Mädchen im Office de Tourisme, sie hat mich angelacht und gefragt, was sie für mich tun kann. Sie hat den Campingplatz angerufen und zwei Hotels eine Pilgerherberge, aber überall war voll belegt. Am Wochenende ist ein Fest (Feiertag?) in Argental, da sind viele Besucher da. Doch bei der zweiten Pilgerherberge hatten wir Glück. Für diese Nacht ist noch ein Bett frei. Puh. Dann hab ich noch die Busfahrpläne nach Annonay und weiter nach Valence bekommen, sie wollte mir schon ein Hotel in Valence organisieren, das Mädel hat sich echt bemüht. Dann bin ich zur freien Pilgerherberge gegangen, zu Madame Odouard. Und es regnet und regnet. Es war noch keiner da, also hab ich unter dem Vordach gewartet.

Plötzlich fährt ein Auto auf den Hof und ich seh durch die Windschutzscheibe einen ausgestreckten Zeigefinger auf mich gerichtet. Und wer steigt da aus? Die Pilgergruppe von gestern, die mir das Brot geschenkt hat. Was ein Wiedersehen 🙂 Sie sind heute 15 km gewandert und holen jetzt ihre Autos nach. Sie haben die letzte Nacht bei Madame Odouard übernachtet. Wir haben uns noch ein wenig unterhalten, dann sind sie davon gezogen und ich hab weiter auf meine Gastgeberin gewartet.

Die wurde dann auch von ihrem Mann vorgefahren. In ihrem schnellen Französisch hat sie mich gefragt, ob ich derjenige sei, für den die Tourismusinformation angerufen hätte. Aber Madame ist zu alt, als dass sie einsieht, dass andere nicht unbedingt so gut Französisch können. Sie spricht nicht langsamer, meine Frage, ob sie englisch kann, hat sie völlig ignoriert. Sie weist mir mein Zimmer zu, ich frage noch nach Zeitungen für meine nassen Schuhe, aber auch das scheint sie überhört zu haben. Frühstück gibt’s um halb acht, bezahlen kann ich morgen. Und weg war sie, in ihrer eigenen Wohnung nebenan. Es sind noch zwei andere Gäste da, zwei Frauen mit einem Bébé, aber die haben sich nach der schnellen Unterhaltung mit der Herbergsmutter auch auf ihr Zimmer zurückgezogen. Ich habs grad noch geschafft, mich vorzustellen, ich dachte, das sei höflich. Schade, hatte ich mich doch den ganzen Tag schon gefreut, wie nett und freundlich die Menschen hier sind. Internet gibt’s auch nicht, also fällt es mir nicht schwer, morgen nach Valence zu fahren. Dort gibt es einen Orange-Shop, der mir mit dem mobilen Internet weiter helfen kann. Und ich schau mir die Stadt an und wenn Matze meine Mail noch rechtzeitig bekommt, können wir uns am Sonntag dort treffen.

Und es regnet und regnet. Auch schade, ich hoffte, es hört mal wieder auf. Aber seit heute Mittag, als ich umgekehrt bin, hat es nicht wieder aufgehört. Naja, zumindest kann ich zwei Heizkörper benutzen, um meine Kleider wieder zu trocknen. Ich weiss nur nicht, ob meine Schuhe bis morgen wieder trocken sind, nachdem es keine alten Zeitungen gab.

Also kann ich auch duschen gehen und mit meinem Buch auf mein Zimmer zurückziehen, dachte ich und wusch mir den Schweiss vom Körper. Frisch geduscht lag dann plötzlich doch noch alte Zeitung auf meinem Bett. Ich bin in den Aufenthaltsraum und da stand die Herbergsdame noch im Gespräch mit zwei Männern. Die gehörten wohl zu den beiden Frauen und waren etwas gesprächiger. Nicht viel, aber immerhin haben wir uns ausgetauscht, dass ich Pilger bin und es heute regnet. Auf meine Gegenfrage hin haben sie dann doch noch erzählt, dass sie drei Tage auf Karate-Wettkampf in Anonnay sind. Diese kurze Unterhaltung hat mir dann noch ein Glas Rotwein eingebracht. Ansonsten waren die Anwesenden mit dem kleinen Enkel beschäftigt, deren Mutter etwas geschafft aussah.

Als sich die Geschlechterrollen allerdings verteilt hatten, die Frauen haben sich ums Kind gekümmert, sind die Männer doch noch aufgetaut (und sie verstehen doch englisch) und haben von ihrem Karate erzählt und ihre Choreografie für den morgigen Wettkampftag ausgearbeitet. Meine interessierten Blicke haben sie auch mit Darstellungen beantwortet und mir das eine oder andere zu erklären versucht. Auf meine Frage hin, ob der Wettkampf öffentlich wäre, ob ich zugucken könnte, haben sie mich eingeladen, morgen mitzukommen. Sie haben sogar für meinen grossen Rucksack Platz im Auto. So kann ich morgen mit ihnen nach Anonnay fahren, von dort aus geht dann mittags ein Bus nach Valence. So cool. Frechheit siegt! Einfach mal fragen 🙂

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