Karate in Anonnay

Um halb acht gab's Frühstück und das war heute sogar mehr als nur ein petit dejeuner. Mme Odouard war heute recht freundlich, hatte allerdings wenig Geduld mit mir schlecht Französisch stammelnden Pilger, wenn sie sich doch fliessend mit den anderen unterhalten konnte. Nach meiner Bezahlung ging's dann los, in einem Audi („deutsche Qualität“) sind wir dann nach Anonnay ins Gymnase gefahren. Hier haben sich dann alle getroffen, lauter weisse Kimonos sind herum gelaufen. Und weil ich mit in der Gruppe stand, haben mir auch alle die Hand geschüttelt.

Nach den Aufwärmübungen ging es dann mit den ersten Angriffs- und Abwehrübungen weiter. Alle zusammen schienen eine grosse Gruppe zu bilden, es ist eher ein Trainingslager als ein Wettkampf. Nach jedem dreistufigen Angriff und dessen Verteidigung gibt's die Verbeugung der Kämpfenden. Es geht wohl sehr um die Körperspannung, die einige recht larifari ausgeführt haben. Aber nach der strengen Ermahnung des Vorturners und dem gemeinsamen Üben wurden die Bewegungen immer stärker, strenger, kraftvoller und synchroner.

Die zwei Vorturner haben immer anderen Verteidigugsbewegungen gezeigt, sie sind immer komplexer geworden, bald gab es einige Schwierigkeiten, die Bewegugsabläufe nach zu machen. Doch es liefen mehrere Schwarzgurt-Trainer zwischen den Schülern, um nochmal einzeln die Feinheiten zu erklären. Der Unterschied zwischen den Lehrern in der Mitte und den Schülern hat mir gezeigt, wie schwierig Karate wohl sein muss. Es waren fast alle Altergsgruppen gemischt da, von jungen Mädchen bis zu alten Herren.

Plötzlich spricht mich einer der Karate Schüler an, ob ich nicht ein paar Fotos machen könnte mit seiner Kamera. Seine Tasche steht da drüben, am Rand der Sporthalle, ich soll sie mir nehmen und einfach mal drauf los schiessen. Und so stand ich, wie früher, mit der Kamera in der Hand neben dem Geschehen und hab Unmengen an Bildern geschossen. Mit einer Kamera in der Hand hatte ich auch gleich einen anderen Blick dafür. Ich hab beobachtet, welche Übung und welche Bewegungen der Lehrer vormacht, hab gesehen, wie die Schüler versuchen, die Bewegungen nach zu machen und konnte so den Zeitpunkt für ein gutes Foto abschätzen. So hab ich nochmal genauer hingeschaut und nochmal mehr gesehen.

War noch lustig, der Lehrer zeigt z.B. einen Schritt nach vorne, eine kleine Drehung, mit dem Arm zuschlagen, uh! rufen, einen Schritt nach hinten, rechten Arm nach oben, linken nach vorne, eine Schlag nach vorne, ai! schreien und wieder einen Schritt nach vorne. Und dann haben zwanzig Karate Schüler versucht, diesen Bewegungsablauf nach zu machen. Aber dem Lehrer war das zu schlaff, da hat er den Rhythmus vorgegeben und den recht schnell. Und als die Choreografie dann eingeübt war und zwanzig Leute diese Bewegungen dann synchron hinbekommen haben, sah das richtig gut aus. Vol allem, als dann auch alle synchron uh! und ai! gerufen haben 🙂 Ich hatte meinen Spass und hab neben den Unmengen von Fotos auch ein paar Videos mit dieser fremden Kamera gemacht. Bis die Speicherkarte voll war 😉

Am Mittag bin ich dann wieder gegangen, hab mich bei den beiden Männern, die mich mitgenommen haben, bedankt und verabschiedet, eine ortskundige Teilnehmerin hat mir noch den Weg zum Bus erklärt. So musste ich gar nicht mal die drei Kilometer nach Anonnay hinein laufen, sondern nur fünf Minuten zur Haltestelle im Industriegebiet. Wie praktisch. Dort stand ich dann und wartete auf den Bus nach Valence. Und stand. Und wartete. Zehn Minuten zu spät kam dann ein Bus, dessen Fahrer hab ich nach Valence gefragt und er hat mir erklärt, dass ich auf der falschen Strassenseite warte, Valence liegt in der anderen Richtung. Hmm. Doof. Der nächste Bus fährt in vier Stunden. Und ich steh im Industriegebiet, als Fussgänger ist man hier eine fremde Spezies. Aber Hey, da vorne ist ein Orange-Laden, vielleicht können die ja mein mobiles Internet richten…

Um meine Frage ordentlich vorzubereiten, wollte ich meine beiden Geräte mit dem Internet-Kästchen verbinden, damit ich den Shop-Mitarbeitern gleich die entsprechende Fehlermeldung zeigen kann. Aber iPhone und iPad haben das Kästchen nicht mehr gefunden, ich kam nichtmal so weit. Blind. Unsichtbar. Ganz kaputt? Also hab ich meine Fragestellung im Kopf schonmal umformuliert, aber da reicht mein Französisch nun gar nicht mehr aus. Also scheu fragen, ob sie vielleicht englisch können? Das hat gleich alle Ressourcen der Belegschaft gekostet, ein Mitarbeiter war die ganze Zeit am Telefon und die Schlange an wartenden Kunden wurde immer länger. Ich hab denen gesagt, dass ich Zeit hab, sollen sie erstmal die anderen Kunden dran nehmen, ich geh inzwischen zu McDonalds gegenüber und trinke einen Kaffee. Dort gibts kostenloses Internet, da kann ich wenigstens mal die dringendsten Dinge erledigen. Ich hab ja Zeit, dachte ich, vier Stunden, da braucht mein technisches Problem ja nicht die anderen Kunden aufhalten.

Als ich in den Laden zurück kam, haben sie wenigstens mal den ersten Schritt gelöst, ich weiss nicht wie, aber immerhin. Aber der zweite Schritt ist das Passwort zum Verbinden mit dem Internetkästchen und jetzt ist es daran gescheitert. Und die Schlange an wartenden Kunden ist grösser und grösser geworden, ich hab mich noch gewundert, wie viele Kunden doch Orange hat. Die junge Dame hinter mir hat schon die Augen verdreht, ich hab mich mit einem Schulterzucken entschuldigt, aber sie wollte nicht mir die Schuld geben. Also, nehmen sie erstmal die anderen Kunden dran, hab mir das Internet vom Laden geben lassen und meine Nachrichten gelesen. All die RSS Feeds aus der Apple-Welt, aus der Technik-Welt, all die Dinge, die ich eh nicht verpasst hätte. Und die Kunden im Laden wurden nicht weniger. Doch irgendwann war alles durchgelesen, bestimmt zwei Stunden konnte ich kostenlos im Orange-Shop surfen. Und jetzt dann demnächst geht der nächste Bus nach Valence. Als ich ihnen dieses klärt hab (mein nicht ganz Französisch hat wieder alle Mitarbeiter beschäftigt), waren sie sichtlich erleichtert. Ich solle doch in Valence in einen Orange-Shop gehen, dort den Kundendienst anrufen lassen, damit man vielleicht bis Montag entscheidet, ob man mir das Internet-Kästchen austauscht. Sie haben mir wieder alles in die Hand gedrückt und mich unverrichteter Dinge abziehen lassen. Vier Stunden verbummelt, ohne mein Problem gelöst zu haben. Aber dabei hab ich mal wieder gesehen, wie anstrengend das sein muss, den ganzen Tag im Laden zu stehen und Kunden zu bedienen. Der Bus fuhr dann auch auf der richtigen Strassenseite nach Valence, drei Euro für eineinhalb Stunden Busfahrt. Geht eigentlich noch.

Auf der Fahrt hab ich spasseshalber nochmal versucht, meine Geräte mit dem Internetkästchen zu verbinden. Und siehe da: es geht! Verbindung geht, Passwort geht, nur Internet geht nicht, ab jetzt kommt die „normale“ Meldung, wenn ich mein Datenvolumen aufgebraucht hab und wieder aufladen muss. Komische Technik. Da war also nichts zu reparieren und die Geräte haben mich und die Shop-Mitarbeiter nur zum Narren gehalten.

Viertel vor sechs in Valence am Bahnhof angekommen, zur Touristeninformation, günstiges Hotel suchen lassen, telefonieren und reservieren lassen, eine Idee für das Treffen mit Mat und Kat ausarbeiten lassen, den hiesigen Orange-Shop auf dem Stadtplan einzeichnen lassen, weiter zum Hotel, einchecken, Rucksack aufs Zimmer stellen. Halb sieben. Um sieben machen die Geschäfte zu. Also noch schnell zum Orange-Shop huschen. Dort konnte keiner englisch, also hab ich versucht, mein Problem auf Französisch zu erklären. Und nicht zu ersten Mal, au Mann, ich hasse das langsam, haben sie sich mein Telefon geschnappt und versucht, in den Einstellungen herum zu fummeln. Kein Plan von den deutschen Bezeichnungen im Menü, aber drin rumwühlen. Als sie mir dann fast meine Bookmarks im Browser gelöscht haben, bin ich dazwischen gegangen. Dann kam eine junge Verkäuferin, die wenigstens ein bisschen englisch kann, aber auch eher Verkaufs- als technisches Personal ist. Und schon wieder wollten sie das Problem in meinem Telefon lösen. Mir als Techniker, der die technischen Dinge darin sehr gut versteht und das Problem auf vertraglicher Seite sieht, stellt's jedes Mal die Haare auf, wenn sie meinen, dass mein Telefon zu viel Internet verbraucht. Mann! Ich weiss, was mein Telefon im Internet macht und ja, es ist nicht wenig. Dann kamen sie auf die Idee, dass ich einen neue SIM-Karte kaufen muss. Damit war ich auch nicht einverstanden. Deren Computer sagt, die Karte sei „finite“. Ich hab dann insistiert und gefordert, dass sie mein in Le Côte St. André gekauftes Guthaben mal freischalten und erst als das per Telefon bestätigt wurde, haben sie von ihrer Lösung Abstand genommen. Und gleich mal Google aufgerufen, mir unter die Nase gehalten mit dem Spruch: Geht doch. Jaja, Google aufrufen als Beweis, dass das Internet geht. Das kenne ich schon, seit dem ich in Frankreich bin 😉 Naja, scheint wirklich zu funktionieren, meine Bookmarks hab ich noch retten können und die Damen haben mich knapp und bestimmt aus dem Laden befördert. Sieben Uhr. Ich glaub, die waren etwas sauer, dass ich kurz vor Feierabend noch so einen stressigen Kunden abgegeben habe.

Mein Hotel ist gleich am Bahnhof, vorne am Eck gibts ein Café. Erstmal ein Bierchen trinken. Erstmal ankommen. Hallo Valence. Durchatmen. Mat und Kat noch ein Mail schreiben mit dem Vorschlag von der Touri-Info. Und dann gemütlich den Menschen zugucken, die schubweise mit ihren Rollkoffern aus dem Bahnhof kommen. Und den Autos zugucken, die hier mit offenen Fenstern und lauter Musik herum fahren. Und die Menschen, jetzt ohne Koffer, wieder sehen, die etwas zu essen suchen. Beim zweiten Bierchen hab ich dann die Musse gefunden, meinen Blog zu tippen. Irgendwie war ich aufgedreht, unruhig, ungeduldig. Den ganzen Tag nichts (körperliches) gemacht, vier Stunden im Industriegebiet verbummelt und in einer halben Stunde mein Problem lösen wollen (und können). Ich sollte entspannter werden. Ich glaub, ich bin Internet-süchtig 😉

 

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