zurück nach Bourg-Argental

Die grauen Wolken sind weg! Juhu, das Wetter wird besser. Um halb acht war ich wach, geduscht und angezogen. Ich bin ins Bistro gegenüber vom Hotel gegangen, hab gefrühstückt, im Internet gearbeitet, hab der Morgensonne zugeschaut, wie sie hinter dem Bahnhofsgebäude aufgeht und mich wärmen lassen. Mein Bus über Annonay nach Bourg-Argental fährt erst um 12:45, ich hab also viel Zeit.

Gemütlich zur Bank, zur BNP Paribas, der einzigen Bank, bei der ich kostenlos Geld abheben kann. Dann zum grossen Platz, dem Champ de Mars, mit dem Pavillon drauf, und in der Sonne gesessen. Überall um mich herum ist blauer Himmel, heute sind keine grauen Wolken da. Ich studiere den weiteren Jakobsweg, überlege, ob ich in Argental noch eine Nacht verbringen soll oder mich gleich in den Wald schlage.

Ich denke drüber nach, dass mir das Reisen im Stil meiner Wanderferien doch mehr liegt, als das Pilgern. Von A nach B wandern, mit dem Öffentlichen Verkehr hin und her und von B aus weiter wandern. Wie ich es daheim auch schon gemacht hab. Da komme ich mehr rum; und ich brauche das auch ab und zu mal in einer Stadt zu sein. Aber so ganz eigentlich brauche ich dafür keinen Pilgerweg. Allerdings ist es echt praktisch, dass der Jakobsweg so gut ausgeschildert ist. Das hilft beim Fernwandern ungemein und erspart mir das Mitschleppen eines Reiseführers. Andererseits, selbst ohne Markierung und ohne Reiseführer könnte ich wandern, ich würde dann schon sehen, wo ich entlang komme. So ganz eigentlich reduziert sich der Jakobsweg für mich auf eine Beschilderung von einem Weg (von vielen) mit dem Fernziel Santiago in Nordwest-Spanien. Anfühlen tut er sich wie Wandern. Und ich glaub, an diesem Wandern liegt's auch, dass mir so viele liebenswürdige Menschen begegnen, das ist nicht auf Pilgern „beschränkt“.

Mir gefällt dieses Wanderleben. Wenn ich so zurückdenke, alleine die aktuelle Wanderung, aber auch letztes Jahr; wenn man auf „Dauerurlaub“ ist, verschwindet das Zeitraster, in dem wir sonst so leben. Die Tage unterscheiden sich deutlich mehr nach Wetter als nach Wochentag, zum Beispiel. Das zeitliche „Korsett“ ist bei mir nicht mehr in Arbeitstage und Wochenende eingeteilt, sondern viel weitläufiger. Es war noch Winter, als ich aufgebrochen bin, danach kam der Frühling, da ging dann alles recht schnell, der Bärlauch kam und wurde Tag für Tag grösser, kurz drauf hat er schon geblüht, der Löwenzahn war irgendwann da und kurz drauf schon Pusteblumen. Die Brennesseln sind in die Höhe geschossen und blühen inzwischen auch schon, bald kann ich die Samen ernten. Jetzt kommt der Sommer (die Regenzeit ist hoffentlich bald vorbei) und „schon demnächst“ treffe ich Heinz auf Korsika.

Doch zwischendrin bekomme ich an meine Schweizer Postadresse Steuerbescheide und sonstig nervige Sachen. „Das Büro“ bleibt mir doch nicht erspart (aber es macht viel mehr Spass, es in alten römischen Ruinen zu erledigen 🙂 ). Die Gemeinde Bern will von mir 8000.- CHF Gemeindesteuren. Wofür eigentlich? Für die Infrastruktur, die ich nutze? Nur weil ich mich in Bern nicht abmelden musste? Ich bin doch gar nicht da…

Und wenn ich meine Finanzen so grob im Hinterkopf hab, sieht's aktuell so aus, dass ich mal wieder Geld verdienen sollte. Ich hab mich diesbzgl. nicht viel verändert. Ich bin nicht der Globetrotter geworden, der barfuss mit Gitarre in der Fussgängerzone singt, um sich sein Abendessen zu verdienen. Die Idee, als Hostelliero zu arbeiten ist auch wieder sehr in den Hintergrund gerückt. Und irgendwie, so eigentlich, (so internet-süchtig, wie ich bin) bräuchte ich auch mal ein grösseres iPad. Ständig ist der Speicher voll, ständig muss ich irgendwelche Spiele oder Fotos löschen, damit die aktuellen Bilder wieder Platz haben. 32 GB „Festplatte“ an meinem „Hauptcomputer“ sind halt doch nicht mehr zeitgemäss 😉 Gut, dass ich die Cloud habe, in der auch noch Platz ist.

Mit juckt der Gedanke, eine Nacht draussen auf der Burgruine gegenüber zu verbringen. Die Burganlage hat mich fasziniert, recht viele Grundmauern sind noch sichtbar, so dass die Grösse der Anlage noch sichtbar ist. Da finde ich verschiedene Stellen, an denen ich ziemlich cool übernachten könnte. Hängematte quasi über den Abgrund hängen und eine geniale Aussicht über das ganze Rhônetal. Das wär mal ein Panorama beim Zähneputzen 😀 Aber es ist verboten, steht auch extra dran, deswegen lass ich das und fahre wieder in den Naturpark du Pilat zurück. Der ist auch schön, da werde ich bestimmt auch wieder gute Übernachtungsplätze finden.

Der Bus von Valence nach Annonay hatte etwas Verspätung, der Anschluss nach Bourg-Argental war weg. Drei Stunden Zeit in Annonay. Neben dem Busbahnhof ist ein Super-U und heute ist Montag. Kann gut sein, dass der kleine Laden in Argental heute gar nicht offen hat. Lieber hier Einkaufen…

Als danach immernoch zwei Stunden Zeit waren, hab ich die Dame am Busbahnhof gebeten, auf meinen Rucksack aufzupassen und hab mir die Altstadt angesehen. Nicht sonderlich toll, zwar mittelalterlich, aber nicht gepflegt. In manch einer Gasse hab ich mir gut vorstellen können, was für Verhältnisse das gewesen sein müssen, als hier die Pest wütete. Naja… Nicht ganz so schlimm, aber der Gedanke ging mir durch den Kopf. Wobei ich einfach nur in der falschen Ecke war. Die „schöne“ Altstadt war weiter unten, auch wieder mit einem schönen, grossen, sonnigen Platz zum Verweilen und mit einigen echt schön bemalten Häuserwänden, die die Gebrüder Montgolfière zum Thema hatten.

Die Mairie und das grosse Postgebäude waren auch schön hergerichtet, mit einem Platz dazwischen, auf dem Kastanienbäume stehen. Wenn mal ein Platz zwischen den Häusern ist, dann ist er auch gross, hier in Frankreich. Aber in so mancher Stadt als grosser Parkplatz genutzt…

Eiskaffee in Annonay

Neben diesem Platz fand ich eine Brasserie mit Terasse, Sonnenstoren boten Schatten, hier könnte ich einen Eiskaffee trinken. Was heisst das gleich? Café Glace? Glacecafé? Irgendwie so halt. Sie haben mir dann auch einen gemacht: einen frisch gebrühten Kaffee mit Eiswürfeln drin. Ja… War auch kalt 😉 Kann man wenigstens auch mit Strohhalm trinken 🙂 (Nur der Zucker löst sich schlechter in kaltem Kaffee). Die Variante mit Vanilleeis heisst wahrscheinlich nochmal anders.

Um sechs Uhr abends war ich dann wieder in Bourg-Argental. Hab dabei die Département-Grenze von Ardèche nach Loire überquert. In Bourg-Argental, bei den netten Menschen. Und den Wolken. Sie sind weiss, manche grau, aber ich glaub, die blöffen nur. So schlecht das Wetter die letzten Tage auch ausgesehen hat, in Valence bin ich nicht ein einziges Mal nass geworden. Und tatsächlich, der kleine Supermarkt hier hat Montags geschlossen (zumindest nachmittags). Wie die Pizzeria auch. Aber nebenan gab's wenigstens ein Bier. Und guck an, das Rathaus hat auch keine zwanzig Frankreich-Flaggen mehr als Gebäudeschmuck. Das war wohl nur am 8. Mai so. (Oder wegen dem Fest am Wochenende?)

Ich grübel an einer (wahrscheinlich wieder typisch Frank spitzfindigen) Frage: Sagt man dem Kellner „L'addition, svp“, auch wenn man nur ein Bier hatte (und es nix zu addieren gibt)? Wenn das jemand weiss, bitte unten als Kommentar schreiben. Merci 🙂

Die Restaurants waren alle geschlossen, selbst die „türkischen Spazialitäten Restaurants“ hatten zu. Montags in Frankreich. Ich hab's ja eigentlich schonmal gelesen, aber jetzt erfahre ich das am eigenen Leib 🙂 (Hätte mir die Hotel-Frau aber auch mal sagen können, sie hat mich extra nach Essen gefragt, worauf ich ihr gesagt hab, ich will im Dorf gucken). Gut dass ich noch eingekauft hab 🙂

Als ich so durch das Dorf schlendere, fallen mir all die Menschen ein, die ich hier getroffen habe. Die meisten sind schon wieder weg, inzwischen ganz woanders, nicht einmal den selben Weg weiter vorne. Die Pilgergruppe, die mir das Brot geschenkt hat, hat ihre drei Tage fertig, die Karatekämpfer sind auch wieder zu Hause in der Nähe von Bordeaux. Das ist jetzt erst ein paar Tage her, und doch fängt es an, in Vergessenheit zu geraten. Viel erleben heisst auch, viel wieder zu vergessen. Nur die wichtigsten Dinge bleiben in aktiver Erinnerung. Das ist mit den verschiedenen Problemen und Krisen im OCC genauso, wie beim Wandern. Oder wenn man sechs Wochen lang mit dem Auto zum Nordkapp und wieder zurück fährt 🙂 Ich müsste ziemlich viel grübeln, wenns drum geht „was hab ich eigentlich die letzten zwei Monate gemacht?“

Jetzt und hier

sitze ich auf einer Bank im Grünen, hab Bäume hinter mir und 20m weiter vor mir, Wiese dazwischen, die in einem grossen Bogen von einem rauschenden Bach durchflossen wird, mitten auf der ein junger Ahorn mit roten Blättern steht. Blumen spriessen, blaue und rosa, gelbe und weisse, Gras wächst kniehoch, alles streckt sich der Sonne entgegen, die von links in abendlicher Orange-Färbung mir ins Gesicht scheint, dabei Bäume und Gras von halb-hinten beleuchtet, um durch einen Grashalm hindurch so richtig satt leuchtend grün zu werden, oder durch ein Ahornblatt satt leuchtend rot. Im Gegenlicht tanzen ein paar Insekten in der Luft und es glitzert ein Schwebefaden einer Spinne und sucht einen Haltepunkt in meiner Nähe. Drei Ameisen sind abkommandiert, mich zu untersuchen, von Kopf bis Fuss; aber es werden nicht mehr, also lasse ich sie gewähren. Die werden eh nix finden 😉 Der Platz hier ist anders als in der Stadt. Wenn ich die Augen zumache, er klingt ganz ähnlich. In der Stadt rauschen zwar die Brunnen statt dem Bach, ein paar Autos kann ich auch hier hören. Aber der Platz sieht ganz anders aus. Er ist nicht eingerahmt von einem regelmässigen Rechteck an Strassen. Hier kommt keine Sirene vorbei, hier hört man kein ständiges Hupen. Es sind keine Häuserfronten sondern eine Baumreihe. Einer grösser Baum, der andere etwas grüner, der nächste etwas buschiger, zwischendrin eine Birke. Kaum eine gerade Linie zu sehen. Auch der Weg über die Wiese, von Menschen ausgetreten, schlängelt sich etwas und ist nicht schnurgerade. In der Stadt gibt es viel zu viele gerade Linien. Trottoirs, Bürgersteige, Zebrastreifen, rechtwinklige Kreuzungen, (und gerade in Frankreich) schachbrettgerade Strassenschluchten. In grösseren Städten kann man da kilometerweit entlang schauen. Hier und jetzt sehe ich in 200m die beschriebene Baumreihe nach links abdriften, inklusive Wiese und Weg, um in einem kleinen Wäldchen zu landen, in dem sich die Brücke über den Bach spannt. Aber das kann ich nicht sehen, da bin ich nur hergekommen.

Die Sonne hat sich inzwischen hinter einen Hügel verabschiedet, die Feuchtigkeit des Baches fängt an, über die Wiese zu wabern und erreicht mich auch auf der Bank. Auf dem geschlängelten Weg gehe ich durch lauter schiefe und krumme Linien des Waldes wieder zurück ins Dorf. Mal Abendessen.

 

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