langer Tag im Regen

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Es regnet immer noch. Susanna sagt, es habe die ganze Nacht geregnet. Sie hat das mitbekommen, weil sie nicht gut schlafen konnte. Ich kann mich nicht beschweren, ich hab sehr gut in diesem grossen Bett geschlafen. Nach dem Frühstück zieht Susanna weiter. Sie freut sich schon drauf, in zwei Tagen endlich anzukommen, endlich in Le Puy zu sein. Ich dagegen verbummle noch ein paar Tage, bis ich nach Korsika fahre, und warte auf besseres Wetter.

Und dann stand ich da, im Regen, im Dorf, wieder alleine. Ich freu mich noch, ein warmes, trockenes Bett gehabt zu haben, dann es ist echt frisch heute. Nebst Regensachen hab ich auch jetzt wieder Handschuhe angezogen. Moment mal, das ist weiss, was da runter regnet. Schnee? So kalt? Doch die weissen Dinger springen vom Asphalt wieder hoch. Ein Graupelschauer? Naja, wenn ich die Wolken so anschaue, kann von Schauer keine Rede sein. Alles grau in grau.

Doch Susanna und unser Gespräch geben mir viel zu resümieren, erinnern, nachdenken, so bin ich ziemlich gut aufgelegt vorwärts marschiert. Vor mir die beiden französischen Pilgerinnen, mit ihren Regensachen ein leuchtend roter Hinweis in der grau-grünen Landschaft. Hinter mir müssten auch bald ein paar Pilger kommen, die hab ich im Dorf schon gesehen. Vielleicht kann ich ihnen ja auch ein leuchtend roter Punkt in der Landschaft sein.

Bald hab ich Gerhard getroffen, sein österreichischer Akzent hat mich gestern Abend schon nach dem Bahnhof gefragt. Sein Fuss ist kaputt, Bänderzerrung oder sowas, seit ein paar Tagen schon. Oh je, das kenn ich. Jeder Schritt tut weh, das Bein schwillt an und das Schlimmste: man wird langsamer! Gerhard hat sich etwas darüber genervt, wollte mich immer vor gehen lassen. Aber ich hab sein Tempo dazu genutzt, um endlich mal meinen gleichmässigen Rhythmus zu finden, etwas beständiger zu laufen. Mit in der Nähe waren vier französisch sprechende Frauen, die gerade ihre Wanderung von La Côte St André nach Le Puy machen. Zwei von ihnen waren bei mir im Hotel, ich glaube fast, die anderen beiden waren bei Gerhard in der Unterkunft. Naja, diese vier Damen hatten wir auch um uns herum. Zwischendrin hab ich mich von Gerhard zurückfallen lassen in die Frauengruppe, hab mit denen ein bisschen Smalltalk gemacht, bin dann wieder vor zum Gerhard. Der aber war gar nicht mal so langsam unterwegs, wie er behauptete. Bestimmt zwei Kilometer weit hab ich „Elefantenrennen“ gespielt, bis ich ihn wieder eingeholt hab. Aber so dehnbar sind die Abstände, wenn man zusammen geht, man muss sich nicht immer unterhalten.

Zwischendrin kam ein Dorf, ich hab ein Foto gemacht, bin in die Kirche gegangen, hab mir diese gemütlich angeschaut, war am WC, hab Wasser aufgefüllt und dachte schon, Gerhard wär jetzt viel weiter vorne. Aber am WC haben wir uns wieder getroffen, er hatte inzwischen sein Bein mal hochgelegt und Brotzeit gemacht. Ein bisschen plaudernd sind wir weiter, wir haben und nicht viel unterhalten, aber immer wieder ein bisschen.

In St. Jeunes haben wir Pause gemacht, Kaffee getrunken (wieder einer frisch aus der Filterkaffeemaschine, wie bei Muttern daheim) und Gerhard hat sich sein Bein angeschaut. Recht geschwollen. Hinten an der Ferse eine Blase und vorne das Band, was bei jedem Auftreten schmerzt. In seinem Reiseführer haben wir den weiteren Weg angeschaut: steil nach oben auf 1300 Meter. Und in diesem schmalen Höhenprofil sah das richtig steil aus. Gerhard hat kurz hinter dem höchsten Punkt eine Herberge gebucht. Sind Deutsche, „Le Fritz“ heisst das, erzählt er mir so im Nebensatz. Was? Deutsche? Le Fritz? (hab grad an Oli denken müssen 🙂 ) Hmm. Ich hab mit mir einen Deal ausgehandelt: ich schaffe diesen Aufstieg (und mache mehr Strecke als ich gewöhnt bin, Lust zu haben), dafür übernachte ich im Trockenen und Warmen. Vom Café aus hab ich Le Fritz angerufen und ein Zimmer reserviert. Das Pilgerzimmer mit drei Betten ist leider schon voll, aber ich kann das Appartement nebendran benutzen.

Noch vier Stunden. Jetzt habe ich, ganz in Pilgermanier, eine Unterkunft organisiert und muss dort auch ankommen. Also auf an den Anstieg. Aber mit meinem gefunden Rhythmus, war ich ähnlich schnell wie Gerhard, so sind wir den Rest des Nachmittags auch noch zusammen gewandert. Und es regnet, immer ein bisschen, nicht viel, aber immer ein bisschen.

Die Wolken hingen tief in den Bergen, und das sind hier tatsächlich die Vulkanberge der Auvergne! Wie cool ist das denn? 😀 Hier wollte ich ja nochmal hin, nachdem ich die Gegend letztes Jahr mit meinen Eltern gestreift hab. Aber das Wetter ist das selbe wie letztes Jahr. Man kann von den meisten Vulkan-Zuckerhüten, die hier rumstehen, nicht einmal die Spitze sehen. Es geht hinauf auf 1300 Meter, nie sonderlich steil und eigentlich immer angenehm zu gehen. Das hat selbst Gerhard mit seinem kaputten Fuss gesagt.

Oben, in der Wolke angekommen, Aufstieg geschafft und nach acht Stunden Wandern recht k.o. war dann auch schon nach nurmehr zwei weiteren Kilometern die Gîte. Le Fritz. Auf Deutsch Willkommen geheissen worden. Gerhard kommt ins Pilgerzimmer. Frank kommt ins letzte Zimmer. Ist ein schickes Appartement an den Aussenmauern eines Gebäudes von wahrscheinlich 1022 n. Chr.

Der Gastgeber hat mir das Mauerwerk erklärt, als er meinen Kamin eingeheizt hat. Die Steinmauern hatten hier einen Kamin drin, zeigt er mir, dessen runder Rauchabzug immernoch in der Mauer erkennbar ist. Die Mauer war mal oben rund, hat er erklärt, dann hat man irgendwann später das Haus und das Dach dreieckig gemacht, dann mal den Giebel verschoben. Ich konnte mir plastisch vorstellen, wie sich so ein Haus in den letzten fast tausend Jahren verändert hat.

Gegen den Hang hin befindet sich ein Badezimmer, welches „in den Fels gehauen“ ist. Nicht wirklich, denn es ist diese originale Steinmauer, die die Wand bildet. Man bespritzelt beim Duschen quasi tausendjährige Steine… Auf der Galerie, unter dem Dach, steht ein grosses Bett. Oben drüber noch ein Fenster für Licht von oben, das war’s. Schlicht eingerichtet, die alte Mauer ist das Kunstwerk. So gefallen mir Ruinen, die wieder hergerichtet wurden. Sie leben weiter 🙂

Zum Abendessen hat mich der Hausherr gefragt, ob ich bei den Pilgern essen könnte/wollte. Klar, eh lustiger. Also hab ich den Tisch aus meinem Zimmer in das Pilgerzimmer getragen, mein Besteck und Glas mitgenommen und wir haben zu viert gegessen. Mit von der Partie Susanna, mit der ich gestern schon das Vergnügen hatte. Und Cedric aus Frankreich, der auch etwas englisch kann. Da hatten wir mal Sprachenvielfalt. Von Niederösterreichisch über Schwyzerdütsch, Schriftdeutsch, Französisch bis zu ein paar Brocken englisch. Lustig war’s 🙂 Es gab Bier aus der Dose (der Wein war alle), einen Salat vorweg, Linsenwurst mit Linsen (eine Spezialität der Gegend), eine Selection du Fromage mit einem Käse, der „Tierchen“ drauf hat (die Bauchweh machen, wenn man die Rinde nicht mitisst) und zum Dessert ein Käsekuchen. Also Quarkkuchen. Fromage blanc. Geht von der Körnigkeit etwas Richtung Hüttenkäse. Doch, ein leckeres Essen.

Und was sich die Pilger so untereinander erzählen? Vorweg: man trifft die Leute öfter wieder, die gleich schnell unterwegs sind. Deswegen haben sie mit einem oder zwei Tagen Unterschied die selben Übernachtungen, oft in den selben Herbergen. Sie schlagen ja auch im selben Buch nach, um Herbergen zu finden. Und dann erzählt man sich zwei Geschichten von einem Ort. Warst Du dort? Dann kennst Du Mme Blanc? Christine Blanc? Ja, die mit den Marmeladen, die bei mir am nächsten Tag in die Ferien gefahren ist. Und schwupp zieht Susanna eine dieser kleinen leckeren Marmeladen aus ihrem Rucksack, wie ich auch zwei hatte. Nur ich hab sie inzwischen in morgendlichen Haferflocken verbraucht. Oder warst Du dort? Bei der einen Kirche? Da, wo’s nachher so steil den Berg rauf geht? Ja, an der Ecke war ich auch, bei mir war schönes Wetter damals, das war dort, wo mich später Snoopy begleitet hat. Dann zückt man seine Digitalkamera, blättert nach hinten und sucht sich die Bilder aus der Gegend. Und man bekommt zwei Versionen von einer bestimmten Stelle irgendwo in Frankreich, wo man selber schonmal war, und zwei verschiedene Geschichten dazu.

Zwischendrin, heute Vormittag irgendwann, ist mir das Video „St. Jacques – Pilgern auf französisch“ in den Sinn gekommen. Diese Regenszene, die zeigt, wie man stundenlang vor sich hintrotten kann. Und auch diese gesummte Melodie dieser Szene hatte ich im Kopf. Vorgestern noch „ach, Jakobsweg, geht auch ohne“, heute mittendrin im Pilgerleben.

Internet gibt’s hier wieder keins. Heute Mittag, wir kamen grad durch Tence, schien etwas grösser zu sein, da hoffte ich auf Handyempfang und konnte gerade so die Entwürfe online quetschen, im Wald hinter dem Dorf, war schon wieder kein Empfang. Und hier in der Gîte auch nicht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier im Naturpark so weite Strecken offline bin. Irgendwoher bin ich da wohl etwas zu sehr verwöhnt 😉

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