Capu di a Veta

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Sehr freundlich und zuvorkommend wird mir das grosse Frühstückstablett auf die Sonnenterrasse des Hotels gebracht und ich geniesse meinen Kaffe und Croissant mit Blick auf das tiefblaue Meer. Ah, herrlich, das ist Urlaub. Der Mann vom Hotel spricht zwar sauschnell französisch, wechselt aber bald auf englisch. Er setzt sich an den Tisch neben an und zeigt mir, dass man die verschneiten Alpen sehen kann. Er war sich erst nicht sicher, ob das Wolken sind, aber doch, das sind die Berge. Er erklärt mir, dass das Cap de la Revellata und Antibes die kürzeste Entfernung zwischen Korsika und Frankreich bilden, während ich ein Stückchen Butter auf mein Croissant streiche und genüsslich abbeisse. Doch, auch die Korsen können freundlich sein. Heute will ich eine Wanderung machen, ich entscheide mich für den Hausberg von Calvi, den Capu di a Veta.

Nach dem Frühstück packe ich meinen Rucksack, hauptsächlich mit Wasser, aber damit er nicht so leer ist, lasse ich noch ein paar andere Sachen drin. Der Mann vom Hotel erklärt mir noch den Weg, dann ziehe ich los. Links zum Hotel heraus, an der Gendarmerie vorbei in Richtung der Kapelle Notre Dame de la Serra. Ich komme an durchlöcherten Strassenschildern vorbei und habe einen herrlichen Blick über die Halbinsel, die ich gestern Abend noch erwandert habe. Es ist warm, ich muss mich an diese Hitze noch gewöhnen. Aber hier am Meer geht immer ein bisschen Wind, der mich abkühlt.

Ich komme an einer Quelle vorbei, die Jahreszahl 1893 ist in den Stein graviert und mit einer Spraydose geschrieben steht oben drüber etwas wie „Eau …otable“. Ob da ein „non“ fehlt oder nicht, ist mir nicht ganz klar, aber ich sehe Kaulquappen im Wasser und wenn sich Tiere im Wasser tummeln, wird die Qualität schon nicht so schlecht sein. Ich nehme einen Schluck, aber ich hab ja noch Wasser bei mir. Wobei das Wasser aus dem Hotel schlechter schmeckt als das aus der Quelle.

Nach einigem Anstieg erreiche ich die Kapelle. Ein Reisebus voller Touristen ergiesst sich gerade zum Eingang, zwei Ravensburger haben hier wohl übernachtet und frühstücken gerade gemütlich hinter ihrem Auto. Schwangere Männer, leicht bekleidet in ihren Feinripp-Unterhemden stapfen den Hügel zur Kapelle hinauf und erzählen lautstark „ah, da ist sie ja, die Maria“ und meinen damit die schneeweisse Statue der Jungfrau, die ihre Hände segnend über Calvi ausbreitet. Viele Touristen hier, lass mich raten, in Bayern sind Pfingstferien?

Überall höre ich deutsch, ich bekomme mit, wie ein Tourist dem anderen erklärt, dass die Berge auf der Panoramatafel falsch angeschrieben seien, das dort sei gar nicht der Monte Cinto. In Calvi unten steht auch eine Panoramatafel, dort haben sie’s auch falsch angeschrieben. Ich denke mir meinen Teil dabei und betrachte die Kapelle und die Marienstatue. Wenn ich mir die leichte Bekleidung der Touristen so ansehe, finde ich es gar nicht mehr schade, dass die Kapelle geschlossen ist und man von hier nur die Aussicht über Calvi und dessen Bucht bestaunen kann. Doch hier sind mir zu viele Leute, ich schwinge meinen Rucksack wieder auf den Rücken und mach mich auf den Anstieg zum Capu di a Veta.

Ein breiter sandiger Weg führt durch die dichte Macchia hinauf, schlängelt sich immer höher, ich kann immer mehr und weiter sehen. Wie herrlich blau das Meer ist! Bald wird die Vegetation dünner und der Weg wird zu einem Wanderweg, führt bald über Felsen, auf denen die Richtung mit roten Markierungen und mit aufgeschichteten Steinen markiert ist. Es macht Spass, über die Felsen zu klettern, immer höher hinauf, bis das letzte Stück doch recht steil wird. Aber mit jeder Verschnaufpause wird die Aussicht weiter und herrlicher. Über den Berge sammeln sich Wolken, einige werden grau, doch bei mir ist es schön.

Bald hab ich das Gipfelkreuz vor Augen, ein paar Meter noch, dann bin ich oben. Weit über die Balagne, wie die Gegend hier heisst, schweift mein Blick, ich sehe den Flughafen von Calvi, die Bucht von Calvi, die Stadt selber, die Halbinsel La Revellata, das türkis- bis dunkelblaue Meer, die satt grüne Flora, die so würzig duftet, gepunktet mit weissen, gelben und lila Blüten. Ich mache Rast, esse einen Apfel, sitze in der Sonne und geniesse die Aussicht. Es kommen andere Wanderer an, alle sprechen die Französisch, die Unterhemdentragenden deutschen Touristen kommen hier nicht hinauf. Alle Wanderer grüssen freundlich, wir wünschen uns einen Schönen Tag. Eine Gruppe kommt den anderen Weg hinauf geschnauft, fragt mich, ob der Weg in meine Richtung nach Calvi führt. Ich bejahe diese Frage, stelle gleich die Gegenfrage, ob ihr Weg auch wieder in die Stadt hinunter führt. Ja, meinten sie, aber sehr steil…

Das macht mir nichts, denke ich, und begebe mich an den Abstieg auf der anderen Seite des Berges. Meine Karte zeigt auch, dass hier ein Weg hinunter führt und auch hier sind rote Markierungen und Steinmännchen. Also wieder hinunter, immer die blaue Bucht von Calvi vor Augen. Und es wurde richtig steil, grosse Schritte muss ich die Felsen hinunter machen, bis ich in die Macchia kam. Wie dicht, wie grün, so satt grün, so voller Pflanzen und Insekten wie sie ist… Und bald war ich umgeben von dem undurchdringlichen, übermannshohen Vegetation, der Weg wurde schmaler und schmaler. Und was ein Duft hier herrscht, mal herb, mal süsslich, mal so und mal anders. Ich hatte das Gefühl, alle zwei Schritte duftet es nach etwas anderem.

Und es wurde immer enger, der Weg war kaum noch zu erkennen, rechts und links streifte ich die Büsche, hatte kaum Platz, meine Schritte zu setzen, mein Wanderstab hatte kaum noch Platz neben mir, bliebt ständig in irgendwelchen Ästen hängen, musste immer wieder befreit werden. Äste und Zweige peitschten mir ins Gesicht, Dornen und Nadeln griffen nach mir, Brombeer-Lianen stellten mir Fussangeln, fast wäre ich hingefallen, die Zweige griffen nach mir, zupften und zerrten an meinen Kleidern, streuten Nadeln und Blätter auf mich herab, die auf den Armen hängen blieben. Und in diesem Dickicht stand die Hitze, inzwischen war es Mittag, und der Wind wehte oben drüber hinweg. Nicht ein Hauch drang durch den Urwald zu mir herab und der Weg war wirklich steil. Bin ich froh, dass ich hier nicht hinauf gegangen bin, den hinunter war schon anstrengend genug. Ständig bin ich mit meinem Rucksack hängen geblieben, ständig rieselten Blätter und Zweige auf mich herab, bald sah ich aus wieder Waldboden selber, über und über voll mit dem herunter rieselnden Kleinzeug, alles klebte schön an meinen verschwitzen Armen und im Gesicht und im Nacken.

Und der Duft, dieser warme, satte, Duft der Maccia betörte mich, als ich mich durch das Dickicht kämpfte, mehr stolperte und fiel als wanderte, immer mehr Dornen und Stacheln zerrten an mir, zerrissen mir die Kleider, hielten meinen Hut fest, blockierten meinen Wanderstab, peitschten mir ins Gesicht, Rissen an meinem Rucksack, wollten mich immerzu zu Fall bringen. Dieser Duft raubte mir fast die Sinne. Ich fing an, zu halluzinieren, ich meinte, einen Bach rauschen zu hören. Halb nackt, die Kleider hingen mir in Fetzen vom Leib, zerschunden und gepeitscht, schweissgebadet, den ganzen Körper voller Blätter und Nadeln und Dornen träumte mir plötzlich, an einer Wasserstelle zu stehen. Kristallklares Wasser, kühl, frisch, plätschernd. Wie in Trance fiel in auf die Knie, streckte die Hände aus, dem erlösenden Nass entgegen.

Doch die Halluzination zerplatze nicht wie eine Seifenblase, der Bach und das Wasser waren echt. Eine Handvoll Wasser ins Gesicht, ah, wie erfrischend, eine Handvoll Wasser über den Kopf, noch eine Handvoll und so langsam kam ich wieder zu Sinnen. Meine Kleider waren noch in Ordnung, mein Hut war auch noch da, mein Rucksack noch heil. Ich wusch mir den Waldboden von den Armen und aus dem Nacken, trank einen Schluck und noch einen, goss mir eine Feldflasche voll des kühlen Nass über den Kopf und war so langsam wieder der Alte. Das Wasser so klar, so sauber, so frisch, ich sah plötzlich Kaulquappen umher schwimmen und Käfer, die im Wasser umher flogen, so viele Tiere hab ich noch nie in einem Bach gesehen. Frisch gewaschen legte ich mich auf einen grossen, sonnenwarmen Felsen zum Trocknen und war immernoch erstaunt über diese dichte, undurchdringliche grüne Hölle. Doch ich war erst auf halbem Hang, ich musste nochmal so weit hinunter, bis ich in Calvi war. Aber das Schlimmste war geschafft, der weitere Weg ging wieder über Felsen und durch kniehohes Gestrüpp, so langsam traf ich auch Esel in der Macchia an, die gemütlich umherstreiften und sich ihr Futter suchten.

Plötzlich war ich auf einer asphaltierten Strasse und damit fast wieder in Calvi. Hier hinten stehen grosse Villen auf grossen Grundstücken, Pinien spenden Schatten in den Gärten, bald kam ich am Best Western Hotel vorbei. Und damit war ich auf dem Stadtplan von Calvi, ich konnte mich an den Strassen orientieren, zwischen grossflächigen Campingplätzen ging es dann in die Stadt vor. Ich kam am Super U vorbei, hab mir eine Brotzeit und mein Abendessen gekauft, mich auf eine Bank an der Strasse gesetzt und etwas gegessen. Touristen kommen vorbei, leichte Sommerschuhe und weisse kurze Hosen, schlendern gemütlich durch die Stadt, gucken mich Wanderer etwas verwundert an. Hey, wenn ihr wüsstet, durch welches Dickicht ich mich gerade gekämpft hab, dann würdet ihr Euch nicht über meine Wanderschuhe wundern. Das hab ich aber nur gedacht, denn wenn ich’s gesagt hätte, hätten sie mich wahrscheinlich verstanden. Lauter bayerische Autokennzeichen fuhren herum, vereinzelt auch mal ein schwäbisches.

Ich hab mich ins Hotel begeben, mich wieder frisch gemacht und bin dann mit frischen Klamotten in die Stadt. An der Promenade hab ich Internet gesucht, als ich dieses gefunden hatte noch ein Glas Weisswein dazu bestellt und hab angefangen, meine Bilder hoch zu laden. Doch Internet scheint etwas schwierig zu sein hier auf Korsika. Ich bekam zwar Internet, aber zu welchem Preis! Zwei Stunden für zehn Euro. Und es war nichtmal schnell, ich konnte nur die Hälfte an Bildern hochladen, dann waren die zwei Stunden auch schon wieder rum. Und das zweite Glas Wein auch leer, der Abend inzwischen kühl geworden und die Dämmerung legte sich schon über den Hafen. Also bin ich wieder ins Hotel und bin recht müde ins Bett gefallen.

 

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One response to this post.

  1. Posted by Alex on 26. Mai 2013 at 19:25

    Hey bi dere kapelle simer o gsi, ganz ider nächi hets e spannende eath cache u bir kapelle häts e tradi gha, ah ja bim lüchtturm hätis e multi 😉😄 gniess korsika, i gieng o grad sofort wider!!

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