Sturm und Wolken und ein Konzert

Weiss schäumt das Meer, der Wind bläst heftig und als ich mich zum Blog tippen auf die Sonnenterasse des Hotels gesetzt hatte, kam der freundliche Mann an und fragte mich, ob ich vor gar nichts Angst habe? Wie… wegen dem Wind? Ja, der soll heute recht heftig werden, ich sollte nicht auf hohe Berge oder ins Meer gehen, Schwimmen auf gar keinen Fall. Dabei wollte ich heute doch auf einen Campingplatz in Richtung L'Île Rousse zügeln. Und dort vielleicht einen Strandtag einlegen. Aber tatsächlich, der Wind nahm der Sonne jegliche Wärme, es war wirklich frisch heute. Also hab ich mich wieder reingesetzt und den Vormittag mit Blog aktualisieren und Bilder hochladen verbracht. Hier im Hotel gibts auch Internet, schon fast günstig. Drei Euro für fünf Stunden. Mal sehen, ob sie mir das abrechnen…

Am Mittag war ich fertig und mein Blog wieder auf aktuellem Stand, der blaue Himmel war bewölkt und der Wind heult immer noch ums Haus und verwuschelt immer noch die Palmen und Büsche. Ab und zu fliegt mal ein Gartenstuhl vorbei, manchmal fliegt ein Blumenkübel um. Ich schnappe mir meinen Faserpelz und begebe mich in die Stadt.

Hinauf in die Zitadelle von Calvi, hinein in die dicken Mauern. Doch auch die waren kein Hindernis für den Wind, der pfiff hier nur kanalisierter und um so heftiger durch die alten Häuser. Doch mehr als eine alte Festungsanlage im Genuesischen Stil, fast sternförmig, auf einem Felsen gelegen mit der Kathedrale in der Mitte gab es nicht zu bestaunen.

Rundherum ein toller Ausblick über das weissgetupfte Meer und ständig der starke Wind, der um die Ecken wehte und so manches Blatt und unreife Feigen mit sich riss. Ein Besuch der Kirche brachte auch keine Ruhe, zum einen wegen der Tür, die bei jedem Touristen Lärm machte, zum andern klapperten die Fensterläden auch hier ziemlich heftig.

Gemütlich schlenderte ich weiter, konnte der Fähre zuschauen, wie sie einen Schwung neuer Touristen auf die Insel warf und bin durch die untere Altstadt geschlendert, ganz nach Touristen-Manier. Noch ein Blick in die untere Kirche, die mit ihrer rosa Farbe einen schönen Kontrast zum zeitweise doch blauen Himmel gab. Ein Sandwich zum Mittagessen, danach war ich auch schon durch die Stadt hindurch am Strand angelangt.

Ein flacher Strand, gleich neben dem Bahnhof, ideal für Kinder, wenn nicht dieser ständige Wind aufs Meer hinaus geblasen hätte und jeglichen Versuch mit Schlauchboot zu einem Fall der Küstenwache hätte werden lassen. Weil der Strand ziemlich weit ziemlich flach ist, kamen auch keine grossen Wellen an, die kleinen hatten aber trotzdem langgezogene Schaumkronen.

Ich schlenderte den Strand entlang, fand eine Reihe Felsen, die als Wellenbrecher in die Bucht hinaus ragte und bin darauf rumgeklettert. Und wie sich's gehört, brachen die Felsen auch die Wellen, diese schäumten und sprühten und warfen die Gischt in die Höhe, die dort gleich vom Wind verblasen wurde. Und ich stand mittendrin. Und dann kam eine grosse Welle. Und ich war nass. Von oben bis unten bespritzt vom salzigen Meerwasser. Aber egal, meine Wandersachen trocknen ja schnell und zwischen den Wolken kam auch immer wieder mal die Sonne durch, der Wind half auch mit und nach einer Viertel Stunde war ich wieder trocken. Weiter am Strand fand ich einen Papi, der etwas hektisch seinem kleinen Sohn zurief, er solle aufpassen, dass seine Schuhe nicht nass werden. Und dann kam ich an, von oben bis unten nassgespritzt. Das hat der Junge nicht ganz verstanden 🙂

An den Pinien und den Campingplätzen vorbei, ein paar Restaurants stehen hier am Strand herum, ein paar hartgesottene lagen doch wirklich am Strand und im Wind und liessen sich sandstrahlen. Der Sand wurde steiniger, bis er nur noch aus grobem Kies bestand, ganz schön anstrengend zu laufen. Bald war ich am Fluss, der hier ins Meer mündet, hier musste ich den Strand verlassen und ins Landesinnere zur Strasse gehen. Mein Stadtplan von Calvi war schon fast wieder am Ende, ich bestimmt schon eine Stunde am Strand unterwegs. Doch ich wollte noch etwas weiter, kam aber auf die Idee, dass ich heute noch mein Paket auf die Post bringe, damit ich morgen gleich weiter ziehen kann. Ich hab mich etwas geärgert, dass ich auf den netten Mann im Hotel gehört hab. Das Wetter war gar nicht soo schlecht, wie er prophezeit hat, ich hätte durchaus wandern können und ich hätte durchaus meine Badehose mitnehmen und ins Meer gehen können. Aber so bin ich halt ohne Rucksack gewandert. Weiter Richtung Lumio musste ich allerdings an der Landstrasse entlang, die Autos wurde vor der grossen Kurve zwar heruntergebremst, mit der Warnung eines Blitzerkastens, aber was sind schon 90 km/h, wenn man als Fussgänger nebenher geht? Bald kam auch noch die Kaserne der Fallschirmjäger, die hier stationiert sind, da war neben keinem Durchkommen auch noch ein stacheldrahtbewehrter Zaun mit den üblichen Warnschildern, dass die Militärs unter Umständen auch von Schusswaffen Gebrauch machen würden. Auch meine Karte zeigte keine Wandermöglichkeit ausserhalb der Strasse und so verwarf ich langsam die Idee, nach L'Île Rousse wandern zu wollen. Meine Karten zeigten auch, dass bald ein Bahnhof der korsischen Eisenbahn kommen sollte, ich beschloss, den Zug zurück nach Calvi zu nehmen, zumal ich langsam zwei Stunden unterwegs war und wenn ich noch zur Post will, wird das etwas knapp.

Doch ich fand den Bahnhof nicht. Und meine Karten zeigten zwei verschiedene Standorte an. Als ich einer Karte den Vorzug gab und mich danach orientierte, bekam ich immer mehr das Gefühl, schon zu weit gelaufen zu sein. Also wieder zurück, immer die vorbei brausenden Lastwagen und Autos neben mir. Mit der Karte in der Hand, immer mit der Realität vergleichend, suchte ich diese kleine Nebenstrasse, die mich angeblich zum Bahnhof Lumio bringen sollte. Doch hier war ich falsch, dort war ein Fluss im Weg, also wieder aussen herum, bis ich dann den richtigen Weg gefunden hatte. Etwas rechts hinein, nächste links und ich stand vor einem Schild, dass man das Militärgelände nicht betreten darf. Mit der üblichen Androhung der militärischen Defensivmassnahmen. Aber ich war mir fast schon sicher, dass ich hier zum Bahnhof käme. Ausserdem… Es ist Freitag Nachmittag, es wird schon kein Soldat hier herumschiessen. Und ich dachte, dass wie mich eher mit einem Jeep aufhalten und fragen würden, bevor sie schiessen, darauf hoffte ich, dann könnte ich wenigstens nach dem Bahnhof fragen.

Und dann hab ich ihn gefunden. Zwar von hinten durch die Büsche, an dem Schild vorbei, mit der Warnung, dass hier Dinosaurier vorbei kämen, aber ich war am Bahnhof von Lumio. Auf der Vorderseite hab ich dann gesehen, dass er hinter einer Autowerkstatt versteckt war, deswegen hab ich ihn vorhin übersehen. Nebendran eine Tankstelle, dort bin ich rein und hab gefragt, ob der Zug hier auch hält. Oui, Oui, hat's geheissen (mehr auch nicht). Das Bahnhofsgebäude sah sehr verfallen aus, hier hat schon lange keiner mehr repariert und aufgeräumt. Und als ich drinnen stand und fotografiert hab, rollte auch der Zug Richtung Calvi vorbei. Ohne zu halten. Und weg war er. Ich bin wieder zur Tankstelle, hab gesagt, dass er gar nicht hält und der Mann hat mir gesagt, dass ich den Zug per Handzeichen hätte anhalten sollen. Das hab ich verpasst und weil mich der Lokführer nicht gesehen hat, weil ich gerade dann im Bahnhof drinnen stand, ist er halt weiter gefahren. Na toll, der Zug war weg und nachdem er nur zweimal am Tag fährt, brauchte ich nicht hoffen, dass bald der nächste kommt.

Tja, hilft nichts. Planänderung. Eineinhalb Stunden zurück nach Calvi laufen. Ich hab mir überlegt, ob ich nicht den Daumen hochstecken sollte und mich per Anhalter ein Stück mitnehmen lassen soll. Aber ich hatte kein Vertrauen drauf, dass mich jemand mitnehmen würde. Die stoffeligen Korsen? Bestimmt nicht. Die Urlauber? Die würden sicher auch niemanden in der Fremde aufgabeln. Also hab ich's gelassen und bin gelaufen. An der Strasse entlang. Fünf Kilometer wieder zurück. Aber das hatte den Vorteil, dass ich am Intersport vorbeikam, von dem ich schon gelesen hatte. Er sei nur zwei Minuten von Calvi entfernt auf eben dieser Strasse. Mir war schon klar, dass das zwei Autominuten sein werden, also doch recht weit ausserhalb der Stadt. Durch ein Gartencenter hindurch war der Eingang zum Intersport beschrieben, an Pflanzenerde und Blumenkübeln vorbei nach hinten, rechts ums Eck, an den Insektiziden und Herbiziden vorbei, neben den dazugehörigen Atemschutzmasken ging die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dieser war für Sportartikel reserviert. Aber auch hier hab ich keine passenden Wandersandalen gefunden, das Angebot war eher auf Strandurlauber ausgelegt.

Auf dem Weg zurück in die Stadt kam ich an allerhand Werbeplakaten vorbei, die hier für die Autofahrer aufgestellt wurden. Mir ist das Plakat der Musikgruppe l'Alba aufgefallen, der bekannten korsischen Band. Die wollte ich mir anhören, der Reiseführer, den Markus gefunden hat, schwärmte geradezu von der korsischen polyphonen Musik. L'Alba ist am 27. Mai in Calvi, ich hab schon überlegt, so lange zu bleiben. Oder wieder zurück zu kommen. Aber wo übernachten? Und wie ich so hin und her überlegte, fand ich das Plakat der Gruppe „U Fiatu Muntese“. Die spielen am 24. Mai in Calvi, das ist ja heute. 21:30 in der Kathedrale. Au ja, dort gehe ich hin. So war mein Abendplan gefasst, ich war inzwischen wieder in der Stadt beim Supermarkt, hab mein Abendessen organisiert und bin mit dem wieder ins Hotel. Für die Post war es eh schon zu spät, muss ich mein Paket halt morgen aufgeben.

Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn soll es vor Ort nach Karten geben. Ich war etwas zu früh dran, also bin ich in die Bar nebenan gegangen. Meinen Gruss beim Eintreten hat wohl keiner gehört. Als der Kellner dann frei war, hab ich ihn um ein Glas Weisswein gebeten. Er hat mich erstmal drauf hingewiesen, dass man sich einen Guten Abend wünscht, wenn man reinkommt (?). Ein Glas Weisswein? Ob ich sicher bin? ??? Ich fand einen freien Platz neben einer Dame aus Lourdes, sie hat mir das übersetzt. Warum sollte ich nicht sicher sein? Er macht nur Scherz, hat sie gemeint… Komischer Humor, an den muss man sich erst gewöhnen. Mit der Dame hab ich mich dann über das bevorstehende Konzert unterhalten. Das sei korsisch, hat sie gemeint, es klang fast wie eine Warnung. Aber ich hab mich nicht irritieren lassen und so haben wir gemeinsam darauf gewartet, dass die Türen der Kathedrale sich öffnen.

Ich hab noch eine Karte gekommen und bald ging auch das Konzert los. Polyphonie war angesagt, das bedeutet, dass mehrere Sänger in unterschiedlichen Stimmen singen, teilweise etwas disharmonisch, um dass wieder harmonisch zusammen zu finden. Damit sich jeder Sänger selber besser hört, halten sie sich die Hand ans Ohr.

Begleitet von zwei Gitarren oder zwei Ceteras, diesen 16saitigen Instrumenten, und einer Querflöte. Sie sangen von den Bergen und den Wäldern, vom Nebel, der in der Macchia aufsteigt, von Sehnsucht und von Liebe und natürlich von der Jungfrau Maria.

Das klang echt interessant, als sich die einzelnen Gesangsstimmen auseinander bewegten, man meinte fast, dass jeder nur für sich singt, um dann die Melodie dem nächsten Sänger abzugeben und zum Schluss doch wieder zusammen zu finden. Sehr interessant, sehr feintönig, wie sie sich in Halbtonschritten durch die Tonleitern bewegten. Und sie sangen vom Hirtenleben, von hohen Bergen, von den Vögeln, die hoch oben ihre Kreise ziehen, von der Einsamkeit und von den gemeinsamen Festen oben in den Bergdörfern. Ich war ganz hin und weg und die eineinhalb Stunden vergingen wie im Fluge. Die Kirche, oben auf dem Berg der Zitadelle, hat eine herrliche Akustik, in der sich die Stimmen ausbreiten konnten, sich im Raum verteilen konnten, um in den Ohren des Publikums wieder zusammen zu finden. Draussen blies immer noch der Wind, aber die Kirche war erfüllt von der Musik.

 

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2 responses to this post.

  1. Posted by Heinz Steidl on 24. Mai 2013 at 14:38

    Liegt in den Bergen wirklich noch Schnee ??

    Gruß Heinz

    Antworten

  2. Posted by Mama on 25. Mai 2013 at 09:51

    Warum soll es Euch besser gehen als den Bayern? Bei uns liegt auch Schnee in den Bergen.
    Gruß Mama

    Antworten

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