die Küste entlang

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So ein internationales Frühstücksbüffet hält mich immer auf. Vor allem, wenn es auch Internet bietet. So bin ich erst um zehn Uhr losgekommen und inzwischen war es bestimmt schon dreimal so warm, als ich aus dem kühlen Schatten des Hotels getreten bin. Heute will ich meinen Standort wieder verschieben, Richtung Osten, Bastia entgegen.

Der Weg heute ist einfach, es gibt nur einen. Schön breit, viel Platz zum Laufen und nummeriert ist er auch: N197 heisst der Wanderweg. Ok, das eine oder andere Auto kam auch vorbei, aber die hab ich ignoriert. (Wobei ich viel Ignoranz an den Tag legen musste). Es war genug Platz für alle da, meistens ein recht breiter Seitenstreifen.

Und ein herrlicher Ausblick übers Meer, immer der Küste entlang. Mal unten am Wasser, mal etwas höher und immer das türkisfarbene Wasser unter mir mit dem weissen Rand, wo die Gischt auf die Felsen trifft. Ich lief Bucht um Bucht, Kurve um Kurve, die Sonne scheint, weit schweift mein Blick über das Meer dem Horizont entgegen.

Ich kam an einer Belambra Ferienanlage vorbei, musste an Markus denken und unsere Urlaube und daran, dass wir uns bald treffen. An schönen Stränden vorbei, gesäumt von tiefgrüner Macchia. Und ich brauchte keine Haltebuchten wie die Autos, um immer wieder einen tollen Ausblick zu haben, ich konnte einfach stehen bleiben und fotografieren.

Als ich dachte, dass ich etwa die Hälfte des heutigen Weges geschafft hatte, fand ich ein Café, welches die Autofahrer zu einer Pause einlud. Hier bekam ich mein Wasser aufgefüllt, hab einen Kaffee bestellt und diesen im Wind- und Sonnenschatten des Hauses genossen. Da vorne ist wieder ein schöner Sandstrand und ein Blick auf meine Karte zeigte, dass der schon mein Ziel ist. Ich hab’s schon fast geschafft.

Wolken ziehen auf, ganz feine Schleierwolken überziehen den Himmel.

In Ostriconi angekommen, es war erst ein Uhr, hab ich hin und her überlegt. Eigentlich will ich zum Camping „U Paradisu“. Eigentlich wollte ich den Weg aufteilen und hier Pause machen, aber wenn ich mir den Weg jetzt so auf der Karte anschaue, sind das nur noch fünf Stunden. Grob geschätzt. Nun, auf der Strasse war ich schnell unterwegs, jetzt geht’s in die Hügel. Auf halbem Weg von hier ist eine Wetterschutzhütte eingezeichnet, wenn ich’s nicht schaffe, könnte ich dort bleiben. Oder doch erst morgen dorthin laufen? Ich kann mich nicht entscheiden…

Doch, mit der Hütte auf der Karte auf halbem Weg und der Aussicht auf den „schönsten Strand Korsikas“, sieht der Weg gar nicht mehr so lang aus. Ich bezahle meinen Kaffee und mach mich auf den Weg. Der Weg war dann etwas schwierig, es standen Gitter im Weg, so verbogen, dass sie nich mehr aufgingen, aber wenigstens stabil genug zum Drüberklettern. Das nächste war mit einer Kette und Vorhängeschloss versperrt und liess sich nur einen Spalt breit öffnen, auch hier hiess es wieder: Rucksack absetzen, drüber hieven, selber drüber klettern, Rucksack wieder aufsetzen.

Die erste Stunde hab ich allein dafür gebraucht, um wieder zum Meer vor zu kommen. Und dann war da dieser feine Sand, eigentlich schön für einen Strand, aber in Wanderschuhen und mit Rucksack doch recht anstrengend zu gehen. War natürlich auch nichts angeschrieben, ich musste ständig mein iPad aus dem Rucksack holen, um zu schauen, ob ich noch auf dem (richtigen) Weg bin. Als ich die Düne so hinaufstapfte, zwei Schritte vorwärts und einen wieder hinunter gerutscht, dachte ich so bei mir, dass ich auf meiner Wanderung schon recht viel gesehen hab. Vom Winter bis zur Wüste 🙂 Und die Luft flimmert in der Mittagshitze.

Endlich oben auf der Düne angekommen, war der Strand auch schon fertig und die Macchia fing an. Dicht. Würzig. Doch gut zu laufen, denn hier war ein Tunnel durch das dichte Geäst gefräst. So konnte man bequem hindurchspazieren. Und musste keine Angst haben, dass die Büsche einem die Kleider zum Leib zerren.

Doch dann traf ich auf ein Opfer. Nicht nur halbnackt, nein bis auf sein Fernglas und die Wandersandalen hat’s ihm alles vom Leib gerissen. Ich wollte dem armen Mann schon meinen Hut anbieten, damit er sich wenigstens die wichtigste Blösse bedecken kann, hab mich dann aber anders entscheiden und ihm ein Feigenblatt vom Baum gezupft. Mann, bin ich mir plötzlich spiessig vorgekommen mit meinen langen Wanderhosen und dem Sonnenhut. Und dann fing er auch noch das Joggen an, ohne Feigenblatt. Aber weiter erzähle ich jetzt nicht.

Die Felsen mit den sandigen Aufstiegen hatte ich bald hinter mir gelassen und stand danach in einem grünen Meer von bauchhoher Macchia. Ich konnte also oben drüber gucken und der Wind konnte meinen Kopf kühlen. Die feine Wolkendecke verbarg die Sonne, und das war auch ganz gut so, sonst wäre das viel zu warm geworden.

Die scharfkantigen, schroffen Tagonifelsen wichen einer sanfthügeligen Landschaft, die komplett mit diesem grünen Pflanzenmeer bedeckt war. Es sah aus, als würden grosse Wogen mitten in der Bewegung innehalten, ein runder Hügel folgte einem flachen Tal, dann wieder eine Erhebung, so floss das grüne Meer bis hinter an die Berge. Ich war umgeben von Macchia, so weit das Auge reicht, hinter mir, vor mir, neben mir, überall nur grün, überall diese bauchhohen Pflanzen. Nur auf der einen Seite war das blaue Meer mit den Wellen, die nicht innehalten und ständig an Land treffen. Ständig rauscht die Brandung, ständig spritzt Gischt in die Luft, die neben dem würzigen Duft der Macchia auch nach Salz riecht. Der gut ausgetretene Pfad führt mich auf rotem Kies durch diese Landschaft, mal hinauf, mal hinunter, mal um die Kurve und immer der Küste entlang.

Nach ein paar Kilometern änderte sich der Untergrund wieder, er wurde sandig, die Hügel wurden etwas höher und die Pflanzen waren auch andere. Aber genauso dicht und genauso betörend der Duft. Und so schlängelte ich mich bald auf einem Sandweg durch dornige Büsche, links fiel die Klippe steil ans Ufer ab, wo schwarze Steine von weisser Gischt umspielt werden.

Vorne stand ein Schild, dass dieser Trampelpfad gefährlich sei, aber ich hab das Risiko in Kauf genommen und mit den zwei Kilometer langen Umweg gespart. Und ja, wenn man mit dem Sand die Klippe hinunter gerutscht wäre, wäre man auf den schwarzen, zerklüfteten und spitzen Steinen recht hart aufgeschlagen. Aber es stehen genug Büsche herum, die mit ihrem Wurzelwerk den Sand befestigen.

Und ich laufe laange, lange durch diese Natur, kein Mensch zu sehen, keine Strasse, kein Auto, kein Flugzeug, kein Schiff, kein Handyempfang und kein Internet. Nur die schier endlose Macchia, das Meer und ich. Und beständig rauscht die Brandung unter mir. Die Sonne zeigt sich zwischendrin mal zwischen den Wolken, damit ich abschätzen kann, wo sie steht, doch meistens hält sie sich angenehm zurück und brennt nicht gar so darnieder. Ein dickeres Wolkenband zieht mal durch, aber es sieht nicht schlecht aus, es sieht nicht nach Regen aus. Ideales Wanderwetter.

Als ich nochmal Pause gemacht hab, um eine Banane zu essen, wollte ich mich auf der Karte orientieren. Weit kann’s ja nicht mehr sein, dachte ich. Oh Schreck, ich hab nichtmal die Hälfte des Wegs bis zur Hütte. Uiuiui, voll verschätzt mit meinen fünf Stunden… Also weiter.

Die Sonne wandert neben mir, sie sinkt immer weiter Richtung Horizont und ich werde immer langsamer. Ich mach mir keine Hoffnungen, bis zum Campingplatz zu kommen, freue mich aber drauf, draussen zu übernachten und das Meer zu sehen. Aber ein Stückchen schaffe ich noch. Ich hab voll verschätzt, dass man auf Sand langsamer und anstrengender unterwegs ist. Ich hab mein Tempo von der Strasse heute Vormittag genommen und mit diesen Werten die weitere Entfernung abgeschätzt. Das war ein Fehler.

Und so spazierte ich und ging am Meer entlang, die Landschaft hat sich wieder verändert, aus der steilen Klippe mit dem Sandpfad wurde eine flache Küste aus Tafonifelsen. Diese, die von innen erodiert sind und Löcher haben wie ein Emmentaler, sogar mehr noch. Diese Löcher können münzgross sein (ideal zum Klettern) oder bis zu mannsgross. Interessant anzuschauen.

Zu der Zeit, als ich eigentlich am Campingplatz ankommen wollte, hatte ich langsam echt keine Lust mehr. Die Füsse taten weh, ich wollte den Rucksack los werden. Ich hab mir einen Tafonifelsen gesucht, der ein Loch in meiner Grösse hat. Hab überlegt, darinnen zu schlafen. Also Mass genommen, Probe gelegen, passt gar nicht schlecht. Und die Löcher sind rund, also schön ausgeschliffen, da liegt es sich recht bequem drin.

Aussicht übers Meer habe ich auch, ich wollte schon bleiben. Noch ein Blick auf die Karte, na soo weit ist die Schutzhütte jetzt auch nicht mehr weg. Das sollte ich auch noch schaffen. Also bin ich von meinem Felsen wieder herunter geklettert und bin weiter des Wegs gegangen. Die Bucht entlang, ins Landesinnere, einmal links abbiegen und an der Kreuzung sollte sie dann sein. Hinter diesem Hügel dort. Also auf.

Und es zog sich.

Und ich schleppte mich vorwärts. Bin auch noch falsch abgebogen und stand mitten im dichten Sumpf, alles voller Wasser, Mücken schwirrten in grossen Schwärmen um mich herum, dornige und stachelige Pflanzen standen dicht an dicht, jetzt musste mich hier auch noch durchkämpfen. Ganz schön kraftraubend. Ich war verschwitzt und alles, was von den Büschen fiel, als ich mich hindurchzwängte, klebte an meinem Schweiss fest. So in den Schlafsack? Na… Ich weiss nicht. Als ich aus dem Dickicht wieder draussen war, war ich zwar auf dem richtigen Weg, aber ich musste noch zur Kreuzung vor. Und der Weg zog sich, ich konnte echt fast nicht mehr.

Endlich an der Kreuzung angekommen, sah ich auch schon eine Steinhütte. Juhu, geschafft. Huch, da steht ja ein Auto, dort noch eins? Ein Schild führte mich zum Eingang, dort hing ein Zettel „Bin grad nicht da, gegen 19 Uhr zurück“ (auf französisch natürlich). Und ein Hund war hier angekettet. Das war doch etwas Grösseres als nur eine Schutzhütte, wie ich mich umblickte und wartete, sah ich mehrere solcher Steinhütten.

Bald kam auch jemand, der mir sagte, dass ich hier durchaus übernachten könnte, macht zehn Euro. Morgen früh früh weg? Dann lieber jetzt bezahlen. Nachdem das geklärt war, hab ich meine Steinhütte gezeigt und die Duschen erklärt bekommen. Cool, Duschen hat’s auch… Dafür kein Meerblick und das Rauschen ist auch weit weg.

Aber Duschen ist heute wichtiger. Diese werden mit Sonnenkollektoren gewärmt. Fiel mir wieder ein, als ich unter der kalten Dusche stand. Stimmt, heute war ja kaum Sonne, die war ja meistens hinter Wolken versteckt. Dann halt kalt duschen, die Erfrischung kann ich eh gut gebrauchen. Hauptsache, die ganze Botanik und den Schweiss mal abwaschen. Nach dem Einseifen war das Wasser dann plötzlich sogar warm. Hat die heutige Sonne wohl doch noch gereicht… Noch schnell Hemd durchwaschen und auf die Leine, nachdem ich hier Wasser tanken kann, kann ich mir auch Nudeln kochen und beim Abendessen gab’s dann noch rosaroten Sonneruntergang in den Wolken.

Die Hütte selber ist auch drinnen nur aus Stein, bis auf drei gemauerte Pritschen gibt es nichts. Nicht mal ein Fenster; doch, ein ganz kleines, aber der Holzverschlag ist kaputt und geht nicht auf. Aber egal, ich hab meine Taschenlampe und bin eh recht schnell im Bett verschwunden.

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One response to this post.

  1. Posted by Mama on 28. Mai 2013 at 09:37

    solltest Du unsere mail nicht bekommen, auf diesem Weg alles Gute zum Geburtstag
    Gruß Mom &Dad

    Antworten

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