Regen im Paradies

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Die Mücken vertreiben mich aus meiner Steinhütte. Hmm. Noch vor der Morgendämmerung stehe ich auf. Oh, mein Handy ist leer, irgendetwas hat über Nacht 70% Akku gezogen. Hmm, also ans Ladegerät. Ich trete vor die Hütte. Es regnet. Hmm, die Sachen, die ich gestern zum Trocknen aufgehängt habe, kann ich jetzt nass in ein Handtuch einschlagen und aussen an meinem Rucksack fest machen. Gegen sechs Uhr breche ich auf, weg von diesen Mücken.

Hinunter zum Strand, durch den anstrengenden Sand laufen, ich komme ins Schwitzen und entscheide, dass ich meine Regensachen wieder ausziehe. Es ist ja nicht kalt, sondern nur nass. Doch ich hab die Rechnung ohne die Dichte Macchia gemacht, die mich hinter dem Strand erwartet.

Mannshoch, sehr schmaler Weg und triefnass. Die Zweige und Blätter, sie ich auf beiden Seite streife, hängen voller Tropfen, ich komm mir vor wie in einer Waschanlage. Meine Klamotten sind innert kürzester Zeit pitschnass. Aber wenn man mal komplett durchnässt ist, es gar nicht mehr schlimmer kommen kann, dann gewöhnt man sich auch an das. Es war nur etwas kühl, als die Büsche mich auch unter den Achseln gewaschen haben, aber das ist in etwa wie eine kalte Dusche. Und ich saugte mich voller und voller, das Wasser lief mir schon innen in der Hose herunter in die Schuhe, in diesen stand ich bald knöcheltief im Wasser. Quitsch Quatsch, bei jedem Schritt, quitsch quatsch. Aber es war nicht kalt, und so lief ich in kurzen Klamotten triefnass durch den Regen und durch die nassen Büsche der Macchia. Und wie sie duftet, selbst bei Regen! Das war echt ein Bade-Erlebnis der besonderen Art 🙂

Und das Meer rauscht beständig unter oder neben mir, das Wasser türkisgrün, selbst bei grauen Wolken oben drüber. Auch jetzt bei Regen macht das Meer einen einladenden Eindruck, ich würde gerne in einer Bucht in dieses türkisfarbene Wasser springen.

Nach zwei Stunden kam ich am Campingplatz „U Paradisu“ an. Hier wollte ich eigentlich gestern schon hin. Auf dem Weg träumte ich von diesem „schönsten Strand Korsikas“, von weissem Sand und türkisem Wasser, von Sonnenschein und Hängematte zwischen Palmen. Ich überlegte mir, den heutigen Tag in dem Paradies zu verbringen, vielleicht eine Nacht dort zu verbringen und morgen weiter zu ziehen.

Doch als ich ankam, wollte ich erstmal meine Schuhe trocknen und einen Kaffee trinken, etwas frühstücken. Ich bin auf die Terasse, dort sassen auch schon ein paar Gäste, und hab meinen Rucksack abgestellt. Ein Ehepaar aus Deutschland, Sabine und Klaus, und drei Korsen sassen grad am Tisch, bekamen eine Kanne Kaffe und Milch hingestellt und waren grad am Frühstücken. Nach der Begrüssung bin ich rein und hab gefragt, ob ich auch einen Kaffee bekommen könnte. Nein, das Restaurant hat nicht offen, und die da draussen sind „Spazialgäste“. Also dann halt nicht, dachte ich mir und wollte meinen Rucksack wieder schultern.

Doch Klaus hat einen Pappbecher genommen und mir einen Kaffee eingeschenkt, Sabine hat mir ihren Teller und ihr Messer hingestellt, „so ein Wanderer muss versorgt werden“ und haben mich zum Frühstück eingeladen. 🙂 So cool. Die beiden sind auch Wanderer, machen den Weg an der Küste entlang anders herum als ich und sind gestern von St. Florent aus hier zum Campingplatz gelaufen und wollen heute weiter Richtung Île Rousse. Wir haben uns unterhalten, als ich gemütlich gefrühstückt hab. Um neun Uhr (es ist ja noch richtig früh) sind wir dann aufgebrochen, jeder in seine Richtung. Ich stand zwar immer noch in meinen Schuhen im Wasser, meine Klamotten waren immer noch nass, aber zumindest hab ich mal gefrühstückt. Nach St. Florent sind’s etwa vier bis fünf Stunden, haben sie gemeint. Dann nehme ich das als Tagesziel. Nachdem U Paradisu noch Vorsaison, ja eigentlich noch gar nicht offen hat…

Im Paradies ist noch kein Platz für mich, ich muss noch weiter wandern.

Weiter an der Küste entlang, durch die Macchia hindurch, hab ich die Dreiergruppe Korsen vom Frühstück wieder getroffen. Wir haben uns etwas unterhalten, sie haben auch von Schnee auf dem GR20 gesprochen. Gut, dass wir im Süden anfangen, haben sie gemeint. Sie haben mich vor gehen lassen, ich war ein Stückchen schneller, doch zwischendrin haben sie eine Abkürzung gefunden und so bin ich ihnen wieder hinten auf gelaufen. Dann hab ich mal den Weg verpasst, hab einen Umweg gemacht, da haben sie mich schon wieder überholt.

Es ging vorbei an einem alten, halb eingestürzten Leuchtturm und immer wieder eine Bucht mit Sandstrand und einem sagenhaft türkisgrünen Wasser. Und wie klar das Wasser ist. Es hat mich mehr als einmal g’luschtet, dort hinein zu springen.

Einmal musste ich dann sogar hinein. Klaus hatte mich heute Früh schon gewarnt. Der Weg führte durch Wasser, dort wo ein kleiner Fluss ins Meer mündet. Also Schuhe und Socken aus (die müssen langsam eh mal gewechselt werden), Hosenbeine hoch krempeln und hinein ins kühle Nass. Bis zum Oberschenkel ging mir das Wasser, meine Hosenbeine sind trotzdem nass geworden.

Aber das kennen die schon, ist ja nicht das erste Mal heute. Auf der anderen Seite angekommen, hab ich Pause und Brotzeit gemacht. Meine Füsse müssen endlich mal trocken werden, sie sind schon ganz schrumpelig. Frische, trockene Socken hab ich noch ein Paar, aber die Schuhe sind noch durch und durch nass.

Plötzlich tauchen ganz viele Leute auf, alles Deutsche. Ein Ehepaar, eine fünfköpfige Familie, noch ein Ehepaar und einer allein. Die ersten beiden fragen mich, wie weit das noch bis zum Paradies-Strand ist. Ich muss überlegen; mir fällt dabei grad auf, wie weit das schon in meiner Erinnerung zurück liegt. Also, dort war ich gegen neun. Jetzt ist fast eins. Drei Stunden bestimmt. Nee, ich hab grad Pause gemacht, sagen wir zwei bis zweieinhalb Stunden. Gut, zugegeben, ich hab einen schweren Rucksack an und nicht nur eine Handtasche. Auch sind meine Wanderschuhe schwerer. Vielleicht schaffen sie es mit ihren leichten Halbschuhen in zwei Stunden? Vielleicht scheitern sie aber schon bei der Flussdurchquerung. Denn eine Jeans wird sich mehr mit Wasser vollsaugen als meine leichte Wanderhose. Naja, ich hab sie gewarnt. Immer mehr Touristen kommen mir entgegen, St. Florent kann nicht mehr weit sein. Gut, das Wetter ist auch besser geworden, es regnet nicht mehr, es weht kein kalter Wind. Aber Badewetter für den Strand ist halt auch nicht grad…

Ich hab die drei Korsen wieder eingeholt, die Brotzeit gemacht haben, ich durfte einen kurzen Blick auf ihre Karte werfen. Von links oben noch die ganze Küste entlang bis rechts unten, sogar noch etwas weiter. Hmm, so ohne Massstab hilft mir das nicht viel. Aber eine Stunde wird’s bestimmt noch sein. Es kam die nächste Bucht und noch eine Bucht, dann mal eine langgezogene Bucht und wieder eine etwas kürzere.

Aber alle mit diesem herrlich klaren Wasser um der türkisen Farbe, wenn keine Felsen drin liegen. Dann wieder eine Bucht und noch eine, zur Abwechslung mal ein Leuchturm. Hier lege ich noch eine Pause ein, lasse meine Füsse mal wieder trocknen. Das heutige Klima in den Schuhen ist ideal, um mal wieder die Fussnägel zu schneiden… Die drei Korsen überholen mich wieder, ich geb ihnen etwas Vorsprung, bevor ich mich an den Endspurt nach St. Florent mache.

Ich hab das Dorf die zeit schon vor Augen, es liegt mir gegenüber in dieser grossen Bucht. Aber bis man mal da ist… Bei der Hälfte dieser Bucht treffen ich die Korsen wieder. Sie warten auf ihr Taxi. So kurz vor dem Ziel? frage ich. Ja, sie wollen sich wieder zu ihrem Auto bringen lassen. Na denn, wir verabschieden uns ein letztes Mal heute. Vorher erklären sie mir noch, dass ich nach St. Florent die Strasse nehmen muss, es führt kein Weg am Strand entlang. Nach einem ewigen Marsch sehe ich auch, warum: Hier fliesst ein Fluss ins Meer und die Brücke darüber ist meilenweit weg. Kommt mir zumindest so vor. Denn die letzten Kilometer ans Ziel die scheinen sich immer länger zu ziehen.

In St. Florent finde ich dann ein Hotel, was ich mir wieder hab selber suchen müssen. Im Touristenbüro drückt man mir eine Liste mit allen Unterkünften in der Stadt in die Hand. Auf meine Erklärung, dass ich kein Telefon hab, drücken sie mir auch noch einen Stadtplan in die Hand, damit ich sie alle abklappern kann. Hmm. Naja. Auf meine Frage, wie ich als Wanderer nach Bastia komme, ziehen sie nur die Augenbrauen hoch und sagen, dass es nur die Strasse gibt. Und wird wird wohl etwas gefährlich. Oh?

Die Dusche im Hotel ist kalt, die Klimaanlage kann auch nur kalte Luft fabrizieren, ich versuche trotzdem mal, meine Klamotten zu trocknen. Ich muss damit zufrieden sein, dass ich endlich aus meinen nassen Schuhen komme. Auf meine Frage nach alten Zeitungen haben sie mir ein paar papierene Tischdecken gegeben. Die werden’s wohl auch tun. In Strandschlappen mache ich mich aus die Suche nach einem Restaurant. Und falle gleich wieder als deutscher Frühesser auf. Nein, die Leute, die hier grad essen, sind das Personal. Komm in einer Stunde wieder 🙂 Also setze ich mich auf die Hafenmauer und betrachte die wilde Macchia gegenüber, durch die ich heute den ganzen Tag gelaufen bin.

 

Eine Stunde später war ich wieder da. Heute gibt’s ein Fischmenü, als Vorspeise nehme ich eine korsische Fischsuppe, die auch recht schnell kommt. Zu der Terrine dazu kommt eine gelbe Sosse, bei der ich erst dachte, das sei Senf, geriebener Käse und ein paar Stückchen geröstetes Brot. Und wie ich die Zutaten so sah, Moment mal, da stand doch etwas im Reiseführer, den Markus gefunden hat. Ich schnappe mir also mein iPad, um zu schauen, wie man diese Zutaten kombiniert, wie man denn nun diese Fischsuppe isst. Und just in diesem Moment kam die Kellnerin und hat mich erwischt, im Reiseführer ist neben der Anleitung nämlich auch ein Bild mit den Zutaten drin. Wo sie mich eh grad erwischt hatte, hab ich sie gefragt, ob sie mir das erklären könnte. Ja, das geht so: man nimmt ein Stück Brot, nein, das ist kein Senf, sondern eine Gewürzsosse für eben diese Fischsuppe, streicht ein wenig davon auf das Brot, legt das dann in die Suppe, löffelt ein bisschen davon drüber und tut dann noch etwas geriebenen Käse drüber. Dann nimmt man den Löffel, erklärt sie mir, „sag Ah“ und schwupp hat sie mir diese Kombination in den Mund geschoben. Sie war am Lachen, weil sie mich fütterte wie ein Baby und ich hatte den Mund voll und musste das geröstete Brot kauen. Gut, dass keine anderen Gäste im Lokal waren, sonst wär mir das peinlich gewesen. Und während ich noch kaute, kam sie mit dem Wein an und hat drauf gewartet, dass ich ihn degustiere. Hei, was ein Stress. Aber jetzt weiss ich, wie man diese korsische Fischsuppe isst und konnte den Rest der Vorspeise dann selber essen. Und schon bald drauf kam der Hauptgang, der grillierte Fisch. Jonny D… ich weiss gar nicht mehr, wie der hiess. Ich hab die englische Karte bekommen, aber die hat mir auch nicht mehr gesagt als die französische. Jedenfalls war der Fisch sehr lecker und erst die Sosse dazu. Mmmh. Ich war mir allerdings mit einer Sache nicht sicher. Mein Wein stand in einem Kühler (sowas ist heutzutage kein Metalldings mehr, sondern eine durchsichtige Plastik-Tasche, die mit Eiswürfeln auf dem Tisch steht (Ice•bag), darüber ein Handtuch, was eigentlich als Tropfschutz um die Flasche gelegt wird. Wenn der Wein also im Kühler steht, ist das meine Sache als Gast, mir selber nach zu schenken, oder macht das der Kellner, wenn er sieht, dass mein Glas leer ist? Meine Kellnerin hat es jedenfalls nicht gemacht, ich hab mich dann selber bedient. Aber sonst war sie sehr aufmerksam, hat jeden Gang mit einem freundlichen sympathischen Lächeln serviert. Danach noch eine Auswahl an drei korsischen Käsen und einen Kaffee.

Aber im Restaurant gab’s auch kein Internet, deswegen hab ich mich danach noch im Hotel an die Bar gesetzt, um mit einem Glas Mouscat all die Geburtstagsgrüsse zu beantworten. Ok, es waren zwei Glas Mouscat, der Süsswein ist aber auch lecker. Und ich hatte mit all dem Beantworten so lange gebraucht, bis mich die Belegschaft rausgeschmissen hatte, sie wollten Feierabend machen.

Vielen lieben Dank für all die Geburtstagswünsche!

Hat mich echt gefreut, so viel Zuspruch zu bekommen, das gut echt gut, vor allem, wenn ich alleine in der Ferne herum schweife 🙂

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4 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 28. Mai 2013 at 10:02

    Geburtstag?! Herzlichen Glückwunsch von uns Dreien! Alles, alles Gute und vor allem Gesundheit und immer ein Dach über dem Kopf (wenn es regnet).
    Gruss aus CH!
    Matt, Kat & Alyssa

    Antworten

  2. Posted by Kleine on 28. Mai 2013 at 11:36

    Hey Großer,

    herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!!! Anrufen kann ich dich ja leider nicht mehr.. ;o) Also auf diesem Wege. Ich wünsche dir dass du deinen Weg weitergehen kannst wie du es für richtig hältst und du es willst! Egal ob von A nach B oder in welche Richtung er dich auch immer führen wird.

    Liebe Grüße
    Kleine

    Antworten

  3. Posted by Jürg on 28. Mai 2013 at 18:15

    Hallo Frank,
    alles Gute zum Geburtstag! Habe dein Blog erst vor wenigen Tagen zufällig gefunden und bin jetzt begeistert am Lesen von deinen spannenden Touren und Erlebnissen. Finde es toll wie du das durchziehst und uns an deinen Erlebnissen teilhaben lässt. Hoffentlich dürfen wir noch viele weitere interessanten Berichte von dir lesen 🙂

    Viele Grüsse,
    Jürg

    Antworten

    • Hallo, Jürg,
      ich könnt ja schon fast sagen: Hallo Kollege (wenn ich Deine Mailadresse anschaue). Danke für Deine Wünsche und Dein Lob. Ja, gern geschehen, dass ich meine Berichte mit Euch teile, wie langweilig wäre denn alles Welten-Gebummle, wenn ich’s niemandem erzählen könnte? Und bei so viel Feedback macht es natürlich gleich nochmal so viel Spass 🙂

      Antworten

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