über die Berge nach Bastia

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Dass das Wetter immer so schön abwechselnd ist. Gestern Wolken und Regen, heute wieder strahlend blauer Himmel und Sonne. Es gibt wieder französisches Frühstück, ein Croissant und eine halbe Stange Brot mit Butter und Marmelade. Ich lade die Karten von hier nach Bastia herunter und bin erstaunt, wie schnell das ging. Weit ist es nicht mehr nach Bastia, dafür geht’s heute durch die Berge. Heute hab ich Chancen auf das gepunktete Trikot.

Wenn nicht die Gruppe Radfahrer, die sich auch vom Hotel aufmacht, schneller oben ist. Aber ich lasse ihnen erstmal etwas Vorsprung, zumal auf dem Weg noch die Kathedrale von St. Florent steht, die will ich mir noch anschauen. Der Weg ist einfach, nennt sich heute D238 und geht einfach den Berg hinauf. Zwischendrin darf ich den Abzweig nach links nicht verpassen, wenn ich nicht zu sehr nach Süden abdriften will.

Für die Kathedrale di U Nebbio musste man Eintritt zahlen, einen Euro. Dafür gab es auch ein Begleitheft und das sogar auf Deutsch. Deutsch? „Oh, ich spreche auch deutsch“ hat die Dame gemeint, als sie mir Eintrittskarte und Broschüre in die Hand gedrückt hat. Aber ich hab es doch vorgezogen, mich alleine in eine Kirchenbank zu setzen und meinen Blick schweifen zu lassen.

Pisanischer Stil. Gefällt mir, sieht jung und frisch aus und vor allem: asymmetrisch. Die Kirche selber ist zwar in Hauptschiff und zwei Nebenschiffe mit Chor und Apsis aufgeteilt, allein schon wegen der Baustatik. Aber die Schnörkel, die Verzierungen des Chors, der Stukk, das war alle asymmetrisch. Die Einrahmung dieses dunklen Kreuzes aus Lindenholz, des Bilds der Heiligen Flora, diese Rahmen waren asymmetrisch. Mal was anderes. Hat mir gut gefallen. In einer Ecke stand noch ein Reliquienschrein mit den sterblichen Überresten eines Römischen Kriegers, dem Märtyrer St. Flor aus dem 3 Jahrhundert. Eingekleidet in kostbare Gewänder aus Seide, mit Perlen und Edelsteinen besetzt, lag er da, tot, tat keinen Wank mehr. Aber sein Geist wacht über die Stadt St. Florent.

Nach der Kathedrale ging die Strasse ins Hinterland, durch schattige Wälder und über Wiesen, an bizarren Felsen vorbei, hie und da rauscht ein kleiner Bach; und durch Weinstöcke. Hier ist das berühmtes Weinanbau-Gebiet Patrimonio und hier reihen sich die verschiedenen Domaines aneinander. Domaine Guidicelli und Domaine Cordoliani, Domaine Leccia und Domaine d’e Croce, hat mich gleich an die Arbeit erinnert. An Röbu (Gruess! Wie geht’s Karo?) und Matze (danke für die Geburtstagsgrüsse) und an Bidu (hey, flieg nicht weg in Ägypten).

Dann verspürte ich einen leichten Anstieg unter den Füssen und die Strasse fing an, viel mehr Kurven zu machen. Ich komme langsam höher hinauf. Bei der Ruine einer Alten Kirche mache ich Orientierungspause. Oh, schon zu weit, also wieder zurück und die nächste rechts.

Das war die Gnadenfrist, waagerecht am Hang entlang, durch Rebstöcke hindurch, bis ich dann an die Strasse kam, die senkrecht den Hang hinaufführte. Also senkrecht zu den Höhenlinien. Bis zu einer Gabelung, an der ich mich entscheiden musste. Nehme ich die rechte Sackgasse oder die linke Sackgasse? Meine Karte wusste auch nicht so recht, sie hatte nur diese eine Strasse drin, die ich gehen wollte, aber all die vielen anderen nicht. Ich entschied mich für die linke Sackgasse. Steil bergauf. Hunde kläfften mich an, erst die einen, dann die gegenüber, dann die im nächsten Grundstück. Ganz oben, am letzten Haus angekommen, am verschlossenen Tor stehend, meinte meine Karte dann, dass ich völlig im Grünen stehe. Und hier geht es definitiv nicht weiter. Und alle Bewohner dieser Häuser haben sich hinter so hohen Mauern versteckt, dass ich auch keinen gefunden habe, um zu fragen. Also wieder senkrecht hinunter und doch die rechte Sackgasse nehmen. Wieder an Hunden vorbei, Bellen scheint echt ansteckend zu sein, ich hatte das Gefühl, der ganze Hang bellt. Und auch die rechte Sackgasse ging senkrecht hinauf, hatte oben ein letztes Haus stehen mit einem verschlossenen Tor, aber diesmal ging ein kleiner Schotterweg weiter hinauf. Schon interessant, wieviel Variationsvielfalt in diesen „weissen Strassen“ von OpenStreetMap steckt. Und weiter bergauf, jetzt auf Kies. Die Sonne schien in den Wald hinein und der Schotterweg war glücklicherweise schmaler als die Strasse und hat so wenigstens ein bisschen mehr Schatten gebracht. Als sich der Weg dann zu winden anfing, weil es sonst gar zu steil geworden wäre, schob sich eine Wolke kühlend vor die Sonne und ein paar Hauch von Wind drangen auch in meinen Wald ein. So konnte ich mich etwas kühler nach oben schlängeln, immer weiter auf diesem Schotterweg, der nach gefühlten hundert Kehren und Windung dann auf die grosse Autostrasse traf.

Die Strasse, die beim Tourismusbüro als gefährlich eingestuft wurde. Ich machte Blog-, Wind-, Abkühlungs- und Trinkpause und schaute den Autos zu, die hier hoch und runter heizen. Eieiei… Der Mittelstrich ist wohl nur zum Spass da. Und alle scheinen sie verfolgt zu werden. *kopfschüttel* Nur der Holländer mit seinem Caravan war vorsichtiger. Aber nicht, dass er etwas Ruhe in das Verkehrsgeschen gebracht hätte, eher im Gegenteil. Einige fühlten sich wohl bei ihrer Flucht ausgebremst. Aber was soll’s, ich will hier über den Pass, ich werd’s mal wagen. Wie heisses so schön: „Links gehen Gefahr sehen“. Oder wie war das? „Links rennen, Gefahr erkennen?“ 🙂

Naja, ganz so schlimm war’s dann doch nicht mehr mit dem Verkehr und ein paar Kehren weiter oben hatte ich dann auch schon den Pass erreicht. 534 Meter über dem Meer, ich weiss nicht, was Klaus gestern beim Frühstück mit 1100 Metern meinte. Wahrscheinlich der Berg nebenan mit der Antenne drauf. Auf der einen Seite vom Pass war es mir zu windig zum Brotzeit machen, auf der anderen Seite, nach Bastia hin, war ein Kriegerdenkmal, aber da waren mir zu viele Leute. So bin ich weiter gezogen, um mir einen gemütlichen Schattenplatz zu suchen. Schattenplatz? Auf einem Bergpass? Wie kam ich denn auf diese Idee?

Jedenfalls war kilometerweit nichts zu finden und ich hab tatsächlich warten müssen, bis eine Wolke mal Schatten gespendet hat. Laut Verkehrsschild bin ich nur noch 4 km von Bastia Süd entfernt. Und meine Karte? Da ist inzwischen der Akku leer, die kann ich nicht mehr fragen. Aber erstmal Schuhe ausziehen, die Füsse tun mir noch weh von gestern. Gar nicht mal vom Laufen, sondern von der Belastung, als sie nass waren. Eine Banane und ein Apfel, dazu ein paar Canistrelli, ein korsisches Mürbegebäck mit Früchten drin. Hinter mir in den Bergen übt das Militär Schiessen, ständig höre ich Artelleriefeuer und Maschinengewehrsalven. Vor mir ist ein Kreisverkehr, eine steile Strasse kommt von unten, biegt in einer scharfen Kurve ab und führt in die selbe Richtug, nur ein paar Meter höher, weiter. Und die Strasse zum Pass geht hier weg, mit der ich gekommen bin. Wer nicht zum Pass hinauf will, muss ganz schön rumkurbeln, um die enge Kurve zu kriegen. Und erst recht die grossen Lastwagen und Wohnmobile. Nachdem ich meine Karte nicht mehr fragen kann, entscheide ich mich für die obere Strasse, an der ist der Hafen von Bastia angeschrieben.

Und dann kam der laaange, nervige Hadsch hinunter in die Stadt. Oben dachte ich noch Dinge wie „och, da vorne ist ja Bastia schon“ und „das ist ja näher als mein Abstieg nach Île Rousse letztens“, aber im Feierabendverkehr auf einer Strasse ohne Bürgersteig hinunter in die Stadt zu wandern, ist kein Spass. Mein fliegendes Auge hat auch keine andere Möglichkeit gesehen, als eben auf dieser Strasse zu laufen. Auto um Auto ist vorbei gerauscht, in beide Richtungen, oft hat ein Fahrer hektisch um mich herumlenken wollen, dann wieder hektisch zurückgelenkt, weil Gegenverkehr kam und dann erst gebremst. Wobei die kleinen Peugeots und Renaults ja noch in Ordnung waren, daneben hat man ja noch Platz, viel mühsamer waren diese grossen Autos, diese „ich fahr zwar nie ins Gelände, aber ich bin reich und kann mir sowas leisten“ SUVs (werden die immernoch so genannt?), diese Autos, wo die Motorhaube ungefähr auf Brusthöhe anfängt, damit die überfahrenen Fussgänger ja nicht die Windschutzscheibe schmutzig machen 😉 Die anderen Reichen, die mit ihren Sport-Coupés unterwegs waren, die haben nur ganz ungläubig geschaut. Da macht sich jemand tatsächlich die Mühe, zu Fuss von A nach B zu gehen. Aber keiner hat mich überfahren, alle haben sie auf mich und ihre Aussenspiegel Rücksicht genommen und weiter drinnen in der Stadt war dann auch mal ein Bürgersteig vorhanden.

Bis tief in die Stadt, bis ins Zentrum hinein hat mich mein fliegendes Auge geschickt, hier wäre die Touristeninformation. Die war schnell abgefrühstückt. Zwei Kreuze auf dem Stadtplan: hier sind wir, dort ist das Hotel. Eine Strasse weiter, direkt gegenüber der Post, auf der mein Paket auf mich wartet. Ob sie das gewusst hat? Einchecken ging schnell, WLAN hab ich auf dem Zimmer und erstmal aus den Schuhen raus! Ah, tut das gut. Ich frag mich, warum meine Füsse immer so weh tun, wenn ich einen (oder halben) Tag in nassen Schuhen unterwegs war. Ausser dem Begriff „Immersionsfuss“ hab ich nichts im Internet gefunden, ausser tausend tollen Ratschlägen, was man beim Wandern und mit Wanderschuhen beachten sollte.

Naja, ich bin mitten in der Stadt untergebracht, eine Ecke weiter ist ein Supermarkt, hab schnell was zu Essen eingekauft und bin wieder aufs Zimmer. Keinen Schritt laufe ich heute mehr 🙂 Meine Ohren glühen, ich glaub, ich hab etwas zu viel Sonne abbekommen. Ja, es war oft recht windig, dass mein Hut davon geflogen wäre, wenn ich ihn nicht abgesetzt hätte. Und durch den Wind spürt man die Kraft der Sonne nicht so.

Aber ich bin stolz auf mich, ich bin doch tatsächlich (quasi) von Calvi nach Bastia gelaufen. Schon ein bisschen verrückt… Aber Hey, es hat Spass gemacht, vor allem durch die weite, wilde Macchia hier im Norden Korsika’s. (Und ich würd’s wieder tun). Und den oberen Querstrich von dem grossen T auf Korsika hab ich jetzt schon, mit dem GR20 die nächsten beiden Wochen werd‘ ich den senkrechten Strich in die GPS-Landschaft malen 🙂

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