Col de Bavella und das Gewitter

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Im Tal unten wabert noch der Nebel, während uns die Morgensonne weckt. Immer dieser Schreck „Huch, es ist ja schon hell“, dabei ist erst sechs Uhr. Gemütlich Zeit also, um unser Lager zusammen zu packen und aufzubrechen. Frühstücken wollen wir am Bavella-Pass, dorthin sind es knapp zwei Stunden.

 

Doch der erste Aufstieg ist steil, ziemlich steil für die erste Strecke am Tag. Die Karten werden hier gemischt, bzw. die Wanderer nehmen ihre Positionen ein, je nachdem, wie schnell sie sind. Die Dreiergruppe Frauen zieht recht schnell an uns vorbei, der einzelne Engländer hat uns zwar überholt, hat aber nach seiner Trink-Pause eingesehen, dass er auch nicht schneller ist als wir. Und wir alle schnauften die alten Hirtenwege hinauf, endlich oben angekommen, gab’s Platzwechsel, die drei Frauen waren wieder ausgeruht und sind wieder weiter gelaufen, wir haben ihre Plätze eingenommen zum Verschnaufen. Dann kamen diese Einen vorbei und jene Anderen, so langsam kennt man die Leute, schliesslich waren sie auch alle auf dem Biwakplatz.

Danach ging der Weg wieder hinunter, führte durch schattigen Wald mit wenig Steigung, Alpenrosen blühten und Farne wehen im leichten Wind, ein Bach schlängelt sich den Hang hinunter, für eine Stunde hat sich die Gegend wie in den Alpen angefühlt. Nur die Tierwelt ist eine andere, hier gibt es Mufflons. Wir haben eines gesehen, wie es gemütlich vor ins durch den Wald gestreift ist. Es hat uns auch gesehen, hat aber keinen verschreckten Eindruck gemacht. Wahrscheinlich ist es an die Wanderer hier gewöhnt. Und wahrscheinlich ist es auch schneller und flinker in den Felsen verschwunden als die Wanderer mit ihren grossen Rucksäcken auf dem Rücken. Nach dem Bach kam dann der zweite Anstieg. Mann, hätte ich mir doch nur beim ersten Anstieg etwas Energie aufgespart. So langsam sollte ich mal frühstücken… Immer mehr kommen uns leichter bekleidete und bepackte Wanderer entgegen, teilweise als Wandergruppe zusammengefasst, die Wege machen immer mehr einen touristisch erschlossenen Eindruck. Wir kommen zum Col de Bavella.

Frühstückspause. Hier in der Zivilisation gibt’s zwar kein Internet, dafür leisten wir uns aber einen Kaffe und ein Croissant zum Frühstück. Zweieinhalb Stunden sind schon geschafft, ein Drittel von der recht weiten Etappe heute. Die steilsten Steigungen sind geschafft, jetzt kommt ein gemütlicher Aufstieg durch das Asinao-Tal.

Am Col de Bavella wollten wir unsere Vorräte wieder auffüllen. Wir haben kein Brot und Käse mehr und für heute Abend wollen wir Gemüse kaufen. Aber der einzige Laden für Alimentation hat geschlossen. Wir fragen den Kellner und er bietet uns an, dass er ein bisschen Brot und Käse für uns hat. Eine Saussicon hat er auch noch in die Tüte gepackt. Als er uns dann die Sachen auf den Tisch gestellt hatte, ein bisschen entschuldigend, mehr ist halt nicht da, wollte Heinz noch das Abendessen organisieren. Tomaten? Zucchini? Aubergine? Zwiebeln? Wir haben dann bekommen, was halt grad da war in der Restaurantküche, aber es hat gereicht. Tomaten kommen zwar erst in einer halben Stunde, aber darauf können wir auch verzichten. Den Rucksack wieder prall gefüllt sind wir weiter zur Quelle gezogen, haben Wasser aufgefüllt und waren damit wieder auf maximaler Zuladung.

Am Parkplatz, wo die ganzen Autos, Motorräder und Wohnmobile parken, dort wo die betende Jungfrau steht, musste Heinz diesmal nicht wehmütig dastehen und zugucken, wie die Wanderer auf den GR20 gehen. Nein, heute kann er selber hier wandern und die wilde Schönheit Korsikas erkunden. Am Abzweig zur alpinen Variante über die Felsentürme der Bavella-Gruppe, haben wir einige Wanderer abbiegen sehen. Die wollen Klettern gehen und „oben herum“. Uns wird das zu anstrengend, zumal der „normale“ Wanderweg unten herum schon acht Stunden dauert. Da wäre oben rum einfach zu viel.

Wir wandern die Berge entlang, der Blick öffnet sich in das dicht bewaldete Innere Korsikas. Dicht und grün wuchert der Wald über die Hügel, man kann nicht einmal erkennen, wo die Passstrasse weiter verläuft.

Leicht hinauf und leicht hinab schlängelt sich unser Weg unter den Türmen entlang, kommt zu einem Bach mit erfrischendem Wasser und zu noch einem Bach, an dem wir Brotzeit machen. Vier Stunden geschafft, die Hälfte haben wir. Doch als wir gemütlich im Schatten der Bäume sitzen und von unseren Einkäufen naschen, kommen Wolken und verdecken die Sonne. In welchem Tal braucht sich heute Nachmittag das Gewitter zusammen?

 

Der Donner über uns beantwortete diese Frage ganz eindeutig. Hier. Schnell packten wie die Brotzeit wieder ein, zogen Socken und Schuhe wieder an und den Regenschutz über die Rücksäcke. Weiter unten am Bach haben andere Wanderer Pause gemacht, ich hoffe, der Bach schwillt nicht zu sehr an. Kaum ein paar hundert Meter weiter hob Heinz plötzlich ein weisses Ding auf. Ein Hagelkorn. Und schon prasselte es um uns herum und wir standen mitten im Hagelschauer. Die Körner prasselten uns auf den Hut und auf die Rucksäcke, prellten die Arme und Hände, so dass wir uns unter einem Baum unterstellten. Es donnerte weiter über uns, mit den Blitzen waren wir auf Augenhöhe. Aus der Aussicht über die Wälder Korsikas wurde eine Aussicht in eine Gewitterwolke. Blitze zuckten recht nahe bei uns in den Wolken, Donner grollte und grummelte und sein Echo schallte von den Bergen wider.

Und es prasselte Hagelkörner. Wir waren echt froh, zum Einen dass wir nicht die alpine Variante über die Türme der Bavella gemacht haben (die Kletterstellen sind mit Stahlseilen gesichert und mit dem Blitzableiter in der Hand möchte ich jetzt nicht da oben stehen), zum anderen haben wir gerade zur richtigen Zeit Mittagspause gemacht, denn jetzt finden wir kein trockenes Plätzchen mehr.

 

Als der gröbste Hagelschauer vorbei war und es „nur noch“ stark regnete, sind wir weiter gelaufen. Zum einen sind wir eh schon nass, in den Regenklamotten würden wir nur noch mehr schwitzen und ob nass geschwitzt oder nass geregnet, kommt fast aufs Selbe raus. Ausserdem haben wir noch vier Stunden des Wegs vor uns.

So bogen wir bei Regen in das Asinao-Tal ein, stiegen Stück um Stück höher hinauf und liessen uns von nassen Macchia-Zweigen Peitschen. Das war eine Waschanlage, wie ich sie an meinem Geburtstag schon erlebt hab, durch die regengetränkten Zweige der Strauchheide hindurch und die streifen all die Regentropfen an uns ab. Aber die Regenhülle hält dicht, mein Faserpelz ist trocken geblieben. Und wie das duftet! Frischer Regen auf frischen Kräutern in frischer Macchia! Einfach herrlich!

 

Das Gewitter war nicht so schnell verschwunden wie das von gestern, nein, unser Gewitter zog mit uns das Tal hinauf. Es war zwar schneller als wir, aber trotzdem hat es einfach nicht aufgehört zu regnen. Aber es hätte schlimmer sein können, bzw es war schon schlimmer. Die Umgebung war überzogen von Graupeln und Hagelkörnern, die überall herumlagen, selbst unter den Bäumen und Büschen, teilweise zentimeterdick. Da hatten wir mit unserem bisschen Hagel ja noch richtig Glück.

 

Und der Weg stieg und stieg, immer dieses Tal hinauf, immer unter diesen Gewitterwolken. Diverse Bäche kreuzten den Weg, über Trinkwasser mussten wir uns nun wirklich keine Sorgen machen. Genug Bäche, Wasser von Himmel, selbst Crushed Ice fiel vom Himmel, um die Getränke zu kühlen. Und der Weg stieg und stieg, nach stundenlangem Wandern kreuzten wir endlich den Asiano-Bach. Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen und es machte sich ein Fleck blauer Himmel breit. Na, das lässt auf etwas Sonnenschein hoffen, wenn wir endlich mal bei der Hütte sind. Aber erst mussten wir noch den Bach queren, das war etwas schwierig. Klar, wenn es oben in den Bergen gewittert, dann kommt da etwas mehr Wasser runter. Ein junges Pärchen Franzosen, sie hatten uns schon zwei Stunden vorher überholt, standen an der Furt und suchten sich einen Weg über den Bach. Er hatte es schon versucht, nicht geschafft, sie wollte das nicht wahrhaben und hat grad selber getestet. Heinz und ich sind einfach etwas weiter rechts über ein paar andere Steine ans andere Ufer gegangen, war eigentlich kein Problem. Ich glaub, das Pärchen hat sich etwas geärgert, die sind bestimmt schon zehn Minuten an der einen Stelle und probieren, dann kommen wir zwei und nehmen einfach eine andere Stelle.

 

Zur Hütte sind es dann nur noch 200 Höhenmeter. Aber die ziemlich steil. Und das, nachdem wir die letzten vier Stunden eh schon die ganze Zeit das ganze Tal hinauf gestiegen sind. Uff. Was für ein Endspurt. Was für eine Anstrengung. Aber wir haben es geschafft. Wir haben zwar acht einhalb Stunden gebraucht, aber wir haben es geschafft. Ein Platz für unser Zelt haben wir auch noch gefunden.

Und einen Platz zum Abendessen auch, Heinz hat Reis und Gemüse gekocht, hat sich noch Elke zu uns gesellt. Gemütlich ein Glas Rotwein dazu, war es noch ein gemütlicher Abend. Ganz kurz haben sich noch die Türme der Bavella gezeigt, ansonsten waren die Nebelwolken recht beständig hier oben im Tal gehangen. Noch bevor es dunkel war, sind wir im Zelt und im Schlafsack gelegen, nachdem wir noch ergebnislos Heinz‘ Besteck gesucht haben.

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