Lac Melo und Lac Capitellu

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Halb sechs Uhr aufstehen, um sechs will und der „Cheffe“ vom Campingplatz in die Berge fahren. Nachdem wir jetzt schon seit einigen Tagen seine Gäste sind, wir inzwischen miteinander warm geworden sind, wir uns an seinen rauen korsischen Charme gewöhnt haben und es aktuell keine Busverbindung zur Bergerie gibt, hat er uns gestern Abend angeboten, dass er uns hinfährt. Aber schon um sechs Uhr, danach hat er zu tun.

Klarer Himmel, keine Wolke zu sehen, heute wird ein schöner Tag. Um sechs Uhr standen wir fertig, mit leichtem Gepäck auf dem Rücken, an der Rezeption und haben auf den Chef gewartet. Es ist noch frisch heute früh. Viertel nach sechs, keiner da. Wir spielen Fussball mit einem Stein, damit uns warm wird. Halb sieben. Die ersten Campinggäste stehen auf und trotten verschlafen zu den sanitären Anlagen. Immer noch kein Chef da. Wir spielen weiter Fussball. Viertel vor sieben. Keiner da. Um sieben kommt er etwas verschlafen aus seinem Haus, wundert sich etwas, dass wir in voller Montur da stehen und glaubt, dass wir auf einen Kaffee warten. Plötzlich fällt ihm siedend heiss ein, dass er uns ja das Tal hinauf fahren wollte. Da wurde er dann hektisch. Unter vielen Entschuldigungen hat er uns drei Kaffee hingestellt und musste schnell noch Brot holen. Bis dahin sollte seine Frau auch da sein, wenn das Büro dann besetzt ist, kann er uns fahren. Die ganze Zeit schimpft er mit sich selber, es ärgert ihn ziemlich, entweder weil er es uns versprochen hat, oder weil er es verschlafen hat.

Mit seinem Landrover-Pickup stand er dann da, die Rucksäcke und den Heinz haben wir auf die Ladepritsche geschmissen, Elke und ich durften vorne im Fahrerhaus sitzen. Und dann ging die holperige Fahrt los, aus Corte hinaus, das wilde Restonica-Tal hinauf. Die Strasse wurde immer schmaler, die Felsen immer steiler, die Schlucht immer interessanter, die Kurven immer enger. Und wie das so mit Einheimischen ist, die etwas unter Zeitdruck stehen… Hupen statt bremsen vor den Kurven, aber morgens um halb acht kommt eh noch keiner den Berg hinunter. Die Strasse war seitlich oft nicht befestigt, gleich daneben ging senkrecht der Abgrund hinunter, die Brücken waren mit nur kniehohen Mäuerchen „gesichert“, die Fahrt alleine war schon recht interessant. Mit einer Handbewegung hat er angedeutet, wie kurvig und ruppelig die Strasse ist, mit dem Daumen nach hinten zu Heinz und der Ladepritsche gedeutet und gelacht 🙂 Wir haben uns über den Mittelstreifen bei dieser schmalen Strasse amüsiert, er hat darüber auch nur gelacht. Irgendwas von Unfällen hat er noch erzählt, ich hab’s nicht genau verstanden und auf ein paar umgefahrene Begrenzungsposten gedeutet. Kurve rechts, Kurve links, geradeaus, Gas geben, Hupen, Kurve links, um den Felsen herum, die Strasse gerade so breit wie sein Landrover, kamen wir an einem Campingplatz vorbei und bei einem Restaurant, bei dem man sehr gut essen könnte. Aber es hat noch geschlossen. Kurve rechts, Kurve links, über eine kleine Brücke, hier ging im Winter eine Lawine runter, hat er erzählt. War schon spannend, dieser Ausflug mit einem Ortskundigen 😉 Der arme Heinz hinten auf der Pritsche hat mir etwas leid getan, erst recht, als plötzlich zwei rechte Buckel in der Strasse waren, da hat’s uns selbst vorne mit den gefederten Sitzen etwas hoch gehoben. Mitten im Wald stand dann ein Tisch auf der Strasse, ein Stuhl daneben und ein Mädchen darauf, hier wird abkassiert, denn die Zufahrt und der Parkplatz oben kosten für private Fahrzeuge 5.- Und hier am Tisch wird abkassiert. Zwar noch nicht um halb acht, aber das wird noch kommen. Hupen statt bremsen, grüssend ist er vorbei gerauscht, weiter nach oben, bis wir auf dem Parkplatz ankamen. Hier ist die Strasse zu Ende und wir durften aussteigen. Heinz hat die Pritsche überlebt, aber das Rumgehüpfe oder die Kurven waren gar nicht das Schlimmste, sondern die Abgase des alten Autos, die er abbekommen hat. Zwei Wochen frische Bergluft sind dahin 😉 Cheffe kann uns abends nicht abholen, aber wir werden schon was finden, hat er gemeint… Also dann. Danke und einen Schönen Tag.

 

In der Bergerie Grotella, die hier ist, der Name kommt von „kleine Grotte“, sassen grad die Biwakgäste beim Frühstück, als wir uns mit Käse eingedeckt haben. Frisch versorgt haben wir uns dann an den Aufstieg zum Lac de Melu gemacht, zweieinhalb Stunden. Wilde Felsformationen auf beiden Seiten dieses imposanten Tales, eine einmalige Kulisse, gross, bizarr, zerklüftet, wild und schön. Und das ständige Rauschen des Restonica Baches, der hier hinunter fliesst. Über gemütliche Wanderwege sind wir immer höher gestiegen, bald ging es auf die Schattenseite des Tales und dafür mussten wir den Bach queren.

Der war hier schon recht gross und breit, oben liegt noch viel Schnee, der grad wegschmilzt, entsprechend viel Wasser war im Bach. Wir suchten uns Steine, um über das Wasser zu kommen, mussten aber mindestens mit den Füssen ins Wasser, weil die Steine zu hoch überspült waren. Heinz hat einen Weg gefunden, ich war mir nicht so sicher und hab nach anderen Steinen über den Bach gesucht. Einen Fuss hier, einen grossen Schritt auf diesen… dort ist das Wasser tief, nee, lieber nicht… hier entlang, diesen Stein, dorthin und so hinüber? Könnte klappen. Ein Fuss auf den Stein gesetzt, einen grossen Schritt nach vorne auf den nächsten Stein, mit meinem Wanderstab abgestützt, plötzlich rutscht mein Fuss ab, mein Rucksack nimmt diese Drehung mit, gibt ihr Schwung und ehe ich gucken kann, liege ich schon bäuchlings im Gebirgsbach. Bis meine Hände unten ankommen und den Stein greifen kann um mich wieder aufzurichten, bin ich aber auch schon nass. Schuhe nass, Hose nass, Pulli nass bis zum Bauch, Rucksack nass. Pitschnass. Gebirgsbachnass. Triefend steige ich ans andere Ufer und sehe jetzt erst, wie tief ich im Bach lag und wie weit ich nass geworden bin. Mein iPhone in der Cargotasche meiner Hose quietscht noch kurz und tut keinen Wank mehr. Klatschnass geworden, das wird es nicht mögen… Mit dem GPS Track wird’s wohl heute nichts…

An einem Stein in sicherer Entfernung angekommen, stelle ich erstmal meinen Rucksack ab und ziehe die nassen Klamotten aus. Gut, dass ich eine zweite Unterhose dabei hab, eine zweite Wanderhose auch, das Hemd trocknet recht schnell, also ziehe ich mich erstmal um. Aber die Schuhe sind so voll gesogen, das macht keinen Sinn, jetzt trockene Socken anzuziehen. Halb getrocknet und mit den schlauen Sprüchen meiner Begleiter gehe ich weiter.

Quitsch Quatsch, mit jedem Schritt wieder Quitsch Quatsch. Ich muss sagen, Korsika ist mir einfach zu nass! So langsam hab ich keinen Bock mehr auf nasse Füsse 😉

Aber wir wollten uns ja nicht die Wanderlaune verderben lassen und sind auf der Schattenseite weiter hinauf, durch Schneefelder und Geröll haben wir uns Schritt für Schritt hinauf bewegt, bis wir an dem ersten See, dem Lac de Melu angekommen sind.

Kreisrund, ein Gletschersee, umrahmt von Granitfelsbergen, die noch viele Schneefelder haben, ein schönes Schwarz-Weiss bilden, blauer Himmel und die Sonne, die im dunkelgrünen Wasser glitzert. Ein herrlicher Anblick, da vergisst man gleich jegliche Strapazen des Aufstiegs! Bis ich den nächsten Schritt gemacht hab: Quitsch Quatsch 🙂 An der kleinen Berghütte vorbei wollten wir die 45 Minuten Aufstieg zum oberen See, dem Lac di Capitellu, auch noch machen, bevor wir eine Pause einlegen.

Und so kamen wir wieder zum Klettern. Granitfelsen, Treppchen, Stufen, Handgriffe, Fusstritte, alles da, um fröhlich in den Felsen herum zu klettern. Hat wieder Spass gemacht, zumal wir drei fast alleine im Berg waren.

Der obere See ist auch von den Gletschern übrig geblieben, kreisrund und mit 42 Metern ziemlich tief. Deswegen kann es sein, dass selbst im Juni noch Eisschollen herumschwimmen, und das wollte Heinz uns zeigen. Aber da war nichts mit Eisschollen. Der ganze See war noch zugefroren, eine geschlossene Eisdecke lag noch drauf. Zwar zeigten türkisfarbene Bäche auf dem Eis das Schmelzwasser an, es rauschte auch von den Hängen hinunter, aber unter den Schneefeldern war kein einziger Bach zu sehen. Nur diese Eisfläche. Wir haben ein paar Steine auf den See geworfen, aber die sind auf dem Eis liegen geblieben, doch noch recht dick…

Hier oben haben wir kurz Pause gemacht, Schuhe aus und Socken in die Sonne gelegt, vor allem aber die Füsse mal trocknen, die werden schon wieder schrumpelig. Wir beobachten die „Verrückten“, die von hier noch weite Schneefelder steil nach oben gehen, um auf dem GR20 zu kommen, oder von dort hier hinunter zu gelangen.

Wir sind froh, dass wir das nicht machen müssen, die paar Schneefelder hier hinauf waren ja ganz lustig, aber auch nicht ganz ungefährlich. Mehr als einmal sind wir mehr als beinlang eingesunken, der Schnee ist recht sulzig und recht rutschig. Die Alpendohlen statteten uns einen Besuch ab, aber wir wollten erst unten, „im Grünen“ Brotzeit machen, so haben wir hier oben nur einen Apfel gegessen, die Berge und den Schnee betrachtet, die paar wenigen Wolken und den blauen Himmel bestaunt und das Hochgebirge genossen. Schliesslich sind wir hier auf 1930 Meter Höhe.

Als dann doch noch ein paar Wanderer zu uns hinauf kamen, machten wir uns wieder an den Abstieg zum Melo-See. Es wurden immer mehr Wanderer, als wir nach einer Stunde wieder am unteren See waren, sahen wir fast überall am Ufer Menschen sitzen und Brotzeit machen. Und das haben wir auch gemacht. Leider haben wir keinen Schattenplatz gefunden, mit Bäumen ist hier oben doch nicht viel. Nach dem Essen mit Linsenbrot 😉 Coppa, Lonzu, frischem Stinkekäse und einer halben Wassermelone zum Nachtisch haben wir in der Sonne gelegen, gedöst, geschlafen oder gelesen. Aber trotz der Sonne war es noch halbwegs angenehm hier in der Höhe, auch wenn ich lieber Schatten gehabt hätte. Aber ich kann mir meinen eigenen Schatten ja selber machen…

Der Abstieg, die zweieinhalb Stunden, gingen auf einem anderen Weg als der Aufstieg. Und der Tag war soweit voran geschritten, dass der Weg voll mit Wanderern und Turnschuhtouristen war. Es gab ein paar Leitern, davor gab es Stau, es gab ungeduldige Leute, die unbedingt an dem Stau vorbei nach oben wollten, es gab Leute mit Turnschuhen, die in diesem felsigem Gelände offensichtlich nicht so ganz das richtige Schuhwerk waren. Wir waren die Helden, als wir mit unseren Wanderschuhen diese grossen blanken Granitplatten hinunter gehen konnten! Ohne Stufen, ohne Ausrutschen, einfach nur Sohle auf Stein. Die Leute haben uns angeschaut, als würden wir über Wasser laufen. Das wiederum war auch eine gute Idee (mit dem Bach hatte ich ja schon meine Erfahrungen gemacht), denn im Bach kam uns kein Turnschuh entgegen. Meine Schuhe waren eh schon nass, bzw. der Bach war gar nicht tief, aber die Turnschuhe wollten irgendwie gar nicht mit Wasser in Berührung kommen, also konnten wir dort in freier Bahn hinunter steigen.

An der Bergerie und am Parkplatz wieder angekommen, haben wir einen Kaffee getrunken. Es waren Unmengen von Autos da, wir waren richtig erstaunt, dass wo viele Autos dort Platz haben. Dafür, dass heute früh um halb acht noch gar keiner da war… Wir konnten uns fast die Farbe des Autos aussuchen, mit dem wir wieder hinunter mitgenommen werden wollten, so viel war da los. Wir fragten ein paar Leute, ob sie uns nach Corte hinunter mitnehmen könnten und schon nach drei Versuchen waren wir erfolgreich. Vom Kennzeichen her war es ein einheimisches Pärchen, Elke hat sie auf Französisch angesprochen, aber noch bevor Heinz und ich dazu kamen, waren wir auch Deutsch gewechselt. Österreicher mit Mietwagen, ein Kangoo, also gross genug für uns drei, inklusive Rucksäcke und Wanderstab. Das ging aber schnell. Auf dem Weg hinunter ist der Österreicher ordentlich gefahren, Bergbewohner können das, auch wenn er nicht so heizen konnte wie Cheffe heute früh. Denn es war deutlich mehr los, jetzt am Nachmittag. Hinauf und hinunter, ständig kamen Autos entgegen und als wir hinter dem Holländer „festhingen“ war die Abfahrt schon fast wieder gemütlich. Aber so konnten wir uns noch einmal die imposanten Felsen der Restonica-Schlucht anschauen, die Wasserfälle und die Becken des Baches, die Menschen, die mit Badetüchern auf den Steinen lagen, die wilden Felsformationen und die Kiefern, die hier an fast senkrechten Wänden noch wachsen. Einfach nur schön, das Restonica-Tal. Wenn es mit seinen 13 Kilometern halt nicht so lang wäre…

Die beiden Österreicher haben uns bis zum Campingplatz gefahren, das war eine echt nette Geste von den beiden. Sie wollten weiter nach Corte hinein, wir haben ihnen verraten, wo man hier kostenlos parken kann. Kurz unsere Sachen ans Zelt getan und weiter zum Supermarkt, damit wir wieder ein Drei-Gänge-Campingmenü kochen können:

Tomatensalat mit Brocchiu, Spaghetti mit Tomaten-Paprika-Lonzu-Brocchiu-Sosse und Joghurt mit Früchten

 

Mein iPhone tut immernoch noch keinen Wank, ich hab es aufgeschraubt und zum Trocknen neben meine Schuhe in die Sonne gelegt. Auf der Wanderung hab ich gesehen, dass die Lampe die ganze Zeit leuchtet, also sollte eigentlich der Akku mal leer sein. Allerdings wird er ziemlich warm, deswegen hab ich’s mal auseinander genommen. Ich hab den halben Tag überlegt, was mit meinem iPhone verloren ist, aber mir ist nur der GPS Track von Montag und von heute eingefallen, die sind nicht da. Auch die nächsten Tage werde ich keinen Track aufzeichnen können. Aber sonst fehlt eigentlich nichts, gut, dass ich eine Cloud habe, in der ich die Sachen speichere… Wenn nicht morgen mein Telefon zufällig wieder funktioniert, muss ich wohl einen halben Monatsetat für ein neues Telefon aufbringen. Oder hat jemand von Euch noch eines übrig? Wenn ja, bitte melden, meine Mails kann ich auch mit dem iPad abrufen 🙂

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One response to this post.

  1. Posted by mechtild Schaefer on 17. Juni 2013 at 18:05

    Hallo Elke, ich habe dich gefunden!!! Das sieht ja abenteuerlich und wunderbar zugleich aus bei euch. Schön mal zu sehen wo du gerade bist und was du machst.
    Geniese die Tage und bleib gesund!
    ganz liebe Grüße auch an deine Begleiter von Mechtild

    Antworten

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