Bonifacio

Halb sechs, es war schon hell, bin ich aufgestanden und hab mein iPad von der öffentlichen Ladestation geholt. Keiner hat's gesehen, keiner hat's geklaut. Es ist noch alles ruhig am Campingplatz und ich leg' mich auch nochmal in meine Hängematte. Heute mache ich mir einen gemütlichen Tag in Bonifacio. Der Abschluss meines Korsika-Urlaubs.

Als ich dann aufgestanden bin, hab ich meine Badehose eingepackt und bin den Weg zu den Stränden gegangen. Der führt auf der „Landseite“ von der langen Hafeneinfahrt durch die Macchia und über die Kalksteinfelsen, führt durch teilweise dichtes Gestrüpp und biegt immer wieder mal ab.

Einmal zum ersten Stand, der sich zwischen den hohen Felsen auftut. Als ich mich dorthin durchgekämpft hatte, fand ich einen schmalen Streifen Sandstrand mit klarem Wasser. Weiter draussen liegen einige Schiffe und Yachten, die im Hafen von Bonifacio keinen Platz gefunden haben.

Doch sehr schön ist der Strand nicht, gleich beim Betreten fällt mir das schief im Wasser liegende kaputte Schiffchen auf, was nach seiner Havarie hier liegen geblieben ist. Ausserdem liegt hier ein Gerippe von einem toten Auto im Wasser und rostet vor sich hin. Wie das wohl hier her kam? Weit und breit keine Strasse, das muss wohl mit einem Boote hier entsorgt worden sein.

Dazwischen zwar klares, sauberes Wasser, ich kann einige Fische herumflitzen sehen, aber irgendwie nicht einladend. Ausserdem hat der Strand keinen Schatten, also ziehe ich weiter. Wieder durch das Dickicht hinauf zum Weg, nach links und weiter auf den Steilklippen entlang. Den zweiten Strand hab ich verpasst, wie mir hinterher aufgefallen ist, und so laufe ich gut eine Stunde, bis ich an den berühmten Strand von Faccio komme.

Schon von der Klippe oben bietet sich hier eine herrliche Bucht mit wunderschön türkisem Wasser, zum Meer hin liegt eine Insel, so dass man von draussen nicht hinein und von drinnen nicht aufs offene Meer schauen kann. Doch einsam ist die Bucht nicht, hier hat eine Segelschule ihre Station, sieben Schul-Boote sind hier verankert und eine grössere Gruppe macht sich gerade in ihren Schlauchbooten zu diesen auf.

So wie sie klingen, sind sie aufgeregt, vielleicht die erste Stunde am Segel? Ich klettere den Felsen hinunter zum Strand und schaue den Segelschülern zu. Wie sie ihre Boote klar machen, sich mit der Takelage auseinandersetzen, wie sie versuchen, dem Schlagbaum auszuweichen und ein Lehrer fährt mit dem Motorboot umher und ruft Anweisungen durch die Bucht. Ganz am Rande, im Schatten der nächsten Steilküste, finde ich einen schmalen Streifen Schatten und lasse mich dort nieder.

Ich beobachte das Treiben der Segelschüler, das schöne flache Wasser und die weissen Kalsteinwände, die sich hier auftürmen. Irgendwann kommt der Patron der Segelschule und plärrt etwas quer übers Wasser, der Lehrer kommt mit seinem Motorboot angebraust und macht ganz schöne Wellen. Die jungen übermütigen halt 😉 Nach der Unterhaltung schnallt sich der Patron Schnorchel und Brille an und geht ins Wasser. Mein Schattenstreifen ist inzwischen der Sonne gewichen, ich weiss nicht so recht, ob ich auch Baden gehen soll. Ohne Schatten gefallen mir die Buchten nicht, mein Tag am Meer braucht auch Bäume am Wasser.

So ziehe ich weiter durch die Macchia, erklimme wieder die Felsen und von oben hab ich wieder einen herrlichen Blick über die Bucht, die Insel davor und dahinter über das intensiv blaue Meer. Wie Blau das ist! Und wieviele weisse Boote sich dort tummeln, alle nutzen das schöne Wetter und den Wind. Auch einige Segelschüler sind inzwischen auf dem Meer draussen. Ein Ausflugsboot kommt von links, aus dem Hafen von Bonifacio, angebraust und biegt in die Faccio Bucht ein, die Lautsprecherdurchsagen kann ich fast bis hier oben hören.

Der Weg schlängelt sich weiter, wieder oben auf den Klippen, auf Augenhöhe von der Zitadelle von Bonifacio. Zum roten Leuchtturm, der die Hafeneinfahrt markiert, hinunter und wieder in die intensiv grüne Macchia hinauf, das weite blaue Meer und die Halbinsel von Bonifacio vor mir. Ein herrlicher Ausblick! Zwischendrin treffe ich ein paar andere Wanderer, deren Karte zeigt mir, dass ich auf einem Rundweg bin, der uns wieder zurück zur Stadt bringt. Meine Karte hatte mir das verschwiegen, genauso wie den Weg in die zweite Bucht, den ich nie gefunden habe. So ging es bestimmt eine oder eineinhalb Stunden wieder zurück nach Bonifacio, gegen Mittag war ich wieder am Campingplatz. Keine Badebucht gefunden, da bin ich einfach zu wählerisch, dafür eine schöne Wanderung gemacht. Aber jetzt am Mittag ist es doch recht heiss, ich ziehe mich in den Schatten meiner Hängematten-Bäume zurück und mache ausgiebig Siesta. Internet funktioniert plötzlich auch an meinem Stellplatz, so stöbere ich gemütlich durch meine News und bin in Gedanken schon wieder in meiner technischen Welt und beim Programmieren. Wird Zeit, dass ich wieder meinen Rechner in die Finger bekomme, ich muss meine iPad-Programme an das neue Design des Betriebssystems anpassen 🙂

Gegen vier Uhr, es ist immer noch heiss, mache ich mich auf, die Altstadt zu erkunden. Der Hafen ist ja gleich ums Eck vom Campingplatz, von dort aus geht's die Promenade entlang, vorbei an die grooossen Jachten, die hier liegen und vorbei an den vielen kleinen Booten, an den Fischerbooten und all den Restaurants und Bars, die sich hier aufreihen. Bei der winzig kleinen Kirche geht es links hinauf, steil hinauf, im Schweisse nicht nur des Angesichts, bis man oben im Sattel der Halbinsel steht und der Blick sich aufs offene Meer öffnet. Wie Blau das ist…

Und wie weit sich hier die weisse Kalksteinküste erstreckt, was für ein Kontrast das ist, dieses tiefe, intensive Blau des Meeres und das strahlende Weiss der Steilküste in der Nachmittagssonne. Und das zieht sich bis zum Horizont, am ersten Leuchtturm vorbei bis hinter zur letzten Spitze, wo ein paar Felsen abgebrochen im Meer liegen.

Doch die Küste ist nicht nur dort zerbröckelt, immer wieder sieht man riesige Felsen vor der Küste liegen. Die Streifen der Kalkküste, die einzelnen Schichten von abermillionen längst abgestorbener Schalentiere, die hier die Gesteinsschichten gebildet haben, diese Streifen sind mehr oder weniger waagerecht. Bei den abgebrochenen Felsen allerdings nicht, so kann man erkennen, wie ein Felsen abgebrochen ist, wenn seine Streifen kreuz und quer und schräg im Wasser liegen. Und was für Trümmer da abgebrochen sind, das hat sicher ordentlich platsch gemacht. Nur der grösste Felsen unter ihnen, der Grain de Sable, das „Sandkorn“, wie er genannt wird, der hat eine waagerechte Streifung. Wahrscheinlich nicht abgebrochen, sondern stehen geblieben, als der Rest drum herum weggespült wurde.

Ich wende mich der Zitadelle zu, noch weiter den steilen Aufstieg erklimme ich den alten und damals einzigen Zugang zu dieser Trutzburg. Wie hoch hier die Mauern sind, man sieht nur eine Wand vor sich, uneinnehmbar, wie es scheint und so mächtig, so hoch. Wo früher heisses Pech und Öl auf die Angreifer geklatscht sind, führt der altertümlich gepflasterte Weg zur ehemaligen Zugbrücke, so schmal, dass gerade mal ein Fuhrwerk hindurch passt. Ob das nicht Stau gegeben hat? Heute sind's nur Fussgänger, die geduldig warten müssen, bis sie ihre Familie ohne andere Touristen auf das Foto mit dem Eingangstor bekommen. Das „Empfangsgebäude“ dieses alten Mauerwerks ist angenehm kühl und hält den ständigen Wind ab, kaum ist man hier drinnen, wird es ruhig und angenehm, der Aufstieg ist geschafft und man ist in der Oberstadt.

Hier sorgen kleine, schmale Gassen dafür, dass die Mittagshitze sich nicht ausbreiten kann und das Schlendern hier ist echt angenehm. Nur am Rand, an der Befestigungsmauer zum Hafen hin, bläst der starke Wind, der hier oben noch stärker und aufdringlicher bläst als unten im Hafen. Von ihm lasse ich mich ganz nach hinten schieben, ganz ans Ende der Halbinsel, wo der grosse Parkplatz ist und wo man die Befestigungsanlagen aus dem zweiten Weltkrieg besuchen kann. Es stehen keine Kanonen mehr herum, nur noch die Kreise von ihren Drehgestellen. Mauern aus Beton finde ich auch nicht so interessant und eigentlich kenne ich solche Anlagen ja schon aus Gibraltar. Deswegen spare ich mir hier die 2,50 Eintritt. Vielleicht mag ich mittelalterliche Befestigungsanlagen auch lieber als die aus dem Zweiten Weltkrieg.

Ich schlende weiter, komme zu dem Friedhof, der hier oben angelegt ist. Lauter grosse Familiengräber reihen sich wie kleine Häuser aneinander, mit Gassen dazwischen und sogar Plätzen. Wie ein kleines Dorf sieht das aus und überall ist ein Kreuz auf dem Dach. Kreuz und quer stöbere ich über den Friedhof, schaue mir die Gräber und die Aussicht übers Meer an, bis mich der Weg wieder zurück in die kühlen Gassen der Oberstadt führt.

Zeit, etwas zu trinken und statt einer Bar suche und finde ich einen kleinen Supermarkt, um mir dort eine Flasche Wasser zu kaufen. Aber der Preis ist ja nicht schlecht, da hätte ich auch in eine Bar gehen können: 1,50 € für 0,33 l Mineralwasser! Touristengegend!

Zwischen den Häusern, durch winklige kleine Gassen, durch ein Restaurant hindurch, finde ich das Schild zur berühmten Treppe des Königs von Aragon. Diese Treppe ist in die Aussenseite der Halbinsel in diese 80 Meter hohe Kalksteinklippe gehauen, hier kommt man fast bis ans Meer hinunter. Und nachher auch wieder hinauf. Kostet neben Anstrengung auch 2,50 €, aber auch die spare ich mir. Kalksteinfelsen hinunter und hinauf bin ich heute Vormittag schon gelaufen. Und hat nichts gekostet und war auch deutlich weniger los. Bald war die Altstadt abgefrühstückt, als ich zum dritten Mal an der selben Stelle vorbei gekommen bin, hab ich mich wieder auf den Weg nach unten gemacht.

Diesmal über eine steile Treppe Richtung Hafen hinunter, nicht in den Fels gehauen, sondern gemauert. Aber nicht weniger interessant, ich kam an diversen Befestigungseinrichtungen vorbei, hab die Schächte gesehen, durch das man heisses Öl hinunter schütten kann oder die Schiessscharten, aus denen man die Schiffe in Richtung Hafen beschiessen kann. Unten bin ich an der Fähre herausgekommen und bin dann die ganze lange Hafenpromenade wieder nach vorne gelaufen, bis ich wieder am Supermarkt war. Dort hab ich mir mein Abendessen gekauft und bin damit zurück zum Campingplatz.

Gemütlich schaukelnd hab ich gegessen, hatte meinen Überblick über den Campingplatz, meine Nachbarn sind noch die selben, die neben mir und auch die unter mir. Aber schräg rechts sind Kölner neu angekommen, die haben vielleicht gestaunt, als sie meine Hängematte gesehen haben. Aber fragen wollten sie nichts. So langsam kamen die Leute wieder von ihren Tagesausfllügen zurück und ich hab schon drauf gewartet, dass sie wieder alle das Kochen anfangen (damit die Campingplatzkatze wieder in die Töpfe gucken kann), aber heute ist jeder in die Dusche verschwunden, hat sich schick gemacht und ist essen gegangen. Die unter mir, die neben mir, die Kölner, bald war ich fast alleine auf dem Platz. Mit meinem Brot und Schinken und Käse. Auch gut, dann hab ich das Internet für mich und kann in Ruhe stöbern und suchen, wie ich von hier weiter ziehen will. Mit dem Bus nach Porto Vecchio? Da fahren nur Fähren nach Italien. Weiter nach Ajaccio? Oder zurück nach Bastia? Busse studiert und Fährpläne verglichen, Corsica Ferries und SNCM geguckt, bis ich einen Plan ausgearbeitet hatte. Der startet morgen Mittag mit dem Bus, bis dahin könnte ich doch noch eine Bootsfahrt machen? Die Info hierzu hab ich aber nicht im Internet gefunden, also bin ich nochmal zum Hafen vor (ist ja fast ums Eck 🙂 ) und hab mir im Dunkeln noch die Aushänge studiert. Und die beleuchteten Schiffe angesehen. Je grösser die Jacht, desto heller die Beleuchtung und desto weniger die Leute drauf zu sehen. Auf den kleinen Segelbooten sieht man die Seemänner und -frauen, wie sie sich einen gemütlichen Abend machen, bei den riesigen Jachten sieht man vielleicht mal eine stark herausgeputzte Schönheit „nach Hause“ stolzieren, die auf dem Schiff dann vom anzugtragenden Aufpasser empfangen wird…

Zurück am Campingplatz, das Internet geht nun doch nicht mehr und der Empfang ist geschlossen, bin ich noch schnell unter die Dusche, hab mein Dach aufgeklappt, damit ich Mond und Sterne sehen kann und hab mich zur Ruhe gelegt.

 

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