zögerliche Heimreise

Um sechs Uhr kam der Appell zum Aufstehen: In einer Stunde legen wir in Toulon an. Frühstück gibts im Restaurant und in der Self-Service Bar. Etwas müde aber doch ausgeruht hab ich mich aufgesetzt und meinen Schlafsack wieder eingepackt. Heinz guckt auch verschlafen und wir haben uns angegrinst ob unserem nächtlichen Abenteuer auf dem Sonnendeck. Eine Bedienung mit dem Charme einer russischen Grenzbeamtin hat uns gefragt, was wir frühstücken wollen, ich hab uns zwei Kaffee und zwei Croissants bestellt. Ganz wach und alle Sachen wieder gepackt sind wir dann aufs Deck und haben nicht schlecht gestaunt, dass wir schon in den Hafen von Toulon einlaufen. Pünktlich um sieben waren wir am Quai vertäut und konnten die Fähre verlassen. Willkommen auf dem Festland.

Heinz hat sein Fahrrad aus der Garage geholt, er hat mir angeboten, meine Reisetasche auf dem Gepäckträger mit zum Bahnhof zu nehmen, dann sind wir los. Durch das Gewusel des Hafens, durch das Gewusel der morgendlichen Stadt, durchgefragt zum Bahnhof mussten wir doch glatt eine halbe Stunde laufen, bis wir endlich mal den Bahnhof gefunden hatten. Ich war echt froh, dass Heinz meine Tasche auf dem Gepäckträger mitgenommen hat. Dafür hab ich ihm ein paar Brocken Französisch beigebracht, jetzt kann er wenigstens „s'il vous plait“ und „merci“ sagen. Am Bahnhof hab ich uns Wasser organisiert, er hat sich eine Karte von Südfrankreich gekauft und seinen heutigen Tag geplant. Ich hab mir die Zugverbindungen Richtung Lyon und Bern angeschaut. Dann haben wir uns wieder verabschiedet. Nach dem Austausch meiner Kontaktdaten und einem kräftigen, herzlichen Händedruck macht sich Heinz auf den Weg Richtung Verdun, schwingt sich auf sein Velo und zieht dahin.

Da stehe ich nun in Toulon und weiss nicht so recht. Mein Geld ist alle, ich muss wieder nach Hause. Aber ich will nicht so recht. Ich kaufe erstmal eine Fahrkarte nach Lyon. Ich glaub, ich werde dort noch eine Nacht verbringen. Ich will noch nicht heim.

In Marseille muss ich umsteigen, hier merke ich, wie heiss es inzwischen geworden ist. Ich erinnere mich an meinen Start in Bern, im Winter, als noch Schnee lag und ich draussen übernachtet habe. Ein letzter Blick aufs Meer, dann geht's mit dem nächsten Zug nach Lyon. TGV fahren. Wie sehr ich das mag. 🙂 Ich find das so cool, wie er fast lautlos aus dem Bahnhof schwebt, ein paar Kurven macht, durch ein paar Vororte fährt, wie leise er ist. Zumindest von innen. Und als er dann auf seiner Highspeed-Strecke ist, gibt er Gas. Wuuusch. Mit dreihundert Sachen durch die Provence. Ich krieg immer wieder ein Grinsen ins Gesicht, wenn ich TGV fahre. Das lenkt mich etwas ab, doch in Lyon ist mein Ticket zu Ende. Ich habe beschlossen, ich bleibe noch eine Nacht hier. Suche ein günstiges Hotel am Bahnhof. Etap: ausgebucht. Athena: ausgebucht. Campanile: ausgebucht. Jugendherberge: zu weit weg. Nicht einfach. Soll ich doch gleich weiter nach Bern fahren? Oder noch eine Nacht im Bleistift schlafen? Ich gehe hin und frag, ja, sie haben noch ein Zimmer frei. Mit der Rezeptionistin übe ich deutsch, sie ist neu hier und muss das eine oder andere nachfragen. Und sie ist sehr erleichtert, dass ich die Zeit dafür habe. Ok, gebucht. Noch eine Nacht im 35. Stock des Lyoner Hochhauses.

Ein gemütliches Bad in der Badewanne, rasieren, hübsch machen für's Heimkommen. Blog nachschreiben, Bilder hochladen, Internet lesen, einkaufen und eine Kleinigkeit essen. Dann schnappe ich mir mein Tagebuch und stöbere darin herum. Wie ich in Bern gestartet bin. Im März, mit scheint, das ist schon ewig her. Damals hat's geschneit. Und ich bin losgezogen in ein unbekanntes Abenteuer. Quer durch die halbe Schweiz nach Genf, erkältet, der Schritt nach Frankreich, schönes Wetter, die Welt lag mir zu Füssen. Gewandert und gewandert, nette Menschen getroffen und mein kaputter Fuss. Pause in Lyon und genesen wieder weiter gezogen. Noch mehr nette Menschen kennengelernt, Dinge erlebt, von denen ich nicht geträumt hätte. Ja, das war schon ein toller Ausflug. Aber jetzt geht's wieder heim. Ich will zwar eigentlich nicht, aber weiter reisen wäre jetzt zuviel Input. Ich muss mal Pause machen, damit ich mich wieder auf fremde Dinge freuen kann. Mir geht es im Augenblick so wie auf unserer Skandinavienreise. Nach vier Wochen hatten wir kaum noch Augen für die tollen Dinge um uns herum, soviel Input hatten wir inzwischen aufgenommen.

Nochmal den Blick über Lyon schweifen lassen. Der Mond steht hell leuchtend hoch oben über der pulsierenden Stadt. Morgen fahre ich nach Hause. Nach Bern.

 

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One response to this post.

  1. Posted by Mama on 22. Juni 2013 at 09:02

    Na ,dann willkommen daheim! Wo bleibst Du denn, wenn Du vor der Tour Deine Wohnung aufgegeben hast?? Laß´ mal von dir hören, die Berichte waren jedenfalls toll. Gruß Mama

    Antworten

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