Eriz Innereriz

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Nochmal nach Eriz, übers Honegg und alle sieben Hengste sehen, das war mein heutiger Plan. Es gibt zwei Verbindungen dorthin, eine um halb 7, Ankunft gegen 8 Uhr oder eine um neun, Ankunft gegen elf. Ich hab mich für die erste entschieden, bin um 6 Uhr aufgestanden und zum Bahnhof gefahren. Hab mich bei der Migros mit Frühstück und Brotzeit eingedeckt und bin aufs Perron gegangen. Hier kam dann eine Durchsage, dass der Zugverkehr gestört sei und dass die Züge Richtung Thun mindestens 20 Minuten Verspätung hätten. Damit war leider mein Plan, früh dort zu sein, verunmöglicht.

Jetzt stellte sich die Frage, wo ich die drei Stunden, die ich nun zu früh aufgestanden bin, abwarten soll. Fahr ich mit 20 Minuten Verspätung nach Thun und lade mich zum Kaffee ein? Wahrscheinlich noch zu früh, zumal ich noch keine Antwort auf mein SMS bekommen hab. Setze ich mich ein paar Stunden in Thun in die Bahnhofskneipe? Nicht sehr verlockend (wobei ich dort wenigstens schnelles Internet hätte). Zumal sich die ganzen Wintersportler mit ihren sperrigen Gerätschaften am Perron sammeln, es wurden immer mehr. Selbst wenn 20 Minuten später wieder ein Zug nach Thun fahren könnte, wird der sicherlich gestopft voll. Also hab ich beschlossen, nach Hause zu fahren, meinen eigenen Kaffee zu trinken und mein eigenes Internet zu nutzen. Bis 9 Uhr würde es die SBB wohl schaffen, die Wintersportler abzuschöpfen, vielleicht ist bis dahin ja wieder Normalität eingekehrt.

In der Zwischenzeit hab ich an meinem aktuellen Projekt programmiert und gegen 9 bin ich wieder zum Bahnhof gefahren. Die Störung scheint sich wirklich aufgelöst zu haben, das Einzige, was den Bahnbetrieb noch einschränkt, ist eine Baustelle in Italien. Es sind auch nicht übermäßig viele (gestrandete) Windersportler am Bahnsteig, wenn ich heute Früh einfach nur ausgeschlafen hätte, wäre mir die Störung gar nicht aufgefallen.

Das sehr gut gefüllte Postauto brachte mich in Richtung Eriz und ließ mich am Loosenegg raus. Da stand ich wieder in dieser herrlichen Landschaft bei schönem Wetter, so wie ich sie gestern Abend verlassen hatte. Die Sonne lacht vom Himmel die Luft ist klar und hell, die Aussicht grandios. Es ist zwar kalt, aber wenn kein Wind geht, ist das nicht unangenehm. Heute hab ich Zeit genug, die 2h15 zum Honegg hinauf zu steigen. Ich höre auch schon wieder das gestern gelernte Pfeifen der Raubvögel.

Ich ging gemütlich die Strasse hinauf, gebannt und fasziniert von der Aussicht, bis zum Guggershörnli konnte ich schauen, da kam ich an einen Hof mit zwei großen Bernersennen-Mischlingen. Freudig bellend und schwanzwedelnd kam einer auf mich zu und wollte spielen. Er hat sich richtig gefreut, die Rute hat fast den ganzen Hund gewedelt. Rechts und links von mir ist er rumgesprungen, hat versucht, meine Hände abzuschlecken und hat mich ein Stück des Wegs begleitet. Aber er war alt, sein Gang recht unrund, irgendwann ist’s ihm wohl zu viel geworden und er hat mir noch einen Schönen Weg gewünscht. Wieder zurück an seinem Hof hat er mir noch lange nachgeschaut, jedesmal, wenn ich mich nochmal nach ihm umgedreht habe. Bis ich hinter der Kurve verschwunden war. Hier haben mich die drei Hengste begrüßt, der vierte lugte gerade so ums Eck. Heute will ich sie alle sehen.

Während des Aufstiegs zum Vordere Chnubel, nach der Passage durch die geschlossene Schneedecke auf der Schattseite, tauchte dann der fünfte Hengst auf. Auf einem Baumstamm machte ich kurz Pause und genoss die Ruhe, die Sonne, den Schnee, die Windstille und die Aussicht. Irgendwo bellt in der Ferne ein Hund und irgendwo zetert ein größerer Schwarm an kleinen Singvögeln. Ich konnte sie aber nicht entdecken. Der Baumstamm, auf dem ich sitze, riecht wie frisch gefällt. Ein Flugzeug zieht im blauen Himmel seinen weissen Strich. Ein Wanderer stapft mit gleichmässigen Schritten den nächsten Hügel hinauf. Ich nehme einen Schluck Rivella, heute habe ich daran gedacht, auch etwas zu trinken mitzunehmen.

Weiter gehts bergan, zum Honegg ist’s noch eine Stunde. Auf den gelben Sommer-Wanderwegweisern… Der Schnee wird tiefer, aber er ist schön harsch und gut zu laufen. Bei der Vordere Chnubel Hütte taucht dann der sechse Hengst auf. Ein herrlicher Anblick, wie so ungestüm dahergalloppieren scheinen. Und weiter hinauf, der Schnee ist inzwischen knietief. Ich halte mich an die Spur eines Schneeschuhgängers, aber mit seiner Schrittweite kann ich kaum mithalten. Aber ich hab noch andere Spuren gefunden, knapp meine Schuhgröße und meine Schrittlänge. So steige ich Schritt für Schritt den Berg hinauf, jeder einzelne muss gut gesetzt sein, wenn ich nicht selber knietief im Schnee versinken will. Das genau ist meinem Vor-Gänger passiert. Muss das anstrengend gewesen sein. Ich selber hatte es recht einfach in seinen Fußstapfen, aber für ihn war das sicher mächtig kraftraubend. Danke vielmal an den unbekannten Wanderer. Für mich war das fast schon Luxus, fast wie Treppen steigen.

Vor allem aber, als ich auf die Schattseite des Hineggs musste: noch mehr Schnee, steiler Abgrund und viel Buschwerk im Weg. Diesen Weg hätte ich ohne die Fußstapfen nicht gehen können, bzw. mich nicht getraut. Und auch gar nicht gefunden… Aber die Aussicht über das Emmental, über Schangnau, die Berge und bis ins Luzernische ist einfach sagenhaft. Ich hab all das Gelände überblicken können, durch das ich im Emmental schon gelaufen bin und noch viel weiter. Wie schön und mächtig die schneebedeckten Berge da stehen, wie sanft sich das Tal Richtung Escholzmatt schwingt. Minutenlang stand ich da oben und habe mich nicht satt sehen können.

Am Honegg war ein Wegweiser nach Innereriz mit 1h10 angeschrieben, aber ich hab keine Fußstapfen gefunden. Oder sollte ich dem unbekannten Wanderer in Richtung Schangnau folgen? Wären noch zwei Stunden. Beides locker machbar, es ist erst zwei Uhr, also noch ne Zeitlang hell. Schangnau? Auch nicht schlecht, als neuer Startpunkt… Und mit gespurtem „Weg“… Nein, ich wollte die sieben Hengste sehen, dazu muss ich nach Innereriz hinunter. Also durch den unberührten Schnee den gelben Markierungen nach. Jeden Schritt einzeln und bewusst setzen, vorsichtig, um nicht zu tief einzusinken.

Weiter nach Karte und gelber Markierung. Selbst die Waldstraße war unberührt verschneit, bis knapp unter die geschlossene Schranke. Es war mir ein leichtes, einen lockeren Schritt darüber hinweg zu machen. Jetzt spure ich mal den Weg und sinke mit jeden Schritt fast bis zu den Knie ein. Jetzt weiß ich, wie anstrengend das ist, um so dankbarer bin ich jetzt, dass ich nicht den ganzen Weg hinauf durch den Tiefschnee musste. Unten auf der nächsten Waldstraße angekommen, hier waren zumindest Schneeschuh-Spuren, traf ich eine Wanderin. Wir unterhielten uns kurz über den Weg, den ich gekommen war und wie weit das noch wäre. Ich bot ihr an, meine Fusstapfen zu benutzen, soo weit hinauf ist es ja auch nicht. Und oben ging’s ja auch weiter. So waren meine Spuren gleich nützlich, ich hoffe, sie haben der Wanderin etwas Kraft gespart.

Ich kam auf den Schneeschuhspuren hinaus aus dem Wald und hatte ein prächtiges Bergpanorama vor Augen. Vom Stockhorn, welches so markant aus seiner Kette herausragt, über den Dunst, der den Thuner See verrät über den Niesen mit seiner typischen Pyramidenform, Sigriswiler Rothorn und Sigriswilergrat, ich kann knapp auf die Sichle schauen und – endlich – kann ich alle Sieben Hengste sehen. Der Weg hat sich gelohnt. Beeindruckend, stolz und wild ragen sie in den Himmel empor, gross und mächtig, die winzigen Tannen wirken wie kleine Späne im Vergleich. Doch das Panorama ist noch nicht zu Ende, in der Lücke links der Sieben Hengste kann ich Eiger Mönch und Jungfrau sehen, selbst die Gebäude auf dem Jungfraujoch kann ich erkennen, so klar ist die Luft. Es ist auch heute wieder nicht eine einzige Wolke am Himmel zu sehen. Weiter kommt das Trogenhorn, auch eine mächtige Erscheinung mit einer riesigen Nordflanke, die einen die Dicke der Erdkruste erahnen lässt. Und dann der Hohgant. Danach kommen noch weitere Berge, die ich nicht benennen kann, einer davon hat einen schneefreien Felsen oben drauf, an diesem markanten Zeichen werd ich ihn hoffentlich auf einer Karte wieder erkennen.

Hier hab ich mich in die Sonne gesetzt und Mittagspause gemacht. Und gestaunt. Mich erfreut. Ich bin so dankbar, so glücklich, hier oben sitzen und staunen zu dürfen. Mir fehlen einfach die Worte, das hier auch nur annähernd zu beschreiben. Gemütlich mein Müesli und ein paar Dinkelkekse gegessen, ein paar Schluck Rivella getrunken (auch zu süß für unterwegs). Plötzlich kam ein kühler Wind vom Tal herauf, ich musste doch glatt das volle Schutzprogramm anlegen. Aber dennoch, das Gesicht blieb frei, damit ich die Sonne weiterhin genießen kann. So eingepackt machte ich mich dann an den Abstieg durch den Tiefschnee. Immer wieder bin ich eingesunken und hab Schnee in meine Hosenbeine bekommen, der sich dann in die Schuhe absetzen wollte. Diese konnte ich aber fest genug binden, da ist nichts reingekommen. Ich bin eh sehr zufrieden mit meinen Wanderschuhen, selbst wenn ich schon seit Stunden durch den Schnee stapfe, fühlen sich die Füße weder kalt noch nass an. Ich wollte noch die Hosenbeine in die Schuhe stopfen, ging aber nicht mehr, die waren schon gefroren.

So bin ich mehr den Schneeschuhspuren als den gelben Wegweisern nach unten gefolgt, der Nachmittagssonne entgegen in Richtung Innereriz. Irgendwann hatte ich noch einen letzten tollen Blick auf die Sieben Hengste, von hier unten und „direkt davor“ und dazu noch in der Abendsonne sehen sie gleich noch imposanter aus.

Mein Blick fiel hinunter auf die Strasse, wo offensichtlich Stau war. Ganz viele Autos, die talaufwärts standen, Menschen, die dort rumgelaufen sind, jemand mit Warnweste und zwei Postbusse, die dort überholen durften. Ob da etwas passiert war? Ein Unfall? Ich ging weiter den Weg hinunter und beobachtete das Geschehen, die Leute in den Warnwesten hatten einiges zu tun, ständig wurden sie von ankommenden Autofahrern befragt. Als ich dann unten an der Strasse angelangt war, kam auf einmal ein Schwung Autos, die nach Hause fuhren, Richtung Thun und weiter. Direkt dort, wo der Wanderweg auf die Strasse kam war die Haltestelle „Bödeli“, ich wollte hier schon meine Wanderung beenden. Aber ob tatsächlich in zehn Minuten der Bus kommt? Bei dem Stau? Auf dem Plan hab ich dann gesehen, dass Bödeli die vorletzte Haltestelle von Innereriz ist, da beschloss ich, noch bin „ganz hinten“ zu laufen. Die Zeit hatte ich noch. Also bin ich durch den Schatten der Berge durch die eiskalte Luft an der Loipe entlang nach hinten gelaufen, kam noch an der teilgefrorenen Zulg vorbei und irgendwann dann nach „Innereriz Garage“. Hat der Bus-Plan doch tatsächlich eine Haltestelle unterschlagen… Aber ich kannte mich schon gut genug aus, dass es zur Säge, zur Endhaltestelle nicht mehr weit war. Dort angekommen zeigten sich die Sieben Hengste nochmal in voller Pracht, hier konnte ich auch in die Sichle schauen, die den Pass ins Justistal markiert. Unten auf der Strasse hat sich dann herausgestellt, dass das gar kein Stau war. Es waren so viele Skifahrer unterwegs, dass die Strasse als Parkplatz gebraucht wurde. Und weil deswegen nur noch eine Fahrbahn frei war, mussten die Herren in ihren Warnwesten den Verkehr koodrinieren. In der Beiz hab ich bei einer warmen Ovomaltine die Dreiviertel Stunde Wartezeit überbrückt und bin dann nach einem tollen Winterwandertag wieder nach Hause gefahren.

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