der Umweg nach Lagrasse und ein Unwetter, was keins werden wollte

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Nach tiefem, erholsamen Schlaf wache ich auf. Es ist noch dunkel, als die Haushälterin bei mit klopft und mich zum Frühstück einlädt. Sie hat nicht ein Tablett dabei, wie angekündigt, sondern lädt mich zum Gedeckten Tisch in ihrer Küche. Allein der Raum ist bestaunenswert, so hoch, dass es zwei Ebenen von Holzbalken gibt, die Decke ist fast unsichtbar hoch. Die hohen Wände werden von ebenso hohen Fenstern unterbrochen, durch die viel Licht in den Raum eindringen kann. Es läuft gedämpfte Musik, die dem aufwachenden Tag eine Hymne singt, mit jedem Ton, der langsam und andächtig durch den Raum schwebt, wird der Morgen ein wenig heller. Das wird ein wunderbarer Tag. Hier am Tisch zu sitzen ist wie Balsam, ich fühle mich richtig wohl. Keine Hektik, keine lauten Geräusche, sehr angenehm.

Sie hat mir Kaffe gekocht, dazu Milch, es gibt Früchte und Joghurt, der nach Käse schmeckt, Croissants, Baguette, Butter, Wurst, Käse, Marmelade, Grapefruit-Saft und Zitronenkuchen. Ich schlemme mich durch dieses Frühstücksbüffet, welches extra für mich hergerichtet wurde. Und das auch noch so früh am Morgen. Ich bin überwältigt und genieße diesen Start in den Tag in vollen Zügen. Als ich fertig bin, bekomme ich fast noch einen Rüffel, dass ich etwas übrig gelassen habe und sie legt mir Alufolie hin, damit ich mir Proviant für den Tag zusammenstellen kann.

Dann packe ich meine Sachen, fülle den Wasserschlauch auf und lasse mir noch eine Karte von der Umgebung zeigen. Claire und Paul haben gestern Abend von Lagrasse geschwärmt, wie beautiful und marvellous das sei. Und dort auf der Karte vom Haus ist Lagrasse auch eingekringelt. Ich nehme das als Zeichen, heute dorthin zu wandern, es sollen etwa 30 Kilometer sein. Wunderbar, dann hab ich ein Ziel vor Augen, liegt zwar nicht auf meiner ursprünglichen Route, aber dafür will ich mich ja auch durchs Leben spülen lassen.

Bei der Verabschiedung zeigt die mir noch die Richtung und bedankt sich, dass ich eine Nacht zu Gast war. Und ich kann ihr gar nicht genug für die Gastfreundschaft danken, ich kann’s immer noch kaum glauben.

Der kühle Morgen wird langsam heller, als ich auf der Strasse ins nächste Dorf laufe. Ich möchte noch am Morgen auf die Hügelkette hinauf, bevor es heiß wird, aber trotzdem bin ich ab um halb acht am Schwitzen. Aber ist es angenehm, morgens früh zu starten und sich langsam an die Wärme zu gewöhnen.

Der Schotterweg führt mich über die Hügel, durch niedrigen Wald von Nadelgewächsen, Schmetterlinge tanzen leise und ab und zu geht ein Windhauch. Zwischendrin kommen ein paar leichte Wolken, die die Sonne etwas dämpfen und ich komme ins Nachdenken. Ich denke darüber nach, was mir gestern passiert ist, wie schnell sich mein Blatt gewendet hatte, als ich mich damit abgefunden hatte, keine Herberge mehr zu finden. Ich denke an all das Lächeln und all die Grüsse der Menschen die mir schon begegnet sind. Wenn ich alle ihre „Bon journée“ und „Bonne Route“ zusammen in einen Korb lege, was soll mir dann noch schiefgehen? Ich bin so glücklich, hier sein zu dürfen, so glücklich, frei und ungebunden hier zu wandern, so voller Staunen und Ehrfurcht vor der Umgebung und den Menschen um mich herum. Mir fällt auf, dass ich deutlich „ärmer“ hier her gekommen bin, aber ich habe fürstlicher genächtigt und gefrühstückt, als es mit einem BMW Cabrio standesgemäß wäre. Je weniger ich mitbringe, desto mehr wird mir geschenkt. Voller Freude und Dankbarkeit wandere ich im Schatten der Wolken über die Hügel.

Ich hab mich wieder zweimal verlaufen, mein Sonnenhut hängt jetzt am Gürtel und dient mir als Tasche für mein iPad, damit ich öfter auf die Karte schauen kann. Einmal bin ich an einer Kreuzung falsch abgebogen, musste einen Hügel hinauf und plötzlich kamen Schmetterlinge und flatterten mir um die Füße und Beine. Ich hatte fast Angst, auf sie zu treten. Wie, als wollten mir die Schmetterlinge etwas sagen… Als ich den Hügel hinauf gestiegen war und dahinter ging es wieder runter, hab ich zur Sicherheit nochmal auf die Karte geschaut und siehe da: wieder falsch. Das hatte ich gestern schon mal, auf die Schmetterlinge ist einfach Verlass, ich muss nur auf sie hören.

Bald kam ich an einem Campingplatz vorbei, eine Gelegenheit, Wasser aufzufüllen, von denen ich möglichst alle nutzen sollte. Ich hab brav mein Sprüchlein aufgesagt, gleich ist auch jemand aufgesprungen und hat mich zum Wasserhahn geführt und mich meinen Beutel auffüllen lassen. Sehr zuvorkommend, muss ich sagen. Und wieder stand der halbe Campingplatz zusammen und hat mich beobachtet, wie ich meinen Rucksack wieder schultere und mit meinem Wanderstab weiter gezogen bin. Ich war auf dem „richtigen“ Weg, aber nach Lagrasse muss ich abbiegen. Jetzt verlasse ich die rote Linie auf meiner Karte. Ich wüsste allerdings nicht, was ich ohne diesen blauen Punkt machen würde, der meine aktuelle Position anzeigt. Ich glaub, im Kartenlesen bin ich immernoch schlecht, aber dank eingebautem GPS und Kompass und dem gespeicherten Sattelitenbild komme ich ganz gut zurecht. Nur dass ich die Bing-Maps nicht gewöhnt bin, Hügel und Täler sehen irgendwie ganz anders aus als in Wirklichkeit. Aber jetzt lerne ich dazu.

Ich biege links ab, finde sogar einen Weg, der bald zu einem Trampelpfad wird und durch dichtes Buschwerk und Wald führt. Hier steht die Hitze drin, kaum ein Lüftchen weht und so langsam beschweren sich meine Füße. Ein Blick auf den GPS Tracker: schon 4 Stunden unterwegs. Wow, kam mir gar nicht so lang vor. Als ich aus dem dichten Buschwerk wieder raus war, tat sich eine Wiese mit wildem Hafer vor mir auf.

Am oberen Ende ist Schatten, ein bisschen Wind geht auch, hier lasse ich mich für die Mittagspause nieder. Ich sitze etwas erhöht über der Umgebung, kann das Dorf Fabrezan sehen, die gestreiften Gesteine der Hügel drumherum und das weite Tal des L’Orbieu. Ich orientiere mich auf der Karte, schätze ab, dass es nach Lagrasse nochmal so weit sein müsste. Nochmal vier Stunden, das müsste am Nachmittag machbar sein.

Aber erstmal Isomatte raus gegen die spitzen Steine und Brotzeit gemacht. Danach hab ich etwas gedöst, richtig schlafen konnte ich nicht, die Grillen um mich herum machen ziemlich Lärm, dann die Aussicht und die Kühle im Schatten des Baums genossen, ein wenig gelesen. Dann die nahe Umgebung der Isomatte beobachtet, hier wächst wilder Thymian, es gibt große Ameisen, Wespen fliegen herum, kleine Ameisen und ein paar Spinnen kommen vorbei. Wie friedlich es hier ist. Und welch tolle Aussicht ich hier habe. Ja, auf die Mittagspausen kann ich mich den ganzen Morgen freuen.

Nach drei Stunden war der Schatten dann weg, also hab ich zusammengepackt und bin weiter gezogen. Zwar noch zu früh, aber ich wollte nicht extra neuen Schatten suchen. Ich wusste jetzt, in welche Richtung ich will und bin schnurstracks dorthin, doch ein dichtes Unterholz hat mich bald aufgehalten. Ich wurde umzingelt von Thymian, die ganze Luft war geschwängert von diesem intensiven, warmen Duft nach Thymian. Nicht ein Blatt, eine Prise, die man zwischen den Fingern verreibt, nein die ganze Luft war voll mit dem Duft. Ich hab mich wieder herausgekämpft und dann doch lieber den Weg genommen, der mich aber erstmal nach Fabrezan geführt hat. Hier hab ich kurz die Kirche angeschaut, einen Bankomat und Trinkwasser gesucht. Ersteres gibts dort nicht, zweiteres hab ich aus dem Zapfhahn einer Kneipe bekommen.

Inzwischen hab ich rausgefunden, wie man hierzulande an Wasser kommt. Es ist nicht einfach öffentlich verfügbar wie in der Schweiz, wo überall Brunnen rumstehen, sondern man muss danach fragen, dann bekommt man ohne Probleme den Vorrat aufgefüllt. Das hat in der Kneipe gut funktioniert, bei einem Weingut hat das nachher auch nochmal gut geklappt. Also muss ich mein Trinkwasser doch nicht rationieren.

An dem besagten Weingut vorbei, hab ich plötzlich realisiert, dass sich hinter dem Hügel dort rechts dunkle graue Wolken zusammengerottet haben und sich jetzt anschicken, zu mir zu ziehen. Was für eine dunkle Wand, was für ein Kontrast mit den noch sonnenbeschienen Weinstöcken. Aber mir fiel der Hagel von Gruissan wieder ein, also hab ich mich schnell drangemacht, Schutz zu suchen.

Ich wusste, dass dort vorne irgendwann eine Straßenbrücke über den Fluss führt, darunter wollte ich in Deckung gehen. Auf dem Weg kam ich noch an einer kleinen Ruine vorbei, aber direkt darüber führten Hochspannungsleitungen. Habt Ihr mal gehört, wie das tut, wenn diese Hochspannungsseile aneinander klatschen? Das war mir bei (wieviel KiloVolt?) dann doch etwas zu unsicher. Also weiter zur Brücke, der Himmel ist immer dunkler geworden. An der Brücke hab ich dann gesehen, dass sie viel zu hoch und viel zu schmal ist, um vor einem windgepeitschten Unwetter zu schützen. Außerdem viel zu dicht bewachsen, als dass ich mich flexibel hin und her bewegen könnte.

Also mühsam die Böschung wieder hochgeklettert und den Unterschlupf zweiter Wahl aufgesucht. Kaum dass ich mich dort untergestellt hatte, fegte auch schon der Wind die ersten Regentropfen über die Rebstöcke.

Die Hochspannungsseile klatschen aneinander, es Klang wie Blitze, und rieben sich über hundert oder zweihundert Meter weiter aneinander. Diese Bewegung erzeugt ein Zischen oder Knallen, welches sich entlang der Leitungen bewegt, mal auf mich zu, mal von mir weg. Mit dem Einsetzen des Regens fing auch dieses typische Knistern an, was man von Hochpannungsleitungen kennt. Aber ich stand erstmal im Trockenen, so ein Seil wird schon nicht reißen. Und jetzt habe ich auch gelernt, warum es bei solchen Leitungen oft Abstandshalter hat. Und bei den Hochspannungsleitungen gibts immer zu oberst einen Blitzableiter. Der Blitz hätte mich also nicht erschlagen können. (sondern nur – wieviel KiloVolt?) 😉

Ich tippte also meinen Blog und wartete auf die große Symphonie des Unwetters, jetzt, wo ich meinen Logenplatz hatte, und was passiert? Die Sonne kommt wieder raus. Was soll das denn? Als ich aus meinem Unterschlupf heraustrat, um nachzusehen, war das Dunkle aus den grauen Wolken schon gewichen, es kamen noch ein paar Tröpfchen gefallen und der Wind spielte ein bisschen. Aber nach Unwetter sah das nicht aus. Fast ein wenig enttäuscht beschloss ich, weiter zu ziehen. Ob ich klatschnass von Schwitzen bin oder ein paar Regentropfen abbekomme, macht eh keinen Unterschied.

Also wieder sengende Sonne und etwas mehr Wind. Mein Sonnenhut ist zwar bis ca. 130 km/h sturmfest 😉 aber wenn der Wind mit die Krempe immer vor die Augen klappt und ich nichts mehr sehe, ist auch doof. Also hab ich mich für mein Piraten-Kopftuch entschieden, um den Sonnenbrand auf meiner Stirn nicht noch schlimmer werden zu lassen.

So zog ich weiter, so langsam wollte ich mal ankommen. Ich wusste heute früh schon, dass Lagrasse ein weiter Weg sein wird. Unterwegs hab ich mir gesagt, wenn ich das wirklich schaffe, mache ich morgen einen Tag Pause. Es ging weiter durch Weinfelder ins nächste Dorf hinein, leider ist jeder Feldweg wieder auf der Strasse rausgekommen. Aber die Autofahrer sind recht freundlich, machen richtig viel Platz, warten mit dem Überholen, wenn sie davon ausgehen, dass ihr Vordermann mir Platz machen wird. Einige grüßen sogar. Aber trotzdem ist Strasse laufen nicht angenehm, wird anstrengend mit der Zeit. Im Dorf konnte ich wenigstens von der Hauptstrasse abbiegen, aber Asphalt ist es geblieben.

Und dann kam der Berg, den ich schon seit der Mittagspause gesehen hab, den musste ich jetzt hinauf. Langsamen Schrittes hab ich auch den geschafft und stand dann auf einer Anhöhe über dem Dorf Lagrasse. Wow. Das sieht gut aus. Mittelalterlich, nicht viel größer, bzw. nicht viele Neubausiedlungen drumrum. Zwei Brücken, ein Fluss, der weiter hinten eine bewaldete Biegung macht, ein Kloster und (zumindest von oben gesehen) alles in mittelalterlicher Steinbauweise. Sieht gut aus. War schon von hier oben einen „Abstecher“ wert, sieht auch gut danach aus, dass ich hier einen ganzen Tag Pause machen kann, herumstöbern, Fotos machen, vielleicht baden gehen im Fluss.

Ich kam hinein ins Dorf, die Touristen müssen obligatorisch aussen vor parkieren, aber ist ja nicht weit hinein zu laufen. Das erste Hotel war mir zu teuer, ich bin weiter in die Altstadt hinein. In einem Tante Emma Laden (diese Tante Emma heißt Nadine) hab ich als Alibi einen Apfel gekauft und hab nach einem petit Hôtel avec petit prix gefragt. Sie hat selber Gästezimmer, antwortet sie mir, ob ich’s mir anschauen mag. Klar, warum nicht. Sie macht kurzerhand ihren Laden zu und trippelt voran, noch tiefer in die engen Gassen der Altstadt, durch einen Hof, einen schmalen Gang hinter zu einer versteckten Türe. Drinnen ist das Haus mit Rigips Wänden neu gemacht worden, hat gemütliche Zimmer gegeben. Ja, das gefällt mir. Ein bisschen kindisch eingerichtet mit dem rosa Plüsch-Schmetterling und der Marienkäfer-Bettwäsche, aber was solls.

Eine Nacht mit Frühstück gegen neun Uhr und eine Übernachtung ohne Frühstück, denn um sechs Uhr aufstehen will sie dann doch nicht. Noch schnell zum Bankomat (das versteht man auch in Frankreich), wieder zu ihr in den Laden und bezahlt. Und dann erstmal unter die Dusche. Das Haus gegenüber meinem Fenster ist entkernt, da steht nur noch die Mauer mit leeren Fensteröffnungen, da kann also keiner bei mir reinschauen.

Boa, tut das gut. Nach zwölf Stunden in dieser Hitze unterwegs sein ist Duschen echt erfrischend. Ich konnt’s kaum erwarten, und dann stand ich nass im Bad und hatte vergessen, mein Zeug mit rein zu nehmen. Duschgel war zwar vorhanden, Aprikosenduft, aber ein Handtuch fehlte. Also musste ich nass den Rucksack auspacken, damit ich an mein eigenes Handtuch kam.

Frisch gestärkt mit der immer gleichen Brotzeit (der Käse wird schon bald ranzig, tagelang ohne Kühlung im warmen Rucksack) und nach Aprikosen duftend bin ich dann durch die mittelalterliche Stadt geschlendert, mir einen ersten Überblick zu verschaffen. Claire und Paul hatten recht, das ganze Dorf ist mittelalterlich, zumindest von außen. Zu wenig Platz, dass Autos reinfahren können. So kann man gemütlich durch die engen Gassen schlendern und die Fassaden bestaunen. Aber nicht nur das Dorf ist schön, das ganze Tal macht mir einen lieblichen Eindruck. Begrenzt von den umliegenden Felsen, rundherum Grün bewachsen, ein kleiner Fluss schlängelt sich gemütlich hindurch, Frösche quaken am Abend. Schön. Entspannend. Ruhig.

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