Schangnau Kemmeriboden

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Nachdem mich die Kälte des frühen Morgen geweckt hat bin ich aus Schlafsack und Hängematte geklettert. Bei einem wärmenden Kaffee packte ich mein Lager in den Rucksack und bin noch im Dunkeln aufgebrochen. Die Vögel zwitschern schon ganz schön laut, wie ich vor die Tür trat, wusste ich auch, warum: die Stadt ist auch schon auf und macht ziemlich Lärm. Kein Wunder, müssen sich die Stadtvögel besonders anstrengen, in diesem Lärm überhaupt noch gehört zu werden. Da hilft’s auch nicht viel, dass sie schon weit vor Sonnenaufgang mit ihrem Gesang anfangen. Ich bin schnell diesem Stadtlärm entflohen und hab mich nach Schangnau fahren lassen.

Die BLS hatte wohl Richtung Luzern zu wenige 2. Klasse-Wagen, deswegen war einer der ersten Klasse freigegeben. So kam ich auch mal in den Genuss des Luxus von viel Platz und weichen, bequemen Sitzen, die man sogar nach hinten lehnen kann. Aber Frühstücksservice am Platz gab’s auch hier nicht. 😉 Dafür hatte ich in Escholzmatt eine viertel Stunde Zeit, vom Zug in den Bus umzusteigen. Zeit genug, um beim lokalen Bäcker Äpfel und eine belegte Züpfe einzukaufen. Es regnet ein wenig hier, aber zwischen den Wolken sind blaue Fetzen zu sehen, schlimm sollte es nicht werden, zumal „Wolkenfelder, kaum Regen“ angekündigt ist. Dann werde ich mit dem Bus durch den hintersten Winkel des Kanton Luzern gefahren, aus dem Radio tönt einheimische Musik, die Kinder unterhalten sich lauthals im Dialekt über ihre Schule und ihre Lehrer. Kleine Dörfer ziehen an mir vorbei, ich find das herrlich. Mittendrin in diesem Morgen, der mir als Fremden so authentisch, so echt und ehrlich vorkommt. Und da gehören die wolkenverhangenen Berge und der Regen genauso dazu wie das schöne sonnige Wetter der letzten Tage. Kurz vor Schangnau habe ich noch einen tollen Blick am Hohgant vorbei auf die sieben Hengste. Ein eindrückliches Schauspiel, das die Berge mit den Wolken hier geben.

In Schangnau angekommen bin ich erstmal die Strasse Richtung Thun gelaufen, es gibt keinen anderen Weg zur Räblochschlucht. Es fing wieder an zu regnen, gerade bei der Räbebrücke. Also doch Regenklamotten ausgepackt und angezogen und weiter der Emme entlang bis zum Eingang der Schlucht. Die vielgestaltige wilde Flusslandschaft des Räblochs ist vor der letzten grossen Eiszeit entstanden. Über 30 m fallen die beidseitigen Nagelfluhwände schroff zur Emme ab. Ein eingeklemmter mit Vegetation bewachsener Felsblock bildet eine Naturbrücke, welche den Übergang ermöglicht.

Im Flussbett bin ich so weit es ging in die Schlucht hinein gegangen, hier tost und braust die Emme ziemlich laut. Unter dem großen Loch (ich wollte nicht hinauf und hineinklettern) hab ich Rast gemacht, Kaffee gekocht und meine Züpfe mit Schinken gefrühstückt. Hier sitze ich im Trockenen, aber es hat auch schon wieder aufgehört zu regnen, ja bisweilen luegt sogar die Sonne kurz durch die Wolken. So sitze ich und schaue, lausche der Emme, etwas anderes höre ich hier sowieso nicht, und geniesse die paar wenigen Sonnenstrahlen, schlürfe meinen Kaffee und beobachte, wie das Wasser schubweise über die Felsen fließt, versuche, genau dieses Wasser heraus zu hören. Es fängt wieder zu regnen an, aber ich sitze unter der 30 m hohen Wand im Trockenen, der Regenvorhang vor mir wird von dem hellen Sonnenfleck in den Wolken von hinten beleuchtet. Ich hoffe, dass nicht gerade ein Gewitter in den Bergen heruntergeht, sonst würde der Fluss schnell ansteigen. Und ich muss durch etwas Wasser wieder zurück waten.

Als ich wieder aufbreche, hat es sich eingeregnet. Das Wolkenspiel mit den Sonnenlöchern ist einer einheitlich grauen Bewölkung gewichen und es sieht auch nicht so aus, als ob es bald wieder aufhören würde zu regnen. Ich gehe wieder vor zur Räbebrücke und schlage dort den Weg den Berg hinauf ein. Auf halber Höhe habe ich auf der Karte einen Weg gesehen, der mich in Richtung Kemmeribodenbad bringen wird. Bei dieser Abzweigung treffe ich eine nette Frau mit Dalmatiner, die mir bestätigt, dass der Weg für mich richtig ist. Etwa drei Stunden hat sie jeweils, wenn sie mit dem Hund laufen geht. Das klingt gut. Und der letzte Bus, meint sie, geht irgendwann abends um sechs. Easy… Ich laufe weiter und komme in den Wald, hier regnete nicht ganz so stark und die Vögel zwitschern auch. So schlimm ist das Wetter nicht, außerdem hab ich ja die richtige Kleidung an.

Es geht auf einem weichen Waldweg, mal aufwärts, mal abwärts, ich durchkreuze mehrere Tobel, immer nah der Emme entlang und doch weit oberhalb des Flussbettes. Ich komme aus dem Wald heraus, durch ein paar Gehöfte, werde von ein paar Hunden begrüßt, mal über Wiesen, mal über Strassen. Und als ich zum Schwarzbach hinaufgestiegen bin, kam auch die Sonne wieder raus. Die Bewölkung lockert wieder auf, jetzt kommt sogar noch mehr blauer Himmel durch. Vorbei an geerntetem Holz, meinen Regenhut trage ich inzwischen auf meinem Wanderstab. Ich schwitze leicht und mit dem Hut beschlägt mir die Brille. Die Post kommt vorbei gefahren, die Vögel zwitschern und weit unter mir rauscht die Emme. Mit blauem Himmel schaut die Welt gleich noch schöner aus. Es geht wieder hinauf und hinunter, über den Schwarzbach, der milchig grün ist, die Post kommt wieder zurückgefahren.

Ich komme zur Buhütte und da tut sich eine tolle Aussicht auf. In diesem Hochtal, das Bumbach, liegt ein großer Nagelfluefelsen, auf den klettere ich, um die Aussicht noch besser genießen zu können. Die Sonne ist grad da, wärmt mich und trocknet meine Kleider, es geht kein Wind, dass so dass ich nicht zu schnell auskühle. Weit links hinten sehe ich die Schafschwand, diese hohe und steile Nagelflue, durch die sich die Räblochschlucht schlängelt, Schangnau muss dort unten liegen, wird aber von ein paar Hügeln versteckt. Weiter rechts der Münchihubel (?), der letzte grüne Hügel der Voralpen, sanft geschwungen und weich gezeichnet von den Ablagerungen der Gletscher. Dann kommt die Schratteflue, dieser Gebirgszug mit dem kahlen Felsen oben drauf, dahinter streckt sich das Waldemme-Tal in Richtung Sörenberg, flankiert von den weiß verschneiten Hängen des Brienzer Rothorn.

Noch weiter rechts, ich hab mich inzwischen um 180° gedreht, kommt dann die Kette des Hohgant, die in der Breite meines Gesichtsfeldes mächtig und steil vor mir aufragt. Immernoch verschneit, ist ja auch die Schattenseite des Gebirges. Noch weiter würden dann die Sieben Hengste kommen, aber da steht noch ein Hügel im Weg, über den ich noch hinüber schauen kann. In dieser weitläufigen Aussicht liegt das sanft gezeichnete Bumbach Tal zu meinen Füssen, teils mit Wald bedeckt, teils als Weideland frisch gedüngt. In den Schatten der Wälder liegen noch die letzten Reste Schnee, auf den Sonnenseiten der Hügel und Buckel sprießt schon das saftige Grün des frischen Grases. Vor mir, mittendrin in diesem Idyll, die hintere Buhütte, von dort dringen ganz leise geschäftige Geräusche zu mir herüber. Ab und zu ist mal ein Lastwagen oder Traktor auf der gegenüberliegenden Strasse zu hören, sonst ist nur das ständige Rauschen der Emme und das Zwitschern der Vögel zu hören. Während ich in mein iPhone tippe, versucht gerade eine kleine schwarze Spinne, zwischen meinen Fingern her zu krabbeln. Ich will sie wegschütten, aber sie ist angeseilt. Und schwupp wieder auf meinem iPhone. Aber das Stakkato meiner beiden Daumen beim tippen dieser Wörter sind ihr dann doch zu viel und sie zieht weiter ihres Weges. Die Sonne scheint immernoch und als ich aufblicke, sehe ich fast mehr blauen Himmel als helle Wolken. Meine Kleidung ist wieder trocken, ich tausche die Regenjacke gegen den Faserpelz, genieße nochmal minutenlang diese Gegend hier und schultere wieder meinen Rucksack. Weiter gehts Richtung Kemmeribodenbad.

Ich bin wieder auf dem gelben Wanderweg, nur noch eineinhalb Stunden bis Kemmeribodenbad. Bevor mich der Wanderweg wieder hinunter zur Emme führt, rief grad mein Finanzberater an. So konnte ich, irgendwo unterwegs, meine Finanzen für die nächsten Monate klären, einfach und ohne Ahnung davon haben zu müssen. Danke vielmals dafür, Matthias. Und wie ich so hin- und herlief beim Telefonieren kam auch noch eine Katze an und wollte gestreichelt werden. Eine Hand hatte ich ja noch frei 🙂 So diskutierte ich mit Matthias über Flex Pension Dings und Auszahlungspläne, Girokonto und Altersvorsorge, während ich mit der einen Hand dran war, die Katze zu knuddeln. Gerade als wir fertig telefoniert hatten, fing es wieder zu regnen an. Also wieder FAserpelz gegen Regenjacke getauscht, aber kurz drauf hat’s auch schon wieder aufgehört. Genug finänzelet, jetzt wieder hinunter zur Emme.

Vorbei an der Münchibrücke, hier gibts auch keinen Geocache, führt der Wanderweg direkt am Fluss entlang. Zu meiner Rechten eine steile Nagelflue, aus der einige große Brocken herausgefallen sind. Diese Felsbrocken liegen jetzt hier unten und der Weg schlängelt sich drum herum. Die meisten Felsen sind mit Bäumen bewachsen, deren Wurzeln sehen fast so aus, als wollten sie die Felsen festhalten, sie daran hindern, weiter hinunter zu fallen.

Das hätten sie mal oben in der Flue machen sollen. Hier im Schatten liegt noch alter Schnee und Eis, aber nicht mehr schön anzuschauen. Schon viele Nadeln und Bucheckerhülsen liegen drauf rum, richtig weiß ist der Schnee nicht. Aber das Eis ist noch rutschig, wie ich feststellen musste…

Und wie ich so durch die idyllische Auenlandschaft der Emme spazierte und die riesigen Felsbrocken im Fluss bestaunte, kam die Sonne wieder raus. Heute ist wirklich Aprilwetter. Aber jetzt ist sie so warm, dass ich meine Regenjacke ausziehen musste. Ich hab sie nicht durch den Faserpelz getauscht, nein, aktuell kann ich wirklich kurzärmlig wandern. Gut, hab ich an beiden Seiten vom Rucksack Bänder, an die ich meine Jacken befestigen kann.

Hinter der Bumbachbrücke fing der Weg „Grenzpfad Napfbergland“ an, mit Informationen und Geschichte über den Bauernkrieg von 1653. Hier fand ich den Namen des nackten Felsen, welchen ich seit ein paar Wanderugen zu benennen suche: das Schibengütsch, und darunter befindet sich die Schibenflue. Hier oben haben viele Berner und Luzerner Bauernführer Zuflucht gefunden. Das nächste Schild warnte mich dann: Achtung: Sie überschreiten die Grenze vom politischen Alltag zur Unruhe! Das kann ja spannend werden 🙂 die Handvoll Schilder, die die Eskalation zum Bauernkrieg beschreiben, stehen alle quasi nebeneinander. Ich dachte, der Weg zieht sich etwas länger hin, so dass man Wander-Denkpausen machen kann.

Naja, die Geschichte war bald erzählt und der Wanderweg ging alleine weiter. Er führte mich bald in einen kühlen und feuchten Wald, es lag noch Schnee an einigen Stellen und überall wachsen Moose. Auf dem Boden, an den Baumstämmen, an den Ästen, auf dem Weg. Überall und immer wieder kommt Wasser zu Tage, ein Bach wurde von einem eingestürzten Steg überbrückt. Ich musste bis zur nächsten Furt, um trockenen Fußes über den Bach zu kommen. In diesem feuchten und vermoosten Wald ist es fast unmöglich, trockenes Brennholz zu finden, dabei spür ich so langsam es chlines Hüngerli.

Aber als ich aus dem Wald wieder herauskam, fand ich unter den Bäumen, schön trocken, ein paar Äste und Zweige, die sich wunderbar brechen ließen. Davon sammelte ich mir einen Topf voll, was wird das sein? Zwei Handvoll? Das sollte reichen für meinen Hobo Stove, selbst für 5 Minuten lang kochendes Wasser. Bald war auch ein geeigneter Rastplatz gefunden, auf einem Stein konnte ich mich ausbreiten und einheizen. Heute gibt’s Pasta mit sizilianischem Pesto. Das Wasser wär mir fast ausgegangen, aber es hat grad noch so gereicht. Im Nu hat es gekocht, zwei Handvoll Teigwaren hinein, eine Prise Salz und abwarten. Ich konnte nicht so recht auf vier zurückdrehen, wie zu Hause, das Feuer hat ziemlich geheizt. Mir ist ein paar Mal der Deckel weggeflogen, als der Schaum überquellen wollte. Selbst als ich das Pesto-Glas drauf gestellt hab, hat’s beides zur Seite gehauen. Das war eh schon so ein Balanceakt, hier draußen in der Natur ist halt nichts so recht gerade.

Aber mit viel Improvisation hat’s dann geklappt, die Nudeln waren bald fertig und ich hatte nichtmal die Hälfte an Holz verbraucht. Das finde ich schon faszinierend, mit einer Handvoll Brennholz kann man eine Portion Nudeln kochen. Aus dem Wasser hab ich dann noch Kaffee gemacht, ich will mein mühsam geschlepptes Wasser ja nich vergeuden. Nein, eigentlich hab ich kein Wasser mehr, das war das letzte, alles andere hab ich heute schon getrunken. Lecker Pesto unter die Nudeln gemischt, Parmeggiano drüber gestreut und mein Mittagsessen war fertig. Schnell, leicht, günstig. Lecker. Danach noch den Kaffee, es ist mir gar nicht aufgefallen, dass das Wasser nach Nudeln schmecken müsste. Und im Bauch kommt eh alles zusammen 🙂 Leider ist für den Abwasch jetzt kein Wasser mehr da, aber ich höre einen Bach ganz in der Nähe rauschen…

„Nach dem Essen sollst Du ruh’n oder tausend Schritte tun“… Ich entscheide mich für letzteres, denn der Bauer dort unten sprüht grad sein Zaubermittel auf sein Feld, welches die Luft zum Stinken bringen kann. Ich weiß zwar nicht, warum er das auf den schönen Schnee verteilt, denn gelb-braun ist er auch nicht schöner… Aber er macht nicht nur die Luft da unten stinken, sondern der Wind bläst das auch noch zu mir hoch, oder es ist noch warm und steigt deswegen… Naja, zum Dessert kann ich mir was besseres vorstellen und ziehe weiter.

Aber es kam nicht besser. Die nächste Wiese war auch gedüngt. Und der Wanderweg führt mitts darüber. Beim nächsten Hof hab ich den Bauern beobachtet, wie er mit der eisernen Hand in der Sch… gegraben und das Verschleuderfahrzeug gefüllt hat. Und die nächste Wiese war auch besch… Die übernächste auch. Langsam wurde aufdringlich, ich hab ja den ganzen Tag nix gesagt, aber jetzt reichts mir langsam. Ich hab das Gefühl, das ganze Tal stinkt. Der nächste Hof bot etwas Abwechslung, ich durfte mich mal von einem Appenzeller Mischling ankläffen lassen. Und dort stand auch wieder eine schöne Holzbrücke, die ich mir auch näher angesehen hab. Die Bäuerin war gerade mit ihrem kleinen Sohn dabei, einen Hühnerzaun zu setzen und hat mich drauf hingewiesen, dass der Wanderweg abzweigen würde. Sehr zuvorkommend, aber ich schau mir noch schnell die Brücke an. Als ich wieder durch den Hof kam, hat sich der Bauer gewundert, wieso sein Hund ihn die ganze Zeit anbäket. Bis er sich umgedreht und mich gesehen hat 🙂 Da war’s ihm dann klar. Der Wanderweg ging weiter über bedüngte Wiesen. Bäh. Bäh. Bäh.

Zur Abwechslung ging’s zwischendrin mal durch ein Feld mit noch liegen gebliebenem Schnee, aber außer rutschig war der auch nicht viel. Den ganzen Weg hatte ich eine Rolle Sicht auf die Schibeflue zur Linken und auf die Chemmeribodenflue zur Rechten. Bis ich im Kemmeriboden ankam und dort für heute meine Wanderung beendete. Etwa zwanzig Minuten musste ich aufs Postauto warten, die hab ich mit der Holzbrücke verbracht. Ganz neu, 2008 erbaut nach alter Bauweise. Und mit mehr Stahl. Aber eine Bogenbrücke, wie es so viele der Emme entlang gibt.

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