Chrummwag Ilanz

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In der Nacht hat’s mal geregnet, aber nicht mal so stark, dass mein Rucksack unter dem Blätterdach der Birke nass geworden wäre. Mein Tarp allerdings musste ich heute morgen nass einpacken. Und alle Klamotten waren am Morgen feucht. Etwa eine Stunde vor der Dämmerung sah ich ein Licht durch die Bäume scheinen, ich dachte, das sei der Sonnenaufgang, hab mich nochmal umgedreht und weitergeschlafen. Moment mal… Sonnenaufgang?

Ich bin umgeben von hohen Felswänden, hier kommt kein Sonnenaufgang hin. Außerdem müsste ich die Sonne ja an der gegenüberliegenden Kalsteinwand sehen… Hmm, keine Ahnung, was das Licht war, kurze Zeit später war es dann auch wieder weg. Schlafen konnte ich jetzt eh nicht mehr, also bin ich noch vor der Dämmerung aufgestanden und hab beim Hellwerden mein Lager eingepackt.

Eine Stunde hat mich das gekostet, die ganzen Schnüre und Leinen aufzuwickeln, bestimmt die Hälfte der Zeit geht mit den sechs Leinen des Tarps drauf. Gegen sechs Uhr bin ich von „meiner Insel“ wieder losgezogen, weiter den Rhein entlang. Unten am Fluss, die steilen Kalsteinwände um mich herum.

Der Himmel ist blau, ein paar freundliche Wolken und während ich durch das nasse Gras wandere, warte ich drauf, dass hinter mir die Sonne aufgeht. Bzw. über den Bergen erscheint. Der Rhein fließt, rauscht, glucksert und strömt in schneller Geschwindigkeit dahin, wird von der Insel um mehr als 90° um die Ecke gebogen, fließt weiter in die Rechtskurve, um die Insel herum.

Was für Wassermassen sich hier unaufhaltsam und unaufhörlich durch das Flussbett schieben; baden möchte ich bei dieser Strömung nicht.
Der erste Zug fährt vorbei, mein Alibi 🙂 Auf der Insel hätte ich eigentlich nicht campieren dürfen, aber jetzt kann ich auf Anfrage ja behaupten, ich wäre mit dem Zug gekommen.

Beim offiziellen Rastplatz „Auenwald“ gab es trockenes Brennholz und diverse Feuerstellen, sogar mit Schwenkrost. Das Holz war zwar überdacht gelagert, hatte also keinen Regen abbekommen, aber war trotzdem recht feucht. Ich hab länger als eine halbe Stunde gebraucht, bis das Feuer brannte und ich Wasser kochen konnte. Dafür gabs dann ordentlich Frühstück mit Kaffee und der letzten Scheibe (trockenes) Brot, ich hab mir Porige gekocht mit Ovomaltine drin und eine Banane reingeschnipselt. So kam ich doch noch zu meiner Schoggibanane 🙂 Inzwischen ist auch die Sonne aufgegangen, allerdings versteckt sie sich etwas hinter ein paar Schleierwolken.

Ich hänge noch mein Dach zum Trocknen auf, während ich frühstücke und dem Strom zu schaue. Mich fasziniert diese Wassermenge, die hier entlangkommt, ich versuche mir das in „Badewannen-Einheiten“ vorzustellen. Dann warte ich noch, bis mein Feuer runtergebrannt ist, aber langsam möchte ich weiter. Mein Dach ist noch nicht trocken, also muss das Handtuch her zum Trockenwischen.

Das Handtuch kann ich wenigstens aussen an den Rucksack hängen zum Trocknen, das Dach wäre zu groß dafür. Und wie ich meinen Rucksack packe, hab ich schon wieder das Gefühl, dass weniger drin ist. Entweder ich werde mit jedem Packen effizienter, oder ich esse jedesmal so viel heraus 🙂 Aber eigentlich fehlt jetzt nur eine Banane, Kaffee und Haferflocken sind in Dosen, die immer gleich groß sind. Aber die hab ich jetzt mal in die Ecken rechts und links neben den Schlafsack gestopft, dort sind sie noch sinnvoller verstaut. Und kaum bin ich fertig, schau mich nochmal um, ob ich auch wirklich nichts vergessen hab, binde meinen Faserpelz an die Seite vom Rucksack, da fängt es zu Regnen an. Hmm. Ich tu mal so, als würde ich das nicht merken, das werden sicher nur ein paar Tropfen sein.

Bald komme ich an eine Infotafel, die ausdrücklich vor der gegenüberliegenden Felswand warnt. Meiden Sie den Aufenthalt in der blau schattierten Zone! 2002 kam hier ein Felssturz herunter, hat Menschen verletzt und eine große Flutwelle erzeugt. Das macht mich natürlich erst recht neugierig und ich schaue mir die zerbrochene und zerklüftete Wand an.

Oh ja, da fehlen große Stücke in der Wand, bei einem kleinen Bach ist die Abrisskante und das tiefe Loch deutlich zu sehen. Der Schutt, der am Fusse der Wand liegt, lässt mich erahnen, was für eine Flutwelle das gegeben haben muss. Gut, dass ich das gestern Abend noch nicht wusste 😉 Und ich kenn dieses Gestein ja, ich glaube, wenn ich einen Stein hinüber an die Wand werfe, könnte ich auch einen Felssturz auslösen. Mach ich zur Sicherheit mal lieber nicht…

Der Weg führt weiter im Tal entlang, an der Station Versam-Safien vorbei, hier ist eine Kanuschule. Dahinter steigt der Weg an und ich komme hautnah an weißen Kalksteinwänden vorbei, ich laufe quasi über ihre Schuttkegel. So erodiert, so ausgefressen sie sind, so weiß, so anders, so groß, ich komme mir vor als wäre ich auf dem Mond.

Hier wächst nichts, das einzige, was ich sehe, ist ein toter Baumstamm, der in die Tiefe gerissen wurde. Entastet, entrindet, total nackt und kahl, mehr ist nicht übriggeblieben, als er in die Waschtrommel eines Felssturzes geriet. Er kann von Glück reden, dass er oben auf liegen geblieben ist und nicht verschüttet in diesem riesigen Haufen Kies und Geröll. Überall stehen kegelförmige Überreste von diesem bröckeligen Gestein, wenn drum herum alles andere schon abgerutscht ist.

Zu meiner Rechten sind diese Kegel so spitz, sie sehen aus wie Kirchtürme, mehrere nebeneinander, hoch oben, wie eine uneinnehmbare Kathedrale auf einem Felsvorsprung. Die Räumlichkeit dieser Skulpturen aus Stein erschließen sich mir erst, wenn ich dran vorbei laufe, mit jedem Schritt sehe ich all die Felsnadeln und -Türmchen aus einer anderen Perspektive, erst so kann ich erkennen, dass sie einzeln stehen und wie sie zueinander stehen.

Als dann auch noch die Sonne herauskommt und diese Steinformationen in ein Spiel von Licht und Schatten taucht, stehe ich nur staunend da. Ich kann kaum hinschauen, so sehr blendet der weiße Kalk in der Sonne. Was ein Anblick, er berührt mich total. Ich bin fasziniert, hin und weg. Hier mit dem Zug vorbei zu huschen ist tatsächlich Verschwendung. Nur mit langsamem Wandern kann man all das gebotene Spektakel überhaupt erst erfassen und selbst dann muss ich ständig stehenbleiben und schauen.

Der Weg führt gemütlich, am halben Hang entlang über Wurzeln und weichen Waldboden, hier kann sich mal etwas Vegetation halten. Doch bald stand ich wieder im Fels und fand eine Höhle. Ich hab mich tatsächlich hineingewagt und musste über den weichen Sand und Kies des Schuttbergs laufen. Wie ich drin stand in dieser Höhle, stocherte ich mit meinem Wanderstab in dem Gestein an den Felswänden herum. Ich musste die Wand nur berühren, schon lösten sich Steine und fielen heraus. Langsam bekam ich Angst. Welch Kleinigkeit würde ausreichen, diese Höhle zum Einsturz zu bringen? Heute ist mir kein Fels mehr geheuer und ich schaue, dass ich schnell weiter komme.

Wollte es nicht regnen jetzt eben? Ich hab da was dunkel in Erinnerung… Inzwischen ist der Himmel wieder blau und die Sonne kommt raus. Der Weg führt wieder durch Wald, schlängelt sich bergauf zu einem Rastplatz. Auch hier ist wieder Feuerholz vorhanden und die Feuerstelle ist ein kleiner Kamin mit Rost drin. Also verrostet, ja auch, aber mit einem Grillrost drin.

Hier fülle ich meine Wasserflasche auf, orientiere mich an der Übersichtskarte, entscheide mich für den Weg erst unten rum und dann durch den Carrera-Tobel hinauf nach Valendas. Erst noch ein bisschen Frühlings-Sonne-Laubwald-Genusswandern mit Aussicht, bevor ich wieder steil nach oben will.

Ein paar Schritte weiter gibt’s wieder einen tollen Panorama-Blick, unter anderem auf das „Schwarze Loch“. Damit man aus der Entfernung dieses auch findet, wurde extra ein Rohr angebracht, welches genau darauf zielt. Einfach durchgucken und man weiß, wo das Schwarze Loch ist. Genial einfach.

Genüsslich gehe ich weiter durch den Laubmischwald, auf weichem Boden geniesse das Wechselspiel von Licht und Schatten, das die Bäume auf den Weg zaubern. Kurz vor dem Schwarzen Loch, es sieht fast so aus, als würde ein Teil des Rheins dort hineinließen, biegt dann der Anstieg durch den Carrera-Tobel ab. Eine Forststrasse, hart und steinig, der Förster kommt vorbei mit seinem Offroader und heizt den Berg hinauf, dass er mich in einer Staubwolke stehen lässt. Na danke auch.

Oben in Valendas angekommen überrascht mich erstmal die Ruhe, die hier herrscht. Kein Bach oder Fluss, der ständig rauscht. Hier oben höre ich Vögel zwitschern und Hummeln summen und den Wind, wie er durch die Bäume rauscht. Im Dorf sehe ich einen Brunnen, hier kann ich meinen 2 Liter Beutel auffüllen. Und gegenüber ein Volg Laden, was ein Glück, jetzt kann ich meine Vorräte auffüllen. Erwartungsvoll schreite ich zur Eingangstür und lese das Schild, dass der Laden nur bis 11:30 offen hat und nachmittags geschlossen bleibt. Da war ich aber enttäuscht. Ich hatte mich schon so drauf gefreut, hier meine Brotzeit einkaufen zu können. Hmm. Was mach ich jetzt? Aus lauter Unmut wollte ich das Schild fotografieren und hab mit schon die entsprechende Blog-Bemerkung überlegt. Gerade als ich das Foto schiessen wollte, ging die Tür auf. Ich fühlte mich ertappt und versteckte mein iPhone hinter dem Rücken. 😳 Die freundliche Frau des Ladens hat mich hereingebeten, „wenn ich denn dringend etwas bräuchte“. Dankend nahm ich ihr Angebot an, „aber es ist halt nicht mehr viel da…“. Mal sehen… Zwei Semmeln, ein Stück Salami, ein Stück Tilsiter. Äpfel? Die sind hier vorne. Schokolade? Die haben wir hier. Ist doch alles da, was ich brauche… Sie hat sogar noch an Getränke gedacht, aber ich gehe zum Dorfbrunnen. „Wenn das Trinkwasser ist?“ frage ich sie, „das können Sie ohne Bedenken trinken“. Gut. Macht 12 Franken. Ob ich sonst noch etwas bräuchte? Ja, eine schöne Stelle, wo ich picknicken kann. „Die haben wir auch“, sagt sie mit einem Unterton von Stolz und tritt mit mir vor den Laden. Ich könnte hier hoch, an der Kirche vorbei auf den Hügel und hätte dort eine Aussicht über das Dorf. Oder dort rechts, zwischen den diesen beiden Häusern hindurch an eine Aussichtsplattform mit Blick auf den Rhein. Das klingt gut, dort will ich hin. Ich bedanke mich herzlich und wir verabschieden uns. Am Brunnen nebenan hab ich meinen Wassersack aufgefüllt, hab grad so nicht meinen Wanderstab vergessen und bin nach rechts.

Aber der Weg an der Kirche hat mich doch neugierig gemacht, also bin ich durchs Dorf, hinten wieder raus und in den kleinen Wald, fand ich hier einen „Naturlehrpfad“ mit liebevoll handgeschrieben Schildern, die die verschiedenen Bäume und Büsche beschreiben. Neugierig folge ich den Schildern ein Stück und finde dann eine Hinweistafel der Ruinaulta, wie ich schon mehrere gesehen hab (die erkenne ich schon von Weitem). Hier bin ich an der Aussichtsplattform angelangt mit einer Sitzbank im Schatten und einem Ausblick über die Rheinschlucht. Ich kann das Schwarze Loch sehen und die anderen steilen Hänge, an denen ich am Vormittag unten entlang gelaufen bin.

Nach der Brotzeit studierte ich auf dem iPad die Umgebungskarte mit den Wanderwegen und Aussichtspunkten, plante den Nachmittag, als gerade ein Mail eintrudelte aus München. Der Frank, mit dem ich bevor-vor ich in die Schweiz gekommen bin, zusammengearbeitet habe, sucht Security-Spezialisten und Unix-Adminstratoren 🙂 Ich hab ihm meine letzten sieben Jahre in einem Satz zusammengefasst und das letzte halbe Jahr in einem weiteren Satz und ihm eine Absage geschickt. Aber ich finde das toll, dass er nach knapp 14 Jahren immer noch an mich denkt 🙂

Ich will nach der ausgiebigen Mittagspause noch nach Castrisch laufen. Gut, dass ich die Schilder alle lese, sonst wär ich in eine kilometerlange Sackgasse gelaufen. Kurz vor Castrisch wird nämlich ein Viadukt auf meinem eigentlichen Weg erneuert und ist deswegen gesperrt. Die Alternative führt von Valendas den Tobel hinunter zum Rhein und dann diesen entlang. Auch gut. War ich halt nur zur Mittagspause „mal kurz“ oben am Aussichtspunkt und hab den Rest des Tages unten am Rhein verbracht.

Verglichen mit den Naturwundern, an denen ich nun schon seit zwei Tagen entlang laufe, wird der Weg hier etwas langweiliger. Klar, der grüne Rhein schwillt und rauscht, quillt und glucksert, spritzt und schäumt hier genauso interessant wie weiter unten,

die Kalkwände türmen sich immernoch schroff und zerklüftet in die Höhe, allerdings nicht mehr ganz so hoch wie auch schon. Es gibt auch immernoch grosse Höhlen in den noch grösseren Felswänden und auch hier manch imposante Schuttkegel und Felsentrümmer, die aus den Wänden fallen. Aber immer mehr wird dieses Schauspiel von Wald abgewechselt, immer mehr werden die Schuttkegel flacher, dass sich Erde und Bäume darauf halten können.

Der Weg schlängelt sich sich durch den Auenwald, es ist warm. Die Sonne wird zwar von Wolken verdeckt, aber es ist feucht warm, drückend, es geht kein Wind, mein Schwitzen bringt keine Abkühlung mehr. Es gibt Stechmücken und quergespannte Spinnweben, Baumwurzeln über die ich stolper und viele nasse, matschige Stellen. Ich richte meine Aufmerksamkeit mehr in mich hinein und sinniere darüber, was ich die Tage so erlebt hab. Eins ums andere Mal kommt mir ein Lachen aus, wenn ich an die lustigen oder glücklichen Situationen denke. Und so marschiere ich vorwärts, Castrisch entgegen.

Zwischendrin verzog sich die Wolke und die Sonne schien direkt auf mich herab. Noch heisser. Ich hab zur Sicherheit meinen Sonnenhut montiert, es brennt ganz schön herunter. Dann verließ der Wanderweg den Rhein und ging über eine heiße Wiese den Berg hinauf nach Castrisch. An diesem Berg hab ich eine Wanderin mit zwei Hunden gesehen, die grad Pause auf einer Bank gemacht hat. Ich hab gegrüßt und bin weiter. Schwitzend. Den Berg hinauf. Der Sonne entgegen. Puh. Am Bahnhof Castrisch hab ich mich erstmal in den Schatten gesetzt, Rucksack abgezogen, der Zug war grad weg. Die Wanderin mit den beiden Hunden kam auch an, wird sprachen über das heiße Wetter und ob man noch weiter nach Ilanz laufen könnte. Sie wollte nicht, zu heiß und sie hat nichts zu trinken mehr. Meine zweite Flasche wollte sie aber dann auch nicht. Ich schaute auf die Karte, dieser Klacks nach Ilanz… Wär doch gelacht, sollte doch innert einer Stunde zu schaffen sein. Ich zog weiter den Rhein entlang, es kam ein kühlender Wind auf und der Weg ging im Halbschatten des Auenwaldes dahin. Maikäfer flogen durch die Luft, bronzefarben und brummend. Offensichtlich hat sie mein rotes Hemd angezogen, ich hatte so manchen Angriff von einem Kamikaze Maikäfer zu überstehen. Aber einem Käfer mag ich ja locker standhalten. Wenn die sich aber alle zusammengetan hätten, hätten die mich bestimmt versenkt. Im Rhein, im grünen. Eine Biegung, eine Brücke und ich war in Ilanz. Ein paar Minuten später kam der nächste Zug. Eben. Wär doch gelacht… Bei der nächsten Station, wer sitzt da, direkt vor meinem Fenster? Die Wanderin mit den beiden Hunden.

Fermada sin damonda.

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2 responses to this post.

  1. Posted by Matthias on 9. Mai 2012 at 07:02

    Und des Rätsels Lösung?! Was war denn nun die vermeintliche Dämmerung?
    Aufgepasst, in Ch treibt sich derzeit ein schwarzer Panther rum, also die Hängematte immer schön hoch hängen!

    Antworten

  2. Posted by Bonolini Ida on 12. Juli 2014 at 15:39

    Einfach einen wunderschönen Wanderweg

    Antworten

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