Cauma-See Trin-Mulin

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Die Nacht in der Hängematte war ruhig, nur einmal kam etwas durch Laub getrippelt, aber ich wollte kein Licht machen, um zu sehen, was es war. Zwischendrin hat noch ein Kauz gerufen, sonst war es angenehm ruhig. Gegen Morgen kam dieses mysteriöse Licht nochmal, was ich vorgestern für den Sonnenaufgang gehalten hatte: es ist der Mond, der so blass durchs Geäst scheint. Heute ist er nicht gleich wieder verschwunden, sondern leuchtete mir, als ich noch vor der Dämmerung mein Lager zusammenpackte.

Es war kühl geworden in der Früh, nicht schlimm, sondern eher subtil, erst die Nasenspitze, dann am Rücken, dann an der Pobacke. Und jedes mal versuchte ich, mich anders in den Schlafsack und auf die Isomatte zu legen, doch irgendwann gegen fünf war ich dann wach. Also konnte ich auch aufstehen.

Bei einem Rundgang um den morgendlichen Cauma-See hab ich meinen Wasservorrat aufgefüllt, Brennholz gesammelt und am Ufer des wunderschönen grünen Wassers gefrühstückt. Die Sonne ging auf, tauchte erst die Bergspitzen in ein Orange, welches sich im wellenfreien Wasser spiegelte, langsam bekam auch der Wald Morgenlicht und bald auch die Ufer. Die Vögel sind auch schon aufgestanden und singen ihre Morgenlieder, recht verhalten und nicht so laut wie in der Stadt. Ein gemütlicher Morgen am See.

Während ich auf das Quellen meines Porige warte, beobachte ich die vielen kleinen Fische, die sich in den klaren Wasser tummeln. Sie frühstücken auch gerade, sie putzen die Felsen oder picken sich etwas von der Wasseroberfläche. Mal stehen sie bewegungslos im Wasser, dann wieder, zwei Flossenschläge und sie schnellen nach vorne. Gegenüber vom See machen es sich zwei Fischer gemütlich, die Standseilbahn am See nimmt ihren Dienst auf und surrt vor sich hin. Alles weit genug von mir weg, dass ich es zwar mitbekomme, aber nicht gestört werde.

Und als ich mein Porige löffle, schau ich mir die Umgebung durch den Spiegel der Wasseroberfläche an. Keine Welle trübt die Spiegelung, kein Windhauch geht, allein die winzigen Fische am Rand machen beim Picken winzige Wellen, die bald schon wieder verebben. Ich sehe alle die Bäume auf dem Kopf stehen, ich kann im Wasser jeden einzelnen Wipfel erkennen, ja sogar die einzelnen Tannennadeln.

Der Berg Fil de Cassons, oben noch mit Schnee bedeckt, spiegelt sich so klar, dass ich die Gebäude auf der Spitze erkennen kann, die Seilbahnstation und sogar die Antenne.

Nach dem Frühstück und der Morgenwäsche am See breche ich auf nach Conn, zur Aussichtsplattform Il Spir.

Hier im Wald von Flims ist ein gut ausgebautes Netz an Wanderwegen, reichliche Beschilderung und sogar Abfalleimer stehen hier rum. Hier bin ich im touristisch erschlossenen Wandergebiet der oberhalb der Rheinschlucht. In den kühlen Stellen liegen sogar noch Reste vom Schnee… Ich wandere der Morgensonne entgegen, durch lichten Wald. Immer wieder sehe ich Weinbergschnecken mit großen Gehäusen, die den Wanderweg so früh am Morgen noch ziemlich gefahrlos für sich beanspruchen können. Ich muss gut aufpassen, dass ich nicht über sie stolper, so viele sind hier unterwegs. Teilweise auch zu zweit, halb aufeinander, halb verschlungen, aber ich nehme mir nicht die Zeit, ihr langsames Liebesspiel genauer zu beobachten.

Ich habe den mächtigen Flimserstein hinter mir und versuche mir wieder vorzustellen, dass ich die ganze Zeit auf dem Schuttkegel des Flimser Bergsturzes wandere.

Plötzlich bin ich „vorne“, an der Rheinschlucht angelangt, der Abgrund tut sich unter mir auf. Unter mir der Rhein, gegenüber die Mondlandschaft,

mit dem kahlen Baumstamm, eine „kleine Rote“ fährt grad vorbei. Oberhalb der Mondlandschaft liegen die Dörfer Carrera und Brün mit der Brüner Alp, dahinter baut sich der Piz Riein auf. Das also ist die Mauer, gegen die der Flimser Felssturz geprallt ist, hier wurden die 10 Kubik-Kilometer gestoppt. Beziehungsweise Teile davon, das ganze Ausmaß erstreckt sich noch weiter nach rechts und links. Und wenn ich mir die tief eingegrabene Rheinschlucht mal wegdenke, kann ich nur kopfschüttelnd und staundend bewundern, wie hoch das Tal aufgefüllt wurde.

Und dann war ich da, am Ziel dieser Tage: Auf der Aussichtplattform Il Spir. Ich bin überglücklich, ich bin angekommen. Ich genieße meine Auszeit, das ist es, was ich machen wollte. Die Plattform ragt über den Rand dieser 300 Meter hohen Klippen hinaus, wie ein Mauersegler mit ausgebreiteten Flügeln. Die Aussicht ist grandios, von der linken Seite kann man vom Versamer Tobel, dort wo mich der Tunnel etwas verwirrt hat, bis auf die rechte Seite, wo die weißen Türmchen der Kathedrale stehen, alles überblicken. Ich sehe Versam auf der Anhöhe, ich sehe die Chli Isla und meinen Übernachtungsplatz, ich sehe die Kanu-Schule und die Rhätische Eisenbahn, meinen Frühstücksplatz am Rhein unten, die steilen Hänge der Mondlandschaft, die großen Höhlen in den noch größeren Felswänden. Ich lasse die Wanderung der letzten Tage nochmal Revue passieren während ich diese atemberaubende Aussicht habe. Plötzlich macht alles Sinn, jeder Aufstieg, jede Anstrengung, jede Aussicht von unten, jedes Staunen auf dem Weg, jeder einzelne gewanderte Kilometer kommt hier und jetzt in diesem Augenblick zusammen. Jede Anstrengung fällt nochmal von mir ab, jedes Glücksgefühl und jedes Staunen ergreift mich noch einmal, jede Minute der Wanderung, schwitzend und mit schweren Füssen, steil bergauf oder steil bergab, jeder Tobel, den ich bestiegen habe, gipfelt in diesem Moment mit dieser Aussicht. Ein sehr emotionaler Moment des Glücks, der Erleichterung und der Dankbarkeit.

Nachdem ich das Thema „Rheinschlucht“ zum Höhepunkt geschafft hatte, wollte ich das „größere Thema drumherum“, den Flimser Bergsturz, auch nochmal aus weiterer Perspektive betrachten. Ich beschloss, auf den Cassons zu fahren, der Berg, der ein Teil der Abrisskante darstellt. Dort hinauf, auf 2675 Meter, geht ein Klettersteig oder ein länger Wanderweg. Das wollte ich mir dann doch nicht zutrauen und werde mit der Seilbahn hinauffahren. Also nach Flims, wieder durch den Wald. Hier musste ich mich erstmal durch ein Trümmerfeld von umgestürzten Bäumen kämpfen, über Äste und Zweige klettern und auf Knien unter dem Baumstamm hindurchrobben. Danach gings wieder auf diese breiten Waldwege, diese dünnen Linien auf der Topokarte, breit genug um mit dem Auto drüber zu fahren. Schnecken waren jetzt keine mehr unterwegs, dafür fielen mir viele Weberknechte auf, die mit ihren langen Beinen über den Weg huschten. Eigentlich sah ich immer nur ihren Körper, die dünnen Beine waren kaum auszumachen.

Ich muss mich wieder etwas bremsen. Kaum habe ich ein Ziel erreicht, muss ich schon wieder ein neues haben. Hab ich dieses dann, kann ich kaum erwarten, es zu erreichen. Deswegen zieht es mich jetzt nach Flims und den Berg hinauf. Dabei ist noch früh, ich hab ja Zeit… Kaum hatte ich mich gebremst und schlenderte mehr durch den Wald, kam eine Nordic Walking Stockente von hinten und walkte vorbei. Tack-tack-tack-tack-tack-tack… Ein einem Tempo, dass ich mich umgeschaut habe, wer oder was sie denn verfolgt. Ich wollte ihr schon vorschlagen, sie soll mit ihren vier Beinen doch lieber Trab oder Galopp nehmen, diese Gangarten entsprechen eher ihrer Geschwindigkeit.

Ich hatte meinen langsameren Rythmus dann gefunden, als sich plötzlich links unten der Blick auf den Cauma-See eröffnete. Ein unbeschreibliches Grün, ein Tupfen Blau mit rein gemischt und so klar, dass man alle Felsen sehen kann, die in dem See drin liegen. Ich erinnerte mich an die Erfrischung, die der See mir gestern gespendet hat. So langsam wird’s nämlich wieder warm.

Aber mit dem Erreichen der Standseilbahn am Cauma-See war ich vollends im touristischen Flims angelangt. Ein geteerter Waldweg führt weiter ins Dorf, damit man (Frau) sich nich den Stöckel vom Schuh bricht. 😉 Die Wanderwegweiser kurz vor Flims haben mich etwas verwirrt, eine Seilbahn oder wenigstens das Dorf war nicht angeschrieben. Es kam aber ein Einheimischer vorbei, hat sehr freundlich gegrüßt, den hab ich gefragt. Er hat mir offenbart, dass die Seilbahn nach Cassons geschlossen ist, dort komme ich zur Zeit nicht hoch. Ich könnte versuchen, ob die Bahn auf den Crap Sogn Gion fährt, da sei er sich nicht sicher. Deren Talstation ist allerdings zurück in Laax. Dann kam er aber mit dem Vorschlag, ich könnte doch nach Foppa hinauffahren und den Höhenweg nach Fidaz nehmen. Das wäre auch wieder Richtung Trin, damit würde sich meine Rundwanderung schließen. Mit der Übersichtskarte auf meinem iPhone hab ich versucht, nachzuvollziehen, was er sagt und beschreibt, jetzt weiß ich, wie ich den Nachmittag verbringen will, wenn ich schon nicht ganz hinauf komme. Aber trotzdem. Wie komme ich zur Seilbahn in Flims? Das hab ich vergessen zu fragen und er war auch schon wieder weg. Also doch Topokarte fragen.

Aber an den Bergbahnen in Flims war gar nichts los. Der Sommer fängt hier erst am 30. Juni an. Ab nächster Woche wäre wenigstens Wochenend-Betrieb, aber heute ist da gar nichts. Morgen auch nicht. Die Webseite der Region zeigt auch noch eine Winterkarte mit allen Bahnen geschlossen. Nach Foppa laufen würde eine Stunde dauern, das mag ich aber nicht jetzt in der Mittagshitze machen. Also umplanen…

Hmm. Es wollte nicht so recht was dabei rauskommen. Ich sollte keine Planungen in der Mittagshitze machen. Ich wollte erstmal einen schönen Platz zum Brotzeit machen finden. Aber Flims ist ein Feriendorf. Asphalt, Hotels, zieht sich lange hin. Da wären noch die Walserdörfer Scheia und Fidaz, aber das geht auch den Berg hinauf.

Das verlockendste Ziel auf den Wegweisern war der Lag la Cresta. 40 Minuten. Asphalt. Asphalt. Abbiegen von der Hauptstraße. Immernoch Asphalt. Durch den Bauhof hindurch, an der Kläranlage vorbei, kein Schatten. Dann ging’s in den Wald. Alle hundert Meter mal Schatten. Noch 20 Minuten bis zum See. Gut habe ich genug Wasser dabei. Plötzlich die erste Verlockung auf dem mühsamen Weg: ich könnte links entlang durch die Felsbachschlucht zum See hinunter. Klingt nach Schatten. Und nach was Interessantem. Also abgebogen. Ja, der Weg wird wieder wanderwegiger und ein paar Bäume mehr stehen hier auch noch.

Unten empfängt mich dann die frische, feuchte Kühle der kleinen Schlucht, hier gehts mir wieder besser. Die Bäume spenden wieder Schatten und der Weg ist weicher Waldboden. Doch das Intermezzo war nur von kurzer Dauer, der Weg verlässt den Bach wieder und kommt bald zum

Cresta-See. Auch der ist grün, waldseegrün und sehr klar. Die paar wenigen Stellen, an denen man ans Ufer kann/darf waren allerdings schon besetzt, klar, dieses Wetter lockt die Menschen ins Freie. Wobei mir die Belegschaft aktuell noch aus Hausfrauen und Müttern besteht. Und den beiden Deutschen, die mit dem Mountainbike unterwegs sind. Ich lasse mich also auf der Sitzgruppe an der Feuerstelle nieder und baue meine Brotzeit auf. Als ich esse, werde ich immer wieder von Nasenstupser-Fliegen belästigt. Diese kleinen Fliegen schweben immer ein paar Zentimeter vor meinem Gesicht, als würden sie mit den Bissen kurz vor dem Mund wegschnappen wollen. Wenn ich den Kopf drehe, kommen sie mit, damit sie wieder wenige Zentimeter vor meinem Gesicht schweben. Aber sie sind nicht besonders flink, ich kann die locker fangen. Wenn ich sie aber lasse, dann landen sie ganz kurz auf meiner Nase, um gleich wieder ein paar Zentimeter Abstand einzunehmen. Ich hab ich paar von ihnen gefangen, aber es kamen neue. Und alle Fliegen haben das gemacht. Immer wieder. Nasenstupser-Fliegen.

Nach einem kleinen Nickerchen bin ich weiter. Aber in mag nicht mehr. Es ist immernoch Mittagshitze und ich hab inzwischen genug Sonne abbekommen. Auf den Armen sogar zu viel. Ich bin noch den Weg ohne Schatten bis Trin Mulin gegangen, danach hab ich nicht mehr mögen. Aber trotzdem bin ich zufrieden mit meiner Wanderung durch die Rheinschlucht. Schade, konnte ich den Flimser Bergsturz nicht von oben betrachten, aber das kann ich mit der Geologie-Wanderung ein paar hundert Meter höher mal verbinden. Ich find es nur so anstrengend, dass es plötzlich so heißer Sommer ist. Hatten wir keinen Frühling, um uns langsam an die Sonne gewöhnen zu können?

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5 responses to this post.

  1. Posted by Matthias on 11. Mai 2012 at 07:39

    Wanderwetter pur heut!!!!!!!! Watch out for the competition!

    Antworten

  2. Posted by Bidu on 3. Juli 2012 at 09:09

    hei frank.. les mich grad durch deinen blog (du siehst bin noch nicht weit gekommen 🙂 , du machst mir das wandern schon fast zu schmackhaft.. macht mir bissel angst 😛

    echt geille bilder und stories.. weiter soo!!! 🙂
    bis bald mal wieder, bidu

    Antworten

  3. Posted by N. S on 14. August 2020 at 09:04

    Guten Tag Frank,
    ich mache gerade Ferien mit meinen Kinder hier in Laax und wollte mich mal über verschiedene Wanderungen informieren.
    Dein Bericht ist sehr gut geschrieben, interessant und abwechslungsreich!
    Die Fotos/Bilder sind Überwältigend.
    Das Einzige was mich ein wenig irritiert hat ist die Aussage wo du sagst dass du beim Caumasee am Lift gelangst und beim 100% Tourismus angelangt seist, und dass ein geteerter Weg weiterführt damit sich Frauen nicht den Knöchel brechen….
    Ich habe mich nähmlich gearde deshalb besser über all diese wunderschönen Wanderungen informieren müssen, wie hier in deinen Blog, weil ich Mama und Rollstuhlfahrerin bin.
    Deshalb ist es für mich sicher angenehm, wenn mal ein Weg oder ein Bergsee zugänglich ist .
    Ausser Cauma und sehr wenig andere Orte, habe ich nähmlich in diesen Ferien leider sehr wenige Orte sehen können.
    Ich wünsche dir weitere Atemberaubende Asflüge und hoffe du wirst in Zukunft weiterbloggen🙃.
    Liebe Grüsse, N. S

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