Rhäzüns Trans

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Zurück in der kühlen und feuchten Schweiz und nach einer Woche Pause mache ich mich wieder auf, das Bündener Land zu erkunden. Ich fahre nach Rhäzüns, diesmal will ich aber nicht „geradeaus hoch“, sondern mit der Seilbahn links nach Feldis hinauf und von dort das Domleschg entlang Richtung Viamala laufen. Die andere Seite des Tals, das eigentliche Domleschg.

Im Zug hab ich nach langem mal wieder einen Blick in die Pendlerzeitung 20Minuten geworfen. Mord im Kaufleuten in Zürich, randalierende Jugendliche in St. Gallen, Vergewaltigungsüberfall auf ein christliches Jugendlager, Raubüberfall in Basel, Verkehrstote auf der Autobahn, Lehrer sollten in der Schule Pornos zeigen… Leute, mit was müllen wir uns denn schon vor dem ersten Arbeitstag der Woche den Kopf zu? Kein Wunder, ist die Arbeit „gar nicht so schlimm“, wenn wir uns am Morgen erstmal das Übel unserer Welt reinziehen. Ich hätte echt drauf verzichten sollen…

 

Am Zürichsee kam vereinzelt die Sonne aus den Wolken gedrückt, ihre Strahlen waren deutlich vor den dunklen Wolken sichtbar und haben helle Flächen auf das graue Wasser gemalt. Das eine oder andere blaue Loch zeigt sich zwischen den Wolken, nur die Berge haben noch anhängliche Schleier um ihre Gipfel. Die Hänge des Schnebelhorn präsentieren sich in saftigen Grün der Wiesen und Wälder, betupft mit Sonnenstrahlen und in einem Wechselspiel von Licht und Schatten. Rechts hinten im Glarner Land sieht das Wetter deutlich grauer aus, tiefhängende Wolken und Regenschleier. Der Walensee zieht an mir vorüber, sein grünes Wasser liegt ruhig da, kaum Bewegung drin, kaum eine Welle. Weisse Wattebäusche hängen über dem Wasser, vor den steilen Berghängen, wenn ich mit dem Zug dran vorbeifahre, ist der räumliche Eindruck schon faszinierend, ich glaube fast, ich kann die Wolken mit der Hand greifen. Und kurz vor Landquart, mit dem Einzug nach Graubünden, reißt die Wolkendecke auf und es ist blauer Himmel. Die Sonne lacht jetzt ganz und gar vom Himmel, hier ist richtig schönes Wetter.

Mit der kleinen roten Gondel ging's von Rhäzüns nach Feldis hinauf, ich bin doch glatt in eine Gruppe Wandergreise geraten. Aber die wollten, oben angekommen, erstmal Kaffee trinken gehen. Ich hingegen hab die Wanderkarte studiert und mir einen Weg nach Scheid gesucht. Es ist schönes Wetter, die Sonne scheint aber um mich herum quellen überall weiße Wolken.

Der Aufstieg nach Romadetsch war noch schweißtreibend. Und das Wetter hier ist deutlich frischer als in Frankreich, zumal ich gerade im Schatten einer Wolke wandere. Mir ist fast schon etwas kalt und wenn ich schwitze, muss ich aufpassen, dass mein Hemd nicht zu schnell trocknet und kalt wird. Aber zur Sicherheit hab ich meinen Faserpelz seitlich am Rucksack dran, mit einem Griff ist auch der angezogen.

Ich gehe an einzelnen Chalets vorbei, meistens auf einer befahrbaren Strasse, mal hoch, mal wieder runter. Ich komme immer wieder an der schönen Aussicht auf den Heinzensberg vorbei, kann von der Alp Nova bis hinter zur „Mauer“ sehen, ich sehe die Felsen der Viamala und nutze solche eine Aussichtspause für einen Geburtstags-Anruf.

Es regnet einen Tropfen, die Wolke verdeckt die Sonne. Mit nass geschwitztem Hemd ist mir nun doch zu kalt, ein Griff und mein Faserpelz ist angezogen. Ich muss öfter auf der Karte nachschauen, bis ich mich mal entschieden habe, welchen Weg ich denn nun nehmen will, wer die Wahl hat, hat die Qual… Also entscheide ich mich für den Weg, der nicht allzu weit hoch führt, aber trotzdem den nächsten Tobel kreuzt. Ich komme an mähenden Landwirten vorbei, lass mich dort so ablenken, dass ich doch glatt vom Weg abgekommen bin. Und wer hat mir das gesagt? Die Schmetterlinge wieder mal. Ich musste also wieder zurück zur letzten Hütte, dort sollte der Weg weitergehen. Laut Karte.

Hmm, wahrscheinlich über die Wiese, diese voller verschiedenen Blumen stehenden Bergsommerwiese. Den Hang hinunter, ein Blick auf die Karte, noch ein Stück tiefer. Ah ja, dort ist er ja. Aber nicht weit. Er verliert sich in einem abgerutschten Stück Hang. Sackgasse. Na super… Na, hilft nix. Entweder die steile Wiese wieder hinauf oder irgendwie sonst in den Tobel hinunter steigen, weiter unten gibt's (laut Karte) eine Brücke. Noch ein Tropfen, die Wolke über mir ist inzwischen grau geworden. Ich sehe zwar noch, dass die Sonne fleißig von oben drauf scheint, aber die Wolke ist zu dick. Ich wollte grad den Rückweg antreten, hab aber noch neugierig um eine Ecke geschaut, was denn da mit Tarnnetz versteckt ist. Eine kleine Bank, vielleicht für den Jäger? Und dann sehe ich ein paar Fusstapfen weiter in die Richtung, die ich will, vor zum Erdrutsch, über diesen hinweg geht der Mini-Trampelpfad weiter, ich schlage mich durch Äste und muss mit dem Wanderstab prüfen, wo ich hintreten kann.

Doch bald versperren mir zwei umgestürzte Lärchen den Weg. Kein Drunter, kein Drüber, erst recht nicht auf dem fussbreiten Pfad und dem Tobel unter mir. Aber jetzt will ich hier her! Ich rutsche also vorsichtig den Erdrutsch hinunter, bis ich unten am Bach auf die großen Steine komme. Jetzt ist mir wieder warm.

Ich stöbere auf den Steinen etwas herum und entdecke ein paar Stufen im Gras. Ich bin also doch noch zu der Stelle gekommen, wo der Wanderweg auf der Karte den Bach kreuzt. Es wird wieder heller, die Wolke ist zwar immernoch grau, aber die Sonne hat ein Loch gefunden. Also Faserpelz wieder an den Rucksack binden und auf der anderen Seite des Bachs wieder hinaufklettern.

Das war dann noch eine ziemlich anstrengende Aktion. Wanderweg oder Trampelpfad war schon zu viel, ich hab keine Ahnung, warum hier ein roter Strich gezeichnet ist. Ich hab keinen Weg und keine Markierung gefunden, nur ein Wildwechsel, dem ich dann gefolgt bin. Der Hang war steil und über und über mit Gräsern, Blumen, Büschen und Bäumen überwuchert.

Das Gras mit seinen langen Büscheln und triefnass, wie es war, hat meine Schuhe gleich wieder abperlen lassen oder ich musste in diesem knietiefen Dickicht „auf gut Glück“ treten und wehe, da war ein nasser und rutschiger Ast oder Wurzel drunter. So manches Mal hat mich mein Wanderstab aufgefangen. Ich hab ziemlich geschwitzt, wie ich so Schritt für Schritt durchs steile Gelände gestakst bin. Aber den Spuren nach zu urteilen ergeht es den Rehen ganz ähnlich, nur dass sie vier Beine haben und ich nur drei. Oder zweieinhalb. Aber auch die Zecken kennen diesen Wildwechsel, entsprechend haben sich auch einige bei mir nieder gelassen. Aber sie sind groß genug und ich schau oft genug nach, so dass ich hoffe, alle dort gelassen zu haben. Einige Stellen in dem Dickicht haben mir dann gezeigt, dass ich doch etwas größer als ein Reh bin. Zwischen den zwei Büschen durch und unter den Baum ging ja noch, aber dann zwischen den beiden Baumstämmen hab ich nicht hindurchgepasst. Also zurück, nochmal die ganzen Nadeln vom Baum in den Nacken rieseln lassen, und irgendwie drum herum. Ich hab auch am Anfang meinen Rucksack vergessen, bzw nicht realisiert, dass er ja genauso hoch ist wie mein Kopf. Also muss ich nicht nur meinen Kopf unter den Zweigen herbekommen, sondern noch zwei Schritte weiter in der Hocke bleiben, damit der Rucksack nicht hängenbleibt. Und wenn er das doch tat, kam ich kaum vorwärts noch rückwärts. Und die ganzen Nadeln und was sonst so von den Bäumen fällt, landet zwischen Rucksack und Rücken, klebt dort am Schweiß fest und piekst und juckt mich. Irgendwann hab ich dann leider noch ein Reh aufgeschreckt, es ist im gemütlichen Tempo davon gesprungen, mit langen und weiten Sätzen, anmutig, fast schon schwebend, wenn man die Beinarbeit im hohen Gras fast nicht sieht. Es kam auch kein zweites und als es weit genug weg war, bin ich auch weiter gegangen.

Nach eineinhalb Stunden steiles Dickicht kam ich auf einen asphaltierten Weg, von dem dann der markierte Wanderweg abbog. Jetzt wurde es gemütlich, es war ein Weg zu erkennen und auch gut zu laufen, es ging bergab durch einen lichten Fichtenwald. An einer Felsgruppe beschloss ich, Mittag zu machen, langsam war's mal Zeit. Hunger hatte ich vorher schon gehabt, jetzt sollte ich was essen. Also Feuerholz gesammelt, Hobo angeworfen und Wasser aufgesetzt.

Bis das kocht, eine Banane, bevor ich die im Rucksack noch weicher quetsche, dann hab ich mir eine Fertig-Borschtsch-Suppe gekocht. Einen Kakao dazu, bzw. vorneweg, zur Banane, denn die Suppe musste noch 10 Minuten ziehen. Als wieder alles eingepackt war, hab ich mich noch gemütlich auf den Felsen gesetzt und Füße hochgelegt. Es ist frisch hier im Schatten des Waldes, ich muss doch glatt wieder meinen Faserpelz anziehen. So döse ich dann ein wenig und fange an zu träumen.

Als ich aufwache, ist es fast schon vier Uhr. Mir ist kalt, ich zittere, trotz Faserpelz. Ich sollte mich mal wieder auf den Weg machen. In der Sonne und bergab laufen wird mich hoffentlich wieder wärmen. Der Weg ging recht steil hinunter, der Abzweig nach links war gut markiert und es ging durch schön grünen Wald in denen die Baumstämme rötlich sind. Das gibt einen schönen Kontrast. Ich hoffe, meine iPhone Kamera kann das einfangen. Doch so steil der Berg hier hinunter ging, genauso steil ging er hinten wieder hinauf. Noch so ein Tobel, die Aussicht über das Domleschg muss ich mir heute aber hart erarbeiten.

Das Gestein auf der anderen Seite waren so dünne Schichten, Schiefer? Wenn man die Steine angefasst hat, sind sie gleich zerbröselt und ich hatte ganz silbrige Finger. In solche einem rutschigen Gestein ging es einen Erdrutsch hinauf, ich glaub, das war die Stelle, die man nur festen Schrittes und auf eigene Verantwortung gehen soll. Und mitten im Aufstieg plagt mich auch noch Seitenstechen. Irgendwie bin ich die Berge nicht mehr gewöhnt. Und als ich endlich oben war, was kam dann? Genau. Noch ein Tobel…

Der war dann aber nicht mehr so schlimm. Nur noch ein bisschen steil bergab und hinten auf einer Kiesstrasse wieder hinauf. Dort kam ich in einem lichten Lärchenwald mit schönen, großen, alten Bäumen. Kaum Unterholz, statt dessen Grün saftiges Gras. Das sah richtig einladend aus. Die Lärchen sind es auch, die diese rötlichen Stämme haben. Gegen das frische Grün der Wiese und mit den vielen Blumen sind das ganz neue Farbkombinationen, die ich hier sehe.

Aber Übernachten wird wohl nichts hier, denn als ich vorgelaufen bin ans Eck, bin ich am Ferienlager-Haus oberhalb von Trans (Traun) vorbeigekommen und es klingt auch belegt. Aber um die Ecke hatte ich dann meine Aussicht übers Domleschg. Mein Rucksack landet erstmal in der Wiese, ich selbst daneben und dann geniesse ich die Aussicht:

Das ganze Tal vor mir, der weit gestreckte Hang des Heinzensberg, ich kann den Weg meiner vorigen Wanderung erkennen, bis zur Mauer, die vom Piz Beverin überthront wird und deren unteres Ende den Eingang zur Viamala Schlucht markiert. Kaum noch eine Wolke am Himmel, keine Regengefahr mehr für heute. Hoffe ich zumindest, ich hab ja schon mal miterlebt, wie schnell sich das Wetter hier ändern kann. Weit bin ich allerdings noch nicht, denn gegenüber sehe ich noch die Alp Sut und Alp Nova. Dafür bin ich aber höher als ich wollte, denn eigentlich hatte ich mir gesagt, dass ich mir Trans sparen könnte.

Nachdem im Ferienlager was los ist und ich nicht hinunter ins Dorf will, werde ich jetzt doch noch den Wanderweg „hinten herum“ gehen und mir einen Schlafplatz suchen.

Aus dem „hinten herum“ ist ein „oben herum“ geworden. Ich hab mir eine Schlafstelle auf ca. 1700 Meter ausgesucht. Gleich nach Ablegen des Rucksacks mein verschwitztes Hemd aus- und ein trockenes T-Shirt angezogen. Dadrüber mein Faserpelz, ich hoffe, so wird mir nicht wieder kalt.

Ich bin auf einer dieser Weisen mit Lärchen drauf, hab einen dieser Bäume mit einer bequemen Wurzel gefunden und es mir da gemütlich gemacht. Ich sitze im grünen Gras, umgeben von bunten Blumen und allerlei Insekten, die sich daran gütlich tun. Die Abendsonne steht vor mir und hat noch genügend Platz, bevor sie hinter einem Baum verschwindet.

Ich genieße die Ruhe (es sind sehr wenig Vögel da) und die Wärme. Schuhe und Socken hab ich auch schon ausgezogen, ich bin quasi schon leger bekleidet. Zu Abend gegessen hab ich auch schon, es gab nur einen Apfel und den Rest vom Betty-Bossy-Sandwich. Leider hab ich kein Trinkwasser mehr gefunden, deswegen hab ich den Beutel leer getrunken und spare mir die Feldflasche fürs Frühstück auf. Jetzt werd ich noch lesen, hab mein iPad schon mit in die Wiese genommen.

 

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2 responses to this post.

  1. Posted by Mama on 16. Juli 2012 at 09:01

    Denkst Du bitte an Oma Hilden hat Geburtstag am 16.07.!

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    • Erledigt 🙂 sie hat sich gefreut und wenn sie ein Bildschirmtelefon hätte, hätte ich ihr auch das Panorama zeigen können, was ich extra für sie ausgesucht habe 😉

      Antworten

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