noch ein Tag im Val da Camp

Google EarthGPXauf der KarteBilderRunKeeper

Ein Bergsommermorgen auf fast 2200 Metern Höhe: meine Nasenspitze wird kalt, ich muss sie mit in den Schlafsack nehmen. Gut dass ich die Kapuze vom Schlafsack aufhab, es kommt ein recht kühler Wind von den Bergen geflossen. Wie warm ich es hab im Schlafsack, schön kuschelig. Hmm. Ein bisschen Schaukeln… Dann mache ich die Augen auf, muss ein paar mal blinzeln, und sehe diesen Berg ohne Namen in der Morgensonne leuchten. Darüber der blaue Himmel. Darunter das Kar mit all dem vielen Geröll und Kies. Ein paar Felsnasen, die ungestüm ins Tal reiten wollen, gebremst von dem dunkelgrünen Wald. Sanft hügelig, die Felsen umklammernd. Guten Morgen. Was für ein Aufwachen 😀

Der Schlafsack ist so schön warm, ich will da gar nicht raus. Aber ich hab ja mein langes Merino-Unterhemd an und den Faserpelz auch im Schlafsack. Also Reißverschluss auf, Hose von der Leine geschnappt und schnell hineingeschlüpft. Barfuß auf dem Waldboden. Fühlt sich angenehm an, hatte ich diese Nacht auch schon, als ich mal raus musste. Faserpelz geangelt und ein bisschen Restkörperwärme mitgenommen. Ich geh die paar Schritte zum Feuerplatz und will erstmal einheizen. Wie ruhig der See daliegt. Mein Wassertopf steht in den Resten der Asche und das abgekochte Wasser ist abgekühlt. Wunderbar, ab in die Feldflasche damit. Kleines Holz, Äste, Zweige gesammelt, im Steinkreis geschichtet, Feuerzeug dran, fupp.

Nee, nix fupp… Das Holz ist ziemlich feucht, viel Qualm, viel Arbeit, ich bekomm das Feuer nicht in Gang. Um mir Stress zu sparen, nehm ich den Kocher. Das dauert zwar länger, ich muss aber nicht die ganze Zeit dabei sein. Diese Spiegelung der Bergspitzen im See. Und wie klar der See ist. Und die Sonne wandert am namenlosen Berg immer weiter hinunter, gleich bekommt auch der Wald Licht und Wärme. Bei mir unten am See dauert das noch etwas. Ich warte im Kühlen, Feuchten, bis mein Wasser kocht. Dann gibts Kakao und Haferflocken mit Blaubeeren. Warm. An den Fingern, wenn ich die Tasse halte, und warm im Bauch. Sehr schön. Leichte Wellen kräuseln das stille Wasser.

Die Sonne hat das Ufer schon fast erreicht. Aber meine Zehen bleiben kalt. Selbst nach den warmen Haferflocken, in die versehentlich auch ein paar Wacholderbeeren geraten sind. Lager zusammenpacken, das hilft, danach ist mir wieder warm. Noch zum Abspülen und Zähneputzen an den See, Rucksack voll gepackt und auf die Schultern. Noch einen Rundgang, nichts vergessen?

Am Lagh da Val Viola. Unterhalb der Hütte kommt ein Bach herunter, der sich in einem breiten Delta in den See ergießt. Eine Bank, Morgensonne, hier wärme ich mich erstmal auf. An der Hütte sammeln sich viele Wanderer… Auf dem See glitzert die Sonne, wie kleine Sterne die im Wasser funkeln. Und es werden immer mehr Sterne. Und die Sonne wärmt.

Ich mache Strom-Inventur und war ganz überrascht, noch einen vollen Akku mehr als gedacht dabei zu haben. Der Stromtank ist halb voll, damit lade ich gleich mal den leeren Akku von gestern. Der geladene Akku von gestern ist wieder voll und ich lade damit mal mein iPhone wieder auf. Das Solarmodul auf den Rucksack gebunden füllt den Stromtank im Laufe des Tages wieder auf. Ich höre ein Stimmengewirr, die große Wandergruppe von der Hütte kommt zu mir an den See. Zeit aufzubrechen?

Nein, die wärmende Sonne, diese Holzbank, der sternenfunkelnde See vor mir, ich geh noch nicht hier weg. Die Gruppe ist auch bald wieder weiter gezogen. Tagesrucksäcke. Ich stelle mir vor, sie haben in der SAC Hütte übernachtet und wandern heute den oberen Teil des Tals. Und sie haben die Pferde in meine Richtung mitgebracht. Ich glaub, das sind die drei, die ich gestern schon getroffen habe, die mit dem Fohlen.

Ich stelle mich vor bei den Pferden, aber nachdem ich nichts zum naschen dabei hab, bin ich bald wieder uninteressant. Dann kommt diese Wandergruppe mit den Tagesrucksäcken wieder und belegt den Platz, wo mein Gesslerhut und mein Rucksack noch standen. Ich wollte aber nicht in die Menge hinein und hab solange an der Sonne abgewartet. Der See glitzert immer noch. Und auch der ist recht grün, wenn die Sonne so reinscheint. Die Gruppe war irgendwann auch wieder weg, da waren die Pferde an meinem Rucksack und haben ihn umgeschmissen. Das ging natürlich nicht. Also hab ich das Pferd geschimpft und ein paar Minuten später kam es mit hängendem Kopf wieder an.

Zeit zum Aufbrechen, aufgewärmt hab ich mich jetzt genug. Am Ufer des Lagh da Val Viola entlang, hier liegen wieder diese dunklen Steine herum. Ich glaub, das Wasser macht das Gestein so dunkel. An einem Bach vorbei und am nächsten, so langsam sollte mich mal ein paar Höhenmeter machen, damit ich auf den Wanderweg komme. Dort weiter in der Rundung fängt der Schuttkegel an, das wird mühsam, also lieber hier hinauf, wo es noch nicht so steil ist.

Beim dritten Bach bin ich dann direkt im Bach hinaufgestiegen. Von Stein zu Stein. Ich ich musste gut aufpassen, jeder Stein konnte glitschig oder wackelig sein. Mit dem Rucksack auf dem Rücken war das schon eine Herausforderung, Balance zu halten und ja nicht zu einer Seite zu kippen. Da ist mein langer Wanderstock sehr praktisch. Wenn ich mich mit den Händen abstützen würde, wär mein Schwerpunkt viel zu niedrig. So schaute ich, dass ich Steine finde, auf die ich meine Tritte regelmässig setzen konnte. „Im Schwung bleiben“ war das angenehmste und zwischendrin kam mir der Bach vor wie ein Computerspiel. Von oben rauscht der Bach hinunter (die Gefahr) und es kommen die verschiedensten Steine (die Möglichkeiten), auf denen man sich möglichst geschickt fortbewegen muss (die Geschicklichkeit des Spielers). Ein wackeliger Stein muss schnell ausgeglichen werden, beim Wegrutschen darf man nich zu tief fallen, sonst kommt der Rucksack aus der Balance. Da oben kommt die Holzbrücke, noch ein paar Steine hinauf und das Level ist geschafft. Doch wie das nun mal so ist. Nach Level 3 kommt Level 4, und das ist für gewöhnlich schwieriger.

Denn es kam ein steiles Stück den Schotterhang hinauf. Die Portion Bergsteigen für heute. Toller Blick auf den See, die Insel, meine Feuerstelle ist schon wieder besetzt. Viel los heute. Lass mich raten: Wochenende? Deswegen auch kein Guten-Morgen-Kommentar von Matze 😉 Es wird steiler und es geht über einen riesigen Felsrutsch hinauf und hinüber. Ich schalte die Augen für die Umgebung ab, nur der Blick für den Weg und die Steine bleibt noch. Meine Gedanken kreisen. Um dieses, um jenes, wie langsam hier alles zu sein scheint. Die Berge. Schon, dass sie sich verändern, aber viel langsamer, als dass wir zuschauen könnten. Das Wasser. Stetig und beständig fließt es die Berge hinunter. Bäche verändern sich schneller als Berge, aber immer noch sehr langsam. Arven wachsen mit angeblich 0,8 mm im Jahr. Da brauchste auch Geduld, um das zu beobachten.

Als ich wieder zum Zaubersee kam, war ich einen Stock höher als gestern. Konnte den See von oben betrachten. Und das war auch ganz gut so, denn das Ufer war bevölkert von Ausflüglern. Einige sind sogar geschwommen, ihre Kommentare, wie kalt das Wasser sei, hab ich quer über den See gehört. Ganz Türkis, eine Farbe ist das… einfach magisch. Hunde bellen, Kinder schreien, jede Bank am See ist besetzt. Ich hatte für mich meinen Sessel in den Felsbrocken gefunden, etwas im Schatten, mit Lehne, Ablageplätzen rechts und links und guter Aussicht. Direkt unter mir am Ufer, fast dort, wo ich gestern Mittag gemacht habe, ziehen sich grad zwei aus. So wie die gucken, wollen sie wohl unbeobachtet sein. Ich sitze ihnen gegen die Sonne, mich werden sie nicht sehen. Nach der ersten Fussprobe und ihrem Kommentar, wie kalt das Wasser ist, wollten sie nur noch die Sonne anbeten. Inzwischen hab ich ständig Stimmen in meiner Nähe, wohl noch ein anderer Rastplatz.

Nee, das ist mir zu unruhig hier, ich mag nicht ständig einem italienischem Gespräch zuhören müsse. Ich kletterte also den steilen Felsenhaufen wieder nach oben, und kam auch an die Gruppe. Die haben etwas doof geguckt, als da einer aus diesem Trümmerfeld hinauf kam, ich hab etwas verlegen nach dem Sentiero gefragt und hab sie auch gar nicht gross unterbrechen wollen… ich bin dann nicht nochmal zum Zaubersee hin, sondern schräg links den Weg hinunter gegangen. Das ging etwas abseits den „typischen“ Wegen und sollte mich laut Karte zum Rastplatz bringen, da wo die Dixies stehen.

Auf dem Weg kam ich an einen Brunnen vorbei und ich hab mich gefreut, wieder klares, kaltes, Wasser gefunden zu haben, was musste ich dort sehen: Ein Fliegenpilz, der im Brunnen schwimmt. Wenn man jetzt nach drei Stunden Suche endlich diesen Brunnen und Wasser findet, dann so etwas. Wer macht sowas? Was steckt dabei dahinter? Mir kommt das vor wie Trinkwasservergiftung „Mittelalter-Style“.

(nebenbei bemerkt: bzgl. Sammeln von den richtigen Dingen und so: mit Pilzen kenne ich mich ja überhaupt gar nicht aus und lass davon auch die Finger. Den einzigen Pilz, den ich sicher zuordnen und erkennen kann, ist der Fliegenpilz…)

Dann komme ich am Rastplatz Saoseo an. Mitten in der Wiese, dort wo der Wanderweg den lichten Wald in zwei Teile teilt, mitten auf dem Weg, liegt die Feuerstelle. Jeder, der des Weges käme, ginge durchs Feuer. Bzw, ja, würde sich um meinen Rastplatz bewegen. Viel zu präsentiert. Aber mal den Rucksack abstellen und herumstöbern. Zwischen diesen Bäumen geht durch, hinter den Büschen ist noch eine zweite Feuerstelle. Fürs Johannisfeuer oder sowas. Da mach ich mich mit meiner HoboStöfchen ja lächerlich… ausserdem darf ich erstmal zwei Schritte auf alten Kohlen machen… Auch nix, weiter stöbern. Durch ein paar Wacholderbüsche, unter zwei Bäumen durch noch ein Felsen, zu schief, um irgendwas zu machen. Auch Feuerholz liegt irgendwie nicht rum, alles schon gesammelt. Im weiten Bogen untersuche ich den grossen Platz, war grad „am anderen Ende“, als sich eine Schar Kinder um meinen Rucksack herum niederlässt. Ich hab mein Stöbern wieder in diese Richtung verlegt, ich wollte noch Wacholderbeeren sammeln. Wenn ich als „Sammler“ durch die Gegend streife, hab ich einen ganz anderen Blick auf die Details in meiner Umgebung. Ich entdecke viel mehr Kleinigkeiten als sonst beim Wandern.

Wieder am Rucksack, mitten in der Kinderschar angekommen, hab ich sie alle auf deutsch gegrüsst. Mittendrin sass ein Lehrer, der etwas genervt zurückgegrüsst hat und recht gestresst auf seine Uhr geschaut hat. Ich glaube, er hat auf etwas gewartet, was zu spät dran war. Nee, diese Vibrations waren nichts für mich und auch die fröhliche laute Kinderschar darf gerne so ausgelassen in der Natur umhertollen. Aber ohne mich. Also weiter. Was sollte ich tun? Ich war unschlüssig. Ich brauchte Wasser. Erste Möglichkeit, ich gehe zur Quelle zurück, da weiss ich, dass ich Wasser bekomme. Ist aber recht weit und auch wieder recht weit vorne im Tal. Zweite Möglichkeit: ich nehme dieses frische klare Wasser aus dem Bach und koche es ab (ich hab ja gesehen, dass hier Tiere weiden). Dazu brauche ich allerdings eine Feuerstelle und Brennholz. Was hier am Rastplatz eh nicht zu finden war. Kombiniere: Ich gehe jetzt zur Quelle und wenn ich auf dem Weg eine Feuerstelle entdecke, koche ich Wasser. Ganz einfach.

Und keine zehn Minuten später fand ich einen schönen Platz. In einer Biegung des Baches gelegen, schön rund, eine Gras-Insel, am Rand standen zwei Bäume, dort konnte ich gut ans Wasser. Mitten auf dem Platz ein Steinkreis als Feuerstelle und genügend Platz drumherum. Die Insel wurde von einem kleinen Arm des Baches vom Festland abgetrennt, leicht mit einem Stein zu überqueren.

Warm, sonnig, eben, grasbewachsen. Schöner Platz, hier verbringe ich den Nachmittag. Wanderschuhe und Socken aus, erstmal barfuss durch die Wiese streifen und Brennholz sammeln. Ich brauch für meinen Hobostove ja nur Hand-grosse Äste, Zweige, Stöcke, Zapfen, Rinde, diesen „Restmüll“, der beim „grossen“ Holzsammeln für ein Lagerfeuer anfällt. Deswegen mag ich den HovoStove lieber. Beim Umherschweifen über die Insel durch das kniehohe Gras fand ich sogar schon gesammeltes alte Holz der umliegenden Bäume. So konnte ich schon einen ganzen alten Arvenast quer durch das Gras zu meinem Lagerplatz ziehen. Barfuss. in der Nachmittagssonne. Ich kam mir vor wie Robinson Crusoe. Ich hab mir dann sogar noch die kurze Variante der Wanderhose gegönnt, so warm hat die Sonne geschienen. Dann gings ans Kleinholz machen. Den ganzen hergeschleiften Ast in handgrosse Stückchen zerbrechen, die schlecht brennbaren Moose und Flechten abziehen und nach Dicke sortieren. Diese Handarbeit dauert bei so einem halben Baum gut ne Stunde, aber die Zeit ist egal. Ich sitze in der Sonne und breche Holz auseinander. Dabei spüre ich, wie trocken es ist und kann die feuchten Teile gleich aussortieren. Dabei schweifen meine Blick über das Gras um mich herum, vor zum Bach, der grad aus seiner Biegung kommt und eine kleine Steintreppe hinunterfliesst. Das Glitzern im Wasser, wenn ich gegen die Sonne schaue. Und als ich fertig bin, hab ich ein Xylophon an handgrossen Holzstücken vor mir, links die dünnen, nach rechts immer dicker werdend. Dieses Xylophon lege ich mir dann an die Feuerstelle und heize meinen Hobostove ein.

Dann gehts ans Wasserabkochen. Mit dem Kochtopf Wasser aus dem Bach geholt und aufs Feuer gestellt. Das muss aber erst eingestellt und feinjustiert werden, mehr als einmal ist mir der kleine Turm umgekippt und hat einen Liter Wasser in die Glut geschüttet. Aber irgendwann hatte ich den Brenner stabil aufgebaut und ein schönes Feuer hinbekommen. Aber kleine Äste und Zweige verbrennen auch recht schnell. Erst recht, wenn der Kamineffekt des HoboStove so richtig funktioniert. Faszinierend, wie schnell das Wasser kochen kann, aber genauso schnell muss ich auch Brennholz nachwerfen. Das ist der Nachteil vom HoboStove: Man muss immer dran sein, immer nachheizen.

Als ich das Timing raushatte, konnte ich zwischendrin auch andere Dinge erledigen. Leine aufspannen. Zwischen dem grossem Baum hier und … kein Gegenstück… der mickrige Baum dort? Feuerholz nachlegen. Das Holz im Ofen ist schon runtergebrannt. Zehn Zweige wieder reinwerfen, mit kräftiger Puste wieder einheizen, fupp (diesmal wirklich fupp) und ich konnte wieder zur Leine. Als die dann gespannt war, Handtuch dran aufhängen, Feuerholz nachlegen, und die Sachen aus dem Rucksack auspacken.

Und wieder Feuerholz nachlegen, bis das Wasser kocht. Das Blubbern und Sprudeln vom doch recht vollen Topf lässt den Deckel mit lautem Geschepper wegfliegen, ein Windhauch bläst das Feuer nochmal ordentlich an, damit auch die Asche durch die Luft fliegt und einen Teil auch in das kochende Wasser. Aber Asche ist ja nicht schlecht. Ich muss mir einen Stein suchen, damit der Deckel auf dem Topf bleibt, wenn das Wasser ein paar Minuten lang kochen soll. Dann schalte ich die Herdplatte ab und nutze die Nachwärme noch, bevor ich das kochende Wasser in die Feldflasche umfülle. Der Topf ist natürlich sauheiss und ich muss einen grösseres Stück Holz als Griff benutzen. Und mit dieser Konstruktion dann so feinmotorisch ausgiessen, dass ich den schmalen Hals der Feldflasche treffe. Wenn was daneben geht, verbrüh ich mir die Finger, die die Feldflasche halten. Aber man kann diese Feinmotorik auch mit solch grobschlächtigen Hilfsmitteln hinbekommen. Das abgekochte Wasser kann jetzt aber nicht so heiss in meinen Plastik-Wassersack, also wird die Feldflasche im Bach versenkt. So wie man schon seit Urzeiten Bierkästen in der Isar kühlt. Der leere Kochtopf wird dann am Bach wieder voll gemacht, das Feuer wieder eingeheizt und der zweite Durchgang. Einheizen, nachwerfen. Klamottensack aus dem Rucksack an die Leine hängen. Fressbeutel an die Leine, Essgeschirr an den Feuerplatz. Feuerholz nachwerfen. Bis das Wasser kocht. Jetzt hab ich den Dreh raus, jetzt geht das schon recht schnell. Ob das Wasser in der Feldflasche schon kalt ist? Zu meinem Erstaunen ja. Der Bach ist recht kühl, auch wenn ich jedesmal barfuss hineinsteige. Ich bin auch mal bis zur Mitte gelaufen. Schon kalt, aber es ging. Regt die Durchblutung an 🙂 Also Feldflasche in den Wasserschlauch umgefüllt. Jetzt hab ich wieder Trinkwasser. Schmeckt eigen, aber nicht schlecht. Kochendes Wasser umfüllen, Feldflasche wieder in den Fluss. Jetzt hab ich kein Feuerholz mehr. Also stöbere ich nochmal über die Insel, spüre die Sonne so langsam gegen Abend wandern und fühle mich so frei bei dem Gedanken, dass ich hier bleiben kann. Ich muss nicht mehr weg, irgendein Abendziel noch erreichen. Wenn es dunkel wird, pack ich einfach mein Lager aus.

Ich hatte beim Brennholz machen schon so ungefähr mal die spärlichen Bäume und die Wiese inspiziert. Für die Hängematte definitiv keine Möglichkeit, ich muss also aus meinem Tarp ein Zelt machen und auf dem Boden schlafen. Gut, dass ich dieses Buch (oder Dokument? PDF? keine Ahnung) im Internet gefunden hab, das diverse Bauanleitungen mit so einer Plane enthält.

Quasi eine Origami-Anleitung für eine 3m x 3m Plastikplane. An dem Modell „Low Tetra“ hab ich mich orientiert, aber nicht die eine Ecke, sondern ein Viertel weiter rechts am Boden abgespannt. So kam dann die vordere Ecke hier etwas höher, gibt mehr Raum, und wenn ich diese dann nach oben abspanne… hmm.

Quer über den Platz zum anderen Baum. Verlängerungsschnur holen, abspannen. Na, wird langsam ein Zelt. Die Mitte der Plane hab ich mit einem Seil nach oben abgespannt, das gibt im Zelt innen schön viel Raum. Nur dass der Baum nicht über dem Zelt steht, sonder recht daneben. Das gibt im Innenraum dann eine fast senkrechte Wand. Und durch das Abspannen ein Viertel weiter hab ich im Inneren noch den „einklappenden Rest“, den ich noch als Unterlage für die Isomatte nutzen kann. Sehr praktisch.

Das noch offene Ende des Traps wird am Boden entlang „nach vorne“ gespannt, je breiter abgespannt, desto weniger Höhe bekommt man in dem Raum. Deswegen recht schmal, in Schlafsack-Mumien-Form abgespannt, damit man das Zelt hüfthoch aufstellen kann. Nach einigem Rumexperimentieren hab ich dann zwei Punkte am Tarp an den selben Baum gespannt, das ist ein Zeichen mangelnder Abspannpunkte durch zu wenig Bäume.

Aber ich hab ein gemütliches Zelt hinbekommen, mit einem „Knick“ drin, diesen in die Windrichtung gedreht, dass ich von dort gut geschützt bin. Das Tarp geht „um mich herum“, es kann also auf der Wind-Seite auch nichts „unten reinregnen“. Wenn ich drinliege, habe ich den Ausblick in mein Lager. Vom Wanderweg aus wird man mein Zelt sehen, aber nicht reinsehen können. Ich sollte es möglichst früh wieder abbauen.

Ich war eine gemütliche lange Zeit damit beschäftigt, verschiedene Abspannvarianten auszuprobieren und ich war immer wieder fasziniert, von diesem „Origami“. Wenn ich hier etwas weiter vorne abspanne, gewinne ich auf der anderen Seite wieder einen Streifen Material. Und jeder Lagerplatz ist anders, jeder Platz bietet andere Möglichkeiten, an die man sich anpassen muss. Für mich ist das eher ein „wie kann ich ein 3x3m Tarp so abpsannen, dass eine lustige Skulptur dabei herauskommt“. Naja, lustig reicht nicht, Regen- und Winddicht spielt dann auch eine Rolle.

Der Nachmittag ist noch nicht vorbei, der Abend erst im Kommen, ich mach noch ne Runde Wasserkochen. Nochmal einen halben Baum aus dem Wald gezogen, durch das hohe Gras meiner Insel. Und wie ich die selbe Tour nochmal machte, nur ein paar Stunden später, war das Licht ganz anders, die Umgebung sah anders aus. Etwas abendlicher, orangiger, wärmer, weicher. Das Wasser plätscherte und murmelte gemütlich vor sich hin, als ich die verschiedenen Lagerplätze von gesammelten Holz abgesucht hab. Nochmal Hobo einheizen, Wasser vom Bach holen, heizen, warten, nachwerfen, warten, in die Flammen schauen, nachdenken, nachwerfen, Sitzgelegenheit suchen. Die ganze Zeit in der Hocke geht nicht. Nochmal barfuss über die Insel gestreift. Wie angenehm das für die Füsse ist. Barfuss durch hohes und flaches Gras, barfuss auf Waldboden. Ich laufe barfuss auch anders. Ich spüre eine Distel schon, bevor ich mein Gewicht auf den vorderen Fuss verlagere. Und die Grashalme kitzeln zwischen den Zehen. Aber keine Sitzgelegenheit zu finden. Ups… nachfeuern. warten. nachdenken. Wie ruhig es hier ist. Das beständige Rauschen des Baches ist fast schon ausgeblendet. Und viel mehr ist nicht zu hören. Mal ein Vogel, der über die Lichtung zwitschert, aber sonst ist es ruhig. Nachfeuern. Wasser kocht. Noch ein paar Minuten kochen lassen. Nachfeuern. Feldflasche, inzwischen kalt, in den Wassersack umfüllen. Kochendes Wasser in den Kakao giessen 🙂 den Rest in die Feldflasche und ab in den Kühlschrank. Der Feuerplatz ist inzwischen im Schatten, ich spüre schon, wie es kühler und feuchter wird. Mit dem Kakao setze ich mich in die Wiese in die Sonne und wärme mich wieder auf. Das kniehohe Gras, der funkelnde Bach, einmal am Kakao schlürfen. Wie er glucksert und rauscht. Dahinter die grünen Bäume. Darunter die Blaubeeren und Moose, dadrunter die herabgefallenen Felsen der Berge. Daneben der Bach. Ein Schluck Kakao, die Sonne wärmt. Ich bin hier. Hinter den Wäldern beginnen die steinernen Mauern, die vereinzelt bis zu den Gipfeln ragen und ich fange an, diese Raum zu spüren, in dem ich jetzt und hier ein kleiner Teil sein darf.

Da fällt mir ein: Ich wollte noch was ausprobieren. Auf YouTube hab ich ein Video gesehen, wie man eine Hängematte mit nur einem Baum aufspannen kann. Der Schwede, der das gezeigt hat, war kein Leichtgewicht, und bei ihm hat das funktioniert. Also will ich das auch mal ausprobieren und hier hab ich Platz und Zeit dafür. Der eine Baum war schnell ausgemacht 😉 der andere Baum kann durch einen Stab ersetzt werden. Der Schwede hat dazu einfach mal schnell einen Baum gefällt, aber hier in der Schweiz geht das nicht so einfach. Ausserdem ist an meinem Sackmesser leider keine Säge. Aber mein Wanderstab wird das schon aushalten. Also Hängematte an den Wanderstab geknüpft und diesen dann mit zwei Stricken am Boden abgespannt (war nichts anderes da als Boden). Die Stricke halten mein Gewicht, das weiss ich, zu zweit erst recht, dachte ich und wie die Abspannerei fertig war wollte ich mich auch gleich reinsetzen. Hab aber gesehen, da wackelt noch was und hab nochmal nachgespannt. Die Heringe nochmal geprüft, ich hab extra zwei Heringe in X Form an jeder Stelle in die Wiese gestochen. Ok, scheint fest zu sein, dann mal rein in die Hängematte. Erster Test: mal mit den Händen das Gewicht vom Oberkörper reindrücken. Antesten quasi. Und wie ich dann, doch mit Schwung, in die Matte boxe, merke ich, wie die ganze Konstruktion zusammenbricht. „Zwiiiing“ höre ich Heringe in einem schönen kreisförmigen Bogen im Radius der Abspannstricke, fast wie ein Katapult, die Heringe am höchsten Punkt ausklinkend, quer über die Wiese in Richtung Bach fliegen. Schnell schau ich an die Stelle, wo ich die Landung der Heringe vermute und sehe noch einen Grashalm wackeln. Kniehohes Gras. Währenddessen kommt mir aber der Wanderstab um die Ohren geflogen, mit der Restenergie der Spannkraft und kurz vor mir wird er durch den anderen Strick und seiner Bodenständigkeit zu Fall gebracht. Autsch. Dieses Experiment ist grandios gescheitert. Gut, dass ich mich nicht reingesetzt habe. Ok, alle umherfliegenden Dinge haben sich beruhigt, dann Heringe suchen. Barfuss durch dieses kniehohe Gras und eine dünne Aluminium-Nadel suchen. Streifend, sammelnd fast, hab ich Grashüpfer aufgeschreckt und Spinnen laufen sehen, aber keinen Hering. Manche Grashalme sind gelb und auf den ersten Blick, dachte ich schon… aber war doch nur ein Grashalm. Ein Schritt vorwärts, mit den Händen grasend, ha. Einen gefunden. Wenn jetzt die Richtung stimmt, könnte der andere auch hier irgendwo liegen. Oder ist der wegen dem X im Boden in die andere Richtung geflogen? Hier noch gesucht, auf und ab, kurz drauf kam der Bach, hier war er auch nicht. Der vierte Hering blieb verschwunden. Noch an der Stelle gesucht, wo er verankert war, vielleicht war der eine nur herausgeploppt, irgendwie. Aber auch nichts. Auch das Stöbern und Suchen im grösseren Umkreis hat ihn nicht mehr zum Vorschein gebracht, ich hab den vierten Hering dann als verloren gehalten. Der Preis für dieses Experiment und für die Einsicht, dass das mit meinem Equipment nicht funktioniert. Und ich hatte ja Glück, dass ich dabei nur einen Hering verloren hab.

So verging der Nachmittag und als die Sonne nicht mehr in das Tal schien, wurde es auch bald kühl und feucht. Ich liege auf einer Insel inmitten eines Bergbachs auf etwa 2000 Meter Höhe. Mir ist bewusst, dass es kalt und feucht wird. Und ich schlaf auf dem Boden. Ein Experiment. Dann ärgere ich mich nicht, wenn's schief läuft. Das Brennholz hat Feuchtigkeit gezogen, jetzt schon, es wird immer schwieriger, ein ordentliches Feuer im Hobo zu machen. Ich koche noch eine Nudelsuppe, dann war das Feuer aus. Und schon fast dunkel. Ab in den Schlafsack und Gute Nacht. Es wird kalt.

Gut eingeschlafen, tief geschlafen, wache ich auf, weil ich mal raus muss. (Komisch, das passiert mir nur hier draussen. Daheim in der Wohnung muss ich nie nacht raus… egal) Aber kein Problem, cooler Schlafsack, barfuss in die nasse Wiese da raus. Auch angenehm. Und ich kenn die Wiese inzwischen, ich weiss, was hier so rumliegt. Sternenklare Nacht. Ich kann den grossen Wagen sehen. Der Bach rauscht immernoch genauso wie am Tag. Der selbe Klang, das selbe Rauschen. Tag und Nacht gleich. Und wieder ab auf die Isomatte, die spürbar isoliert und mich schön warm hält. Im Schlafsack drin hab ich so viel Platz, ich hab mich in der Embryo-Stellung im Schlafsack drin erwischt. Mollig warm.

 

Werbung

One response to this post.

  1. Posted by Matt on 8. September 2012 at 20:45

    Kein Guten-Morgen-Kommentar, dafür ein später Gute-Nacht-Gruss – in der Tat – es ist (zum Glück) Wochenende.
    Frier nicht zu sehr heute Nacht, es wird langsam kälter – dafür weniger von meinen ärgsten Sommer-Plagegeistern – Stechmücken.
    Träum schön!

    Antworten

hinterlasse Deinen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: