Busfahrt nach Ajaccio

Meinen Plan von gestern konnte ich heute morgen gemütlich und ohne Zeitdruck umsetzen. Nach dem Ausschlafen bin ich in die Cafeteria vor dem Campingplatz und hab ein kleines Frühstück zu mir genommen, hab dann in aller Ruhe mein Lager zusammengepackt und meine beiden Nächte hier bezahlt. Die freundliche Dame an der Reception hat mir erlaubt, dass ich mein Gepäck noch hier belassen kann, damit ich frei und und ohne Ballast die Bootstour durch die Grotten von Bonifacio machen kann. Mein Bus, der mich weiter bringt, fährt erst gegen Mittag, ich hab also viel Zeit.

Am Hafen bekam ich schnell ein Ticket für die kleine Bootsrundfahrt, ich wusste ja schon, was ich haben will. Der Einweiser hat mich auf das Schiff San Michele verwiesen, das war auch bald voll und wir haben abgelegt. Die Erklärungen während der Fahrt gab's auf Französisch, das meiste hab ich mir als Sinn zusammenreimen können. Ausserdem wusste ich anhand der Blicke und Kameras, worum es gerade ging, denn fast jeder auf dem Boot hat fotografiert. Ich selbst hab mein iPhone und damit meine Kamera ja in der Restonica versenkt, aber mein iPad in die Luft halten zum fotografieren wollte ich auch nicht. Also hab ich drauf verzichtet und mir die Dinge gleich hier vor Ort angeschaut. So viele Fotos, wie hier gemacht werden, da finde ich sicher noch das Eine oder Andere im Internet.

Die lange Hafeneinfahrt hinaus, an der Zitaldelle auf der einen Seite und den Buchten mit den Kalksteinfelsen auf der anderen Seite vorbei, vorne am roten Leuchtturm Madonetta mit der kleinen Madonnenstatue vorbei, hinaus aufs Meer. Auch heute ist wieder ein schöner Tag, die Sonne lacht und das Meer hat ein unbeschreiblich tiefes Blau. Rechts ums Eck ging es dann in die erste Grotte, diese berühmte mit dem Loch in der Decke, welches so ungefähr die Form von Korsika hat. Hieran kann ich mich erinnern, wie meine Elten mich als Kind hierhin mitgenommen haben. Das Wenden in der engen Grotte war noch mit etwas Rangieren verbunden, aber der Kapitän macht das ja öfter. Wir wurden noch auf die geringe Wassertiefe hingewiesen, als der Kommentator diese Grotte erklärt hat. Fertig gestaunt und mindestens hundert Fotos später ging's wieder hinaus und weiter nach rechts, nächstes Ziel ist die Bucht Faccio. Diese Bucht mit der Segelschule und diesem türkisfarbenem Wasser, an der ich gestern ja schon war. Wir sollten auf das Wasser achten, auf seine Farbe und die vielfältige Unterwasserwelt bestaunen. Das ganze Gebiet hier steht unter Naturschutz. Um die Insel herum, aus dem türkisfarbenen Wasser wieder hinaus aufs azurblaue Meer und noch eine Bucht weiter. Hier kann man den Wechsel der Gesteine bestaunen. Hier hören die Kalkfelsen auf und der Granit fängt an. Rechts in der Bucht diese fein strukturierten Kalksteinklippen, waagerecht gestreift und blendend weiss in der Sonne, links in der Bucht grosse, glattgeschliffene rote Granitblöcke. Ob weisser Kalkstein oder roter Granit, geschmückt mit grüner Macchia und blauem Himmel und türkisfarbenem Wasser, alles war farbenprächtig und intensiv, interessant und staunenswert anzuschauen.

Jetzt hat das Boot wieder umgedreht und es ging wieder zurück Richtung Hafen. Nochmal am Leuchtturm Madonetta vorbei zur riesigen Grotte, die unter der WWII Befestigung liegt. Sie hat die Form des Chapeau de Napoleon, wie man uns sagte. Ein kurzer Abstecher hinein, damit wir die Stalaktiten bestaunen können, dann ging's ums Eck und dort wartete schon die Teppe des Königs von Aragon. Diese 45° steile Treppe, die hier in die Felsen geschlagen wurde. Viele bunte Punkte liefen die Treppe hinauf und hinunter, jeder einzelne Punkt hat 2,50€ bezahlt, um hier einmal hinunter- und wieder hinaufsteigen zu dürfen. Von aussen betrachtet, in den 80 Meter hohen Felsen geschlagen, machte die die Teppe schon einen imposanten Eindruck. Muss eine ganz schöne Arbeit gewesen sein… Danach kamen wir unter der Altstadt hindurch, die Häuser klammern sich an den äussersten Rand der Klippe, fast als würden sie bald hinunter stürzen. Und unten nagt und spült das Meer, bricht immer wieder Felsen aus der Wand, die Stadt ist teilweise schon recht weit unterspült. Mir kommt es so vor, als würden sie von oben gar nicht sehen, wie wenig Felsen noch da ist, um die Häuser zu tragen. Man könnte sicherlich vom Balkon aus ins Meer springen, wenn nicht 80 Meter gar so hoch wären. Am Grain de Sable drehte unser Boot dann wieder um und machte sich an die Rückfahrt in den Hafen. Nochmal an den weissen Kalkwänden vorbei, an der Altstadt, am Balkon des WWII Denkmals, alle winken fleissig, denn gerade standen ein paar Touristen auf dem Balkon. Und um die Zitadelle herum ging es wieder die lange Hafeneinfahrt entlang bis wir ganz hinten wieder angelegt sind. Eine Stunde Bootsfahrt kann so schnell vergehen, wenn man so viele interessant Dinge sieht und erklärt bekommt.

Wieder im Gewusel des Hafens angekommen, hatte ich immer noch viel Zeit zu verbummeln, ich hab den Menschen im Hafen zugeschaut, wie sie ihre Boote repariert haben, ihre Fischernetze geflickt und die Decks geschrubbt haben. Ein Ehepaar sass am Hafen und beide haben das Treiben der Menschen, die Boote und die mächtige Zitadelle im Hintergrund gezeichnet, immer wieder den Blick hebend, genau prüfend und wieder ein paar Striche zeichnend. War echt interessant, das Bild Strich für Strich entstehen zu sehen. Nach einer Stunde waren sie fertig mit ihrer Zeichnung, ein paar letzte prüfende Blicke, ein zufriedenes Betrachten ihres Werkes. Und zuletzt haben sie ihr Motiv noch mit einer Kamera festgehalten. Klick. Wie profan. Wie schnell. Ein Bild in einem Augenblick, wo doch die Zeichnung so viel länger dauert…

Am Mittag hab ich dann mein Gepäck am Campingplatz geholt und mich zum Busbahnhof gestellt. Der Bus nach Porto Vecchio kam wirklich, und auch pünktlich. Mit einem Affenzahn ist er über die Landstrasse gefahren, die Rückfahrt kam mir viel schneller vor als die Hinfahrt vorgestern. In Porto Vecchio stand auch schon der nächste Bus bereit, der mich nach Ajaccio bringen sollte. Aber der Fahrer war am Schlafen. Soll er mal, laut Plan hat er ja noch mehr als eine Stunde Zeit. Die hab ich im Schatten des Wartehäuschens mit Lesen verbracht, bis wir dann pünktlich in Richtung Westküste aufgebrochen sind. Quer durch den Süden Korsikas ging es, drei Stunden lang, durch kleine Dörfer und an so mancher Haltestelle vorbei, immer mehr Menschen hat der Bus eingesammelt. Und weiter über kleine, kurvige Strassen, durch Macchia-Landschaft und Granitfelsen. Der Chauffeur war etwas hektisch, hatte ich das Gefühl. Seine Telefonate, die er während der Fahrt führte, bellte er so lautstark in sein Telefon, dass ich es bis hinten im Bus gehört hab. Und sie klangen jedesmal so, als würde er jemaden aufs Gröbste zusammenschimpfen. Aber seine Worte waren meistens „d'accord“ und „c'est bon“. Wieder so ein Fall, bei dem ich die Körpersprache, Stimme und Gestik falsch einschätzen würde, das passiert mir bei Korsen immer wieder mal. Als wir dann in einen Stau einer Baustelle geraten sind, fand sein Fluchen fast kein Ende mehr. Aber mir war die Verzögerung egal, ich hab in Ajaccio drei Stunden Zeit, bis meine nächste Verbindung fährt.

Wir kamen auch nur eine Viertel Stunde zu spät in Ajaccio an und der Busfahrer hat sich bei uns entschuldigt. Kein Problem, hab ich gesagt, hab mein Gepäck geschnappt und bin zum Fährterminal gegangen. Die Fähre um 21°° hat noch einen Platz für mich, so hab ich mir ein Ticket gekauft, hab mein Gepäck unter der Aufsicht der zwei Damen gelassen, die seit Bonifacio mit mir mitreisen und bin einen Supermarkt suchen gegangen. Dort hab ich was zu Essen gekauft und dann hiess es warten. Warten, bis die Fähre einfährt und wir Fussgänger einschiffen können. Das ging auch problemlos, mein erster Gang war aufs Sonnendeck um mein Gepäck abzustellen. Dann musste ich das Schiff erkunden, da bin ich ja immer neugierig. Neun Decks, schier endlose Gänge an unzähligen Kabinen vorbei, es gibt eine „Familienzone“ mit Spielplatz, es gibt eine Spielhölle mit diversen grossen Spielautomaten, Autosimulatoren, Airhockeytisch und anderem. Zwei Restaurants, eine Pizzeria, eine Bar drinnen und eine Bar oben auf dem Sonnendeck. Dort hab ich mich an die Reling gestellt, um das Treiben beim Boarden der Lastwagen und PKW zu beobachten.

Hier an der Reling sprach mich Heinz an, der Radfahrer, den ich unten beim Warten schon gesehen hab. Ob ich eine Kabine gebucht hab? Nein, sag ich, ich schlafe draussen. Macht er auch so. Und wir waren im Gespräch. Er ist gerade in Ruhestand gegangen und radelt gerade 6000 Kilometer durch Europa. Von Unna aus über die Alpen und den italienischen Stiefel entlang, über Sizilien und Sardinien hat er schon hinter sich, jetzt war Korsika dran und als nächstes will er sich den Canyon von Verdun anschauen. Alles mit nur 35 Kilo Gepäck auf seinem Fahrrad, da hatten wir uns viel über leichtes Gepäck zu erzählen. Die Fähre legte pünktlich ab und als sich die Insel immer mehr am Horizont verlor, haben wir uns in die Poolbar gesetzt und ein Bier getrunken. Sieben Euro! Das wär sein teuerstes Bier auf der Reise meinte er. Ich hab meine Brotzeit zu Abend gegessen, während wir uns weiter unterhalten haben. Vom Zelten und meiner Hängematte. Er erzählte, dass er auf dem Campingplatz in Bonifacio auch einen mit einer Hängematte gesehen hat. Ich hab ihn gefragt: an den Sanitäranlagen links, zweite Terasse? Ach, das warst DU! 🙂 Hatte er mich vor zwei Tagen schon in Bonifacio gesehen und während ich noch Sightseeing gemacht hab, ist er in zwei Tagen nach Ajaccio mit dem Fahrrad gefahren.

Viertel nach zehn, wir wollten uns kein zweites Bier mehr gönnen, haben wir unsere Schlafsäcke ausgepackt und aufs Sonnendeck gelegt zum Schlafen. Die Poolbar wird hoffentlich bald die laute Musik ausmachen und vielleicht auch die Lampen aus, vielleicht können wir dann noch den Sternenhimmel sehen. Aber der Liegestuhl war mir zu unbequem, ich hab meine Isomatte aufgeblasen und hab mich lang gestreckt, oben auf dem Sonnendeck. Draussen übernachten, da freue ich mich schon den ganzen Tag drauf 🙂 Das Stampfen der Motoren vibriert durch das ganze Schiff, das hab ich erst recht gemerkt, als ich am Boden lag. Aber es war regelmässig und hat mich nicht beim Einschlafen gehindert. Die Musik war auch bald aus, die Poolbar geschlossen, allerdings haben sie das Licht brennen lassen, war wohl nichts mit Sternenhimmel. Der Wind ging etwas, aber mein Schlafsack ist ja winddicht und ab und zu kam mal eine Fahne der Abgase aus dem grossen Schornstein herüber. Nicht so idyllisch, wie ich mir das vorgestellt habe, aber für eine Nacht wird's wohl gehen. Ich hatte warm in meinem Schlafsack und bald bin ich eingeschlafen.

Nachts um halb drei sind wir dann unsanft geweckt worden. Ein Schwall Französisch bricht über mir herein, ein Security-Mann steht vor mir und erklärt irgendwas. Hmm? Was? Ganz verschlafen versuche ich ihm zu deuten, dass ich ihn nicht verstehe. Aber er hat's nicht begriffen, mir den selben Redeschwall in die verschlafenen Ohren gedrückt. Aber aus seinen Gesten musste ich entnehmen, dass ich hier nicht schlafen kann, ich soll ein Deck tiefer gehen. Boa… Was denn… Was für ein Stress, mitten aus dem Tiefschlaf gerissen hab ich meine Isomatte zusammengerollt und den Schlafsack eingepackt. Ich denke mir noch, wo ich schon überall übernachtet hab, und ausgerechnet hier auf dem Schiff werde ich mitten in der Nacht vertrieben. Noch beim Einpacken kam der verschlafene Heinz an und hat sich auch verwundert, was die denn wollen. Er hätte doch gar nicht geschlafen, sondern in seinem Liegestuhl nur die Aussicht genossen 😉 Ob ein Sturm kommen würde und wir deswegen nicht hier oben bleiben könnten? Es ist halb drei, die drei Stunden hätten sie auch noch warten können. Ziemlich zerknautscht sind wir dann ein Deck tiefer ins Restaurant gegangen und haben uns auf die weichen Bänke dort gelegt. Das Stampfen der Motoren vibriert im ganzen Schiff und im Restaurant klapperte die ganze Innenverkleidung. Die Metallplatten an der Decke, die Lampenhalterungen, die Glasplatten der Tische. Ich will wieder hoch aufs Sonnendeck. Heinz meinte, ich soll mir vorstellen, dieses Geklapper sei wie der Regen im Zelt, „hau Dich hin und schlaf noch was“. Ich bin noch mal aufs WC und wollte doch noch nachschauen, was denn jetzt der Sturm draussen macht. Vielleicht war es ja doch sicherer, hier drinnen zu pennen. Und wie ich aufs Deck hinaustrat, war tatsächlich alles nass. Der Boden, das Geländer, die Treppenstufen, alles voller Wassertropfen. Aber das Meer war ruhig und der Mond spiegelte sich im Wasser. Zwar keine Sterne zu sehen, weil das ganze Schiff beleuchtet war, aber ich konnte weit und breit kein Unwetter sehen. Dann hab ich gesehen, warum wir vertrieben wurden: die Nachtschicht musste das Deck schrubben. Naja… Schrubben ist zuviel gesagt, es wurde mit einem Wasserschlauch abgespritzt, deswegen also durften wir nicht auf dem Sonnendeck schlafen… Ich bin wieder ins Restaurant und hab ich auf eine weiche Bank gehauen und noch ein paar Stunden geschlafen.

 

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