Strom tanken in Moudon

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Die Nacht in der Schutzhütte war angenehm. Ausser den vier Jungs mit ihren Quads zu später Stunde ist niemand vorbei gekommen. Heute muss ich Strom tanken, so langsam wird’s knapp. Alle meine Ersatzakkus sind leer und das iPhone hat nur noch einen halb vollen Akku. Deswegen wollte ich zum coop in Moudon, dort, wo ich letztes Jahr die Brennpaste nachgekauft hab. Ich hatte den Supermarkt etwas grösser in Erinnerung, ich dachte wirklich, dass dort auch ein coop restaurant sei. Dort wollte ich eine Steckdose finden. Und vielleicht einen Kaffee.

Am Einkaufszentrum im Dorf angekommen, hab ich mich erst gefreut, dass es neben dem coop auch noch eine Migros hat. Aber beides waren nur Einkaufsläden, keines hatte ein Café mit dabei. Enttäuschung. Dabei wollte ich zusätzlich auch noch aufs WC gehen. Aber nichts, kein Café. Auch in der näheren Umgebung hab ich nur so eine winzige Boulongerie gefunden, in der ich mir mit meinem Rucksack eher wie ein Elefant im Pozellanladen vorgekommen wäre. Also musste ich meinen „Pauschalbesuch Café“ wieder aufteilen in die einzelnen Aufgaben. Die dringendste zuerst: Toilette suchen. Ah dort, ein Schild, die Treppe runter und durch die verschlossene Tür. „Finde den Schlüssel…“ Ich also wieder eine Etage hinauf und mich beim Blumenkiosk angestellt. Das alte Ehepaar vor-vor mir musste etwas umstauschen, das hat etwas länger gedauert und sie haben immer entschuldigend zu mir geschaut. Aber ich hab sie nicht verstanden, was sie so über mich aber nicht direkt zu mir gesagt haben. Als das fertig war, kam der alte Mann mit seinem Lottozettel dran. Auch hier wieder Einlesen in den Computer, warten, kein Gewinn heute, neues Los kaufen, wieder in den Computer eingeben, warten. Endlich konnte ich nach dem WC-Schlüssel fragen. Aber dafür sollte ich ein Pfand dalassen, Ausweis oder so. Ich hab der Verkäuferin, angeboten, dass ich gleich meinen ganzen Rucksack und den Wanderstab hier stehen lasse. Das war schon fast zu viel, der Stab würde genügen, meinte sie, aber ich hatte den Rucksack schon vor die Blumenerde und die Gießkannen ans Regal gestellt. Schlüssel geschnappt und einen Stock tiefer. Entspannung. Erste Aufgabe geschafft.

Die zweitwichtigste Aufgabe war Strom. Steckdose. Akkus laden. Wenn es kein Café in der Nähe gibt, wo könnte ich noch Strom herbekommen? Da fielen mir die Wartesääle der Bahn ein. Da gibt’s oft eine Steckdose und geheizt sind die meistens auch. Also runter zum Bahnhof, in den Wartesaal und Bingo. Zwischen Tür und Passfotoautomat ist eine Steckdose an der Wand. Die hab ich gleich genutzt und drei iPhone Akkus geladen. Zweite Aufgabe geschafft, jetzt hab ich etwas Zeit.

Drittens: Kaffee. Gegenüber vom Bahnhof ist ein kleiner Kiosk, hier gibts Kaffee. Die Verkäuferin hat mit mir english geübt. Yes, two-ninety is right pour deux-quadre-vengt-dis. Die Akkus blinken fröhlich vor sich hin, saugen den Stom aus der Wand, während ich im Wartsaal sitze und meinen Blog aktualisiere. Internet hat ich kein schnelles gefunden, aber ich hab Vollausschlag 3G, damit kann ich auch Bilder hochladen. Zeit hab ich ja, bis die Akkus voll sind.

In regelmässigen Abständen füllt sich der Wartsaal, bis der nächste Zug kommt, dann ist er wieder leer. Eine halbe Stunde später kommen wieder ein paar Leute, sammeln sich im Wartsaal und wenn der nächste Zug kommt, sind sie wieder alle verschwunden. Gemütlich abhängen im Wartsaal im Bahnhof von Moudon, Kaffee in der Hand und Internet im Tablet. Ich komme mir vor wie ein Internet-Süchtiger 😉

Ich mag die Lieder, die die Kirchenglocken hier spielen. Ist mir letztes Jahr schon aufgefallen, dass sie hier nicht einfach „Dong“ spielen zur viertel und halben Stunde. Und weil ich die Glocken die ganze Zeit gehört habe und ich Euch das letztes Jahr schon zeigen wollte, hab ich, als wieder drei iPhone Akkus voll waren, das Zwölf-Uhr-Läuten aufgenommen:

Und wohin geht’s weiter auf dem Jakobsweg? Klar, den Hügel hinauf… 23% Steigung. Gut, dass ich mein Wasser immer erst oben auffülle 🙂

Der Weg schlängelt sich den Fluss entlang, stetig bergan, aus der Stadt und ihrer Geräuschkulisse heraus in grüne Natur und kahle Bäume. Der Rucksack fühlt sich gut an, die Sonne wärmt, ich hab Wasser und Essen, so pfeif‘ ich fröhlich ein Lied vor mich hin und setze einen Schritt vor den anderen. Fröhlich setzt auch mein Wanderstab als Metronom alle vier Schritte auch einen Tritt, sein unverwechselbarer Klang erzählt mir die Geschichte vom Boden unter seinem Fuss. Und wenn’s auf Asphaltwegen und -Strassen nicht viel zu erzählen gibt und alle Tritte sich gleich anhören, dann darf der Wanderstab neben mir schweben und auf dem Mittelfinger balancieren.

Der Weg durch die Landschaft ändert sich. Er führt nicht mehr schnurstracks die Hügel hinauf, sondern in großen Bögen. Mehr Weg, aber dafür nicht so steil. Und oben auf der Kuppe angekommen, folgt der Weg dieser noch etwas auf ihrem Grat, so dass ich rechts und links die nächsten Hügel und ihre Dörfer sehen kann. Ich verlasse die Broye und komme zur Bressonne. Anfangs war es noch windstill, doch im Laufe des Nachmittags frischte der Wind etwas auf. Irgendwann hab ich mich mal umgedreht und erschrocken festgestellt, dass sich hinter mir die Wolken recht dunkel zugezogen haben. Es sah so aus, als ob der Wind von vorne die Wolken zu Regenwolken zusammenschiebt. Ich bin zwar noch an der Grenze zu helleren Wolken, aber ich hab das Gefühl, die Regenfront holt mich noch ein.

Ich glaub, ich hab den Weg verloren, ich hab schon länger keine Muschel mehr gesehen. Ich folge aber noch einem gelben Wegweiser, der einen langen Umweg macht, um unter der Autostrasse her zu führen, aber irgendwie geht der wieder zurück. Naja, dachte ich, der Jakobsweg wird bald ja wieder links abbiegen. Tat er aber nicht, drei Kreuzung hab ich ihn geben, wieder in Richtung Lausanne abzubiegen. Aber kein Hinweis, keine Muschel und eine Regenfront im Anmarsch.

Doch der Wind hat wieder nachgelassen. So blieb diese graue Wand einfach dort stehen, wo eigentlich die Berge sein sollten und kam nicht mehr näher. Ich hab mich auf der Karte orientiert, versucht nachzuvollziehen, wo ich denn falsch abgebogen sein könnte. Wenn ich bei diesem komischen Schild dort oben… vielleicht geradeaus hätte gehen müssen… dann könnte ich dort unten wieder auf den Jakobsweg kommen. Also zurück, nächste links, über die Autostrasse wieder zur Bressonne hinunter.

Der Regenwand entgegen, aber noch bin in auf der „sicheren“ Seite, wo sogar noch ein paar Sonnenstrahlen durch kommen. Für ein paar Minuten fühlte ich dieses „verloren sein“, kein gewisser Weg, keine gewisse Herberge, kein Wald in Sicht, graue Regenwolken und kalter Wind. Wie diese leichte Angst, draußen übernachten zu müssen, wenn man es nicht mehr nach Hause schafft. Und das hier oben, auf der kahlen Hügelkette, wo man das Grau besonders weit sieht und der Wind pfeift, ohne auch nur einen einzigen Baum, hinter den man sich mal stellen könnte.

Doch die Strasse runter zum Fluss kam ich auch wieder auf den Jakobsweg. Bin ich doch an diesem komischen Schild da oben falsch abgebogen. Ich hatte ja schon so ein leichtes ungutes Gefühl. Wird Zeit, dass die Schmetterlinge wieder kommen, die waren mir sonst immer eine gute Hilfe gegen Verlaufen.

An der Kreuzung von Autostrasse und Bach stand ein Bushäuschen. Dort im Windschatten hab ich erstmal Pause gemacht. Meine Füsse jammern, es wäre so anstrengend… Aber es ist noch drei Stunden hell, die Regenwand steht still, aber nur einen Kilometer entfernt. Die Lage sieht wieder viel besser aus als oben auf der Kuppe. Auf Google Earth finde ich den nächsten Wald in meiner Richtung. Entfernung abschätzen, ein Blick auf den Regen, ich sollte mich beeilen, wenn ich mein Dach noch im Trockenen aufspannen will. Es riecht auch schon nach Regen.

So ein Blick von oben, per Google aufs Handy gequetscht, ist schon was Feines. Und seit dem mein Handy auch einen Kompass hat, kann ich die Karte gar nicht mehr falsch rum halten. So hab ich gesehen, wie sich der Wald erstreckt, wo der Weg lang geht und wo geeignete Übernachtungsstellen wären. Aber Google kann nicht in die Wälder hineinsehen. Ich kam in einen Forstwald. Lauter Fichten, in Reih und Glied, ohne Unterholz, dafür übersät mit dornigen Brombeeren.

An der Weggabelung traf ich noch einen Spaziergänger, ich war gerade mit meinem fliegenden Auge beschäftigt, hat er mir den weiteren Jakobsweg erklärt. Hier rechts hinunter, dann kommt man zu einem Fluss 🙂 und auf der anderen Seite wieder hoch. Na, dann weiß ich ja Bescheid, was mir morgen bevorsteht. Ich hab mich höflich bedankt und nach einigem Zögern ist er weiter gezogen. Ich hab gewartet, bis er um die Kurve verschwunden war und hab mich auf einem kleinen Trampelpfad nach links in den Wald verdrückt.

Nach einigem Suchen hab ich dann was passables gefunden. Eine junge Buche, die hier am Rand der Lichtung umringt von Fichten wächst, und ein Baum weiter im Wald drin. Es gibt kaum Unterholz in diesen Wäldern, so zieht immer noch der Wind zwischen den Bäumen her. Einfach zu wenig Material da, um ihn aufzuhalten. Also muss ich mein Tarp entsprechend hängen, damit mir der Wind nicht die Wärme klaut.

Die Regenfront hat sich nicht bemerkbar gemacht, gegen Abend ging eh alles in Grau in Grau über. Die Vögel zwitschern, es klingt nicht nach Regen. Aber es ist feucht und recht frisch.

Den ganzen Abend stelle ich mir die Frage, was ich heute eigentlich gewandert bin. Ich hab nicht das Gefühl, eine Tagesetappe voran gekommen zu sein. Mein Runkeeper meint zwar, ich hätte einen normalen „5 Stunden, 20km“ Tag hingelegt, aber sechs Kilometer davon bin ich im Kreis gelaufen. Ich hätte mich nicht an dem „falschen“ Schild orientieren sollen… Und bei der Aufregung bei meinem Ausflug auf die Kuppe hab ich auch noch vergessen, Wasser zu tanken. Da fällt Essen kochen aus, ich hab nur noch meine Feldflasche voll und das muss als Wärmflasche herhalten. Rohkost ist angesagt…

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4 responses to this post.

  1. Posted by Matze on 5. April 2013 at 10:37

    Strom, Internet … wie weltlich ..tz tz tz! 😉
    Wenn sich der Frühling doch mal endlich einstellen sollte (ab Mittwoch/Donnerstag sollen’s ja immerhin schon mal 13 Grad werden), werd‘ ich mich mal am Wochenend auf mein Mopped setzen und gen Romandie düsen, den Ruck spüren beim Überqueren des Röstigrabens und weiter gen Frank … auf nen Kaffee … und wieder zurück in die Heimat.
    Hoffe mal ich muss bis dahin nicht schon bis Genf cruisen, Du steuerst ja momentan scharf auf Lausanne zu.
    Immerhin rein visuell ne Augenweide am Ufer des Lac Leman durch Weinberge zu stapfen … wenn der „Näbu“ sich mal verflüchtigt.
    Singst Du eigentlich beim einsamen Wandern? 😉

    Antworten

    • Hey, das wär ne coole Idee, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen könnten. Meld Dich am Besten per Mail, wenn Du weißt, wann Du wo bist.
      Und nein, ich singe nicht beim Wandern. 🙂 Auch wenn mir manchmal ein Ohrwurm nicht aus dem Kopf geht.

      Antworten

  2. Motivier mal all Deine Mitleser! Ist so still hier … wo bleibt das Feedback für die Mühen des Weges und den journalistisch wertvoll (schön) geschriebenen Blog???

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