von Nebel, Pferderennen und einem alten Hotel

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Sechs Uhr aufstehen, halb sieben Frühstück. Christine will auf den Markt, ihre leckeren Marmeladen zu verkaufen. Die gabs auch zum Frühstück, ich durfte sogar zwei kleine Gläschen mitnehmen. Dazu hat sie mir noch Brot und zwei hartgekochte Eier mitgegeben, von ihren eigenen Hühnern. Sie will ja in die Ferien fahren, also konnte sie ja nichts aufheben. So bin ich gut versorgt, zumal heute Sonntag ist und ich wahrscheinlich nichts zum Einkaufen finde. Ein Blick nach draußen: Nebel. Kaum hundert Meter weit kann man schauen. Gut, dass ich noch ein Zimmer gefunden habe, denn draußen übernachten wäre echt etwas feucht geworden.

Der Nebel, diese undurchsichtige Feuchtigkeit, umgibt mich auf dem Weg über Hügel und Felder. Er lässt mich gerade weit genug sehen, dass ich die Wegweiser erkennen kann. Sonst soll ich wohl eher hören. Ich höre meine Schritte auf dem Kies der Feldwege, ich höre meinen Atem. Doch wenn ich innehalte und lausche, ist es fast still. Vereinzelt ein Vogel der zwitschert, ab und zu der Specht, der an einen Baum klopft. Plötzlich der Schrei eines Esels, laut und durchdringend, ganz nah scheinbar und doch unsichtbar. Der Schrei hallt von der anderen Seite wieder, wohl ein Wald dort. Der Weg existiert nur unter meinen Füssen, was in den nächsten fünfzig Schritten kommen wird, ist noch verhüllt.

Es tauchen hagere Gestalten auf, ganz langsam, unscheinbar erst, doch immer mehr erscheinen die vielen Arme, die sich in alle Richtungen strecken. Kahle Bäume, dunkel und dürr, stehen sie versteckt im Nebel und offenbaren sich nur demjenigen, der nah genug heran kommt. Sie tropfen den Nebel von den Ästen und Zweigen, einen Tropfen nach dem anderen. Wie ein Spiel zum Zeitvertreib, wenn man eh nichts sehen kann und so alleine für sich selber spielen muss.

Weiter des Wegs manifestiert sich eine dunkle Mauer im Gelände. Eine Baumreihe, die die Felder voneinander trennt, nein, sogar ein kleiner Wald. Satt und vollgesogen mit Feuchtigkeit, nass zum Auswringen und mir scheint, hinter den ersten Reihen Bäume, wo der Blick im Nebel immer unschärfer wird, huschen Geister entlang, neugierig und gespannt zu erfahren, wer sich bei dieser Witterung schmatzenden Schrittes den Weg durchs Gehölz bahnt. Tropfen an jedem Ast, an jedem Zweig, an jedem Blatt. Krah, krah, krah, die Krähen fliegen auf, erzählen dem ganzen Wald, wo sich der einsame Wanderer aufhält. Ein paar Schritte, eine Lichtung, versteckt im Nebel, nur zu erspüren fast, denn nach fünf Schrittlängen verhüllt sich auch das Gras im Dunst.

Ich hatte das Gefühl, ich laufe im Kreis. Aus Le Pin ging es zur falschen Seite heraus, der Weg führte in die Richtung, aus der ich doch gekommen bin? Aber ich hab mich auf die Muscheln verlassen, die mir heute wie eine Sonne vorgekommen sind. Außerdem zeigen die eh nur in eine Richtung, also muss wohl ich falsch liegen. So wanderte ich und wanderte, wanderte und wanderte, hatte bestimmt schon drei Kreise gemacht, so wollte ich langsam mal Mittag machen. Aber es kam keine schöne Stelle, keine Sitzgelegenheit mit Aussicht, ja nicht einmal eine Sitzgelegenheit. Die Franzosen sollten hie und da mal eine Bank aufstellen, Orte mit schöner Aussicht gäbe es ja genug. Und bei schönem Wetter sind diese Aussichten sicher noch schöner.

Dann musste ich noch einen Hügelzug überqueren. Ein steiler Aufstieg, ohne Bank, oben eine tolle Aussicht über das Tal dahinter, selbst mit den tief hängenden Wolken konnte ich die tolle Aussicht ahnen. Aber eben, auch hier keine Bank zum Sitzen. Aber ich will Pause machen.

Also experimentierte ich etwas herum, ich fand einen Strommasten und überlegte mir, wenn ich dort hinein meine Hängematte hänge, … von hier … nach dort … könnte ich drin sitzen. Nicht liegen, dafür war sie zu U-förmig, aber sitzen und Füssen entlasten würde gehen. Also schmiss ich die Enden der Hängematte durch die Streben, auf der einen Seite, dann auf der anderen Seite. Und hatte meine Schaukel gebastelt. Aber der Wind meinte, das sei ganz überhaupt nicht eine gute Idee. Das sind immerhin 63 Tausend Volt in den Stromleitungen. Und dessen nicht genug, denn mein Strommast war der höchste Punkt in der Umgebung. Damit der Wind seinen Standpunkt noch deutlicher machen konnte, schickte er eine dunkle Wolke über mich. Und blies mir dabei kräftig ins Gesicht. Ich hab’s eingesehen und ihm recht gegeben. Bei so viel Spannung und Blitzgefahr war das echt keine gute Idee. Also baute ich meine Schaukel wieder ab und ging mit schmerzenden Füssen weiter des Wegs. Keine Bank hier, keine Bank dort, keine Bank auf dem steilen Weg hinunter, erst im nächsten Dorf fand ich eine. Aber auch nicht einmal an der Kirche, dessen Umfeld war als Autoparkplatz genutzt. Erst im Dorfzentrum fand ich eine Bank zum Rasten. Nach sechs Stunden laufen. Mein Tagespensum. Normalerweise. Heute war aber erst Mittag, schon schön, wenn man früh startet.

Ich saß also auf der einzigen Bank in Le Grand Lemps auf dem Dorfplatz und hab Pause gemacht. Schuhe ausgezogen. Füsse massiert. Diese einzige Bank war aus Stein, saukalt am Po. Aber dafür hab ich ja meinen Schlafsack zum Draufsitzen dabei. Aber es war schon zu spät, ich hätte viel früher Pause machen sollen. Mein linkes Knie hat sich beschwert, mein rechtes Fußgelenk hat auch irgendwie weh getan. Ich war etwas genervt. Die Pelle von der Wurst wollte nicht so recht abgehen, das Ei von Christine war ja ganz lecker, aber man müsste ihr mal das Abschrecken beibringen. Ganz schönes Gefitzel, die Schale ab zu kriegen. Das halbe Ei hing noch an der Schale. Dann hab ich die moderne Nutzung von Dorfplätzen gesehen. Jeder, der vorbeikam, kam mit dem Auto vorbei. Keinen einzigen Fussgänger hab ich gesehen. Und jeder, der zu einem der beiden Bankomaten wollte, ließ auch noch den Motor laufen. Jeder. Je-der. JEDER. Ich war umgeben von laufenden Motoren. Und eh schon etwas genervt. Und der nächste kam, ließ den Motor laufen und stellte sich am Geldautomaten an. Ich hatte das Gefühl, dass alle nur zur Bank wollten, um Geld abzuheben. Und dann fing es auch noch zu regnen an, gerade als ich den Rucksack offen hatte und meinen Proviantbeutel auf der kalten Steinbank ausgebreitet hatte. Au Mann! Gnnnn. Hatte ich erwähnt, dass ich eh schon genervt war? In aller Eile hab ich meine Brotzeit unterbrochen, den Rucksack wieder gepackt, dieser meinte, wieder rumkullern zu müssen, gerade als ich ihm den Regenüberzug anziehen wollte. Aaaaah-gngngn…. Gaaaanz tief durchatmen. Ich bin in das einzig offene Café am Platz geflüchtet und hab mir einen Café au lait bestellt. Und sass am Tresen. Konnte die Leute beobachten. Und mich wieder beruhigen. Ganz langsam runterkommen. Und wieder warm werden.

Es war eines dieser PMU Cafés für Pferdewetten. Ein großer Fernseher übertrug Pferderennen aus Reims und man konnte seine Wettscheine abgeben. Es war einiges los in dem Café, bestimmt zwanzig Männer. Und alle schauten gebannt auf den Fernseher und jedesmal, wenn ein Pferd stürzte oder ein Jockey vom Pferd fiel, ging ein Raunen durch das Lokal. Dann kam Werbung und schwupp standen sie alle draußen auf der Strasse beim Rauchen. Und dann ging’s weiter, diesmal mit Trabrennen. Und wieder wurden Wettscheine und Geldmünzen ausgetauscht, wieder wurde mitgefiebert, was wohl welches Pferd und welcher Jockey machen wird. Das war die Zerstreuung, die ich brauchte, so langsam war mir wieder warm und meine Stimmung besser. Einen zweiten Kaffee bitte. Der kleine Junge hat seinem Vater den Sirup weg getrunken und mir ein Zeichen gemacht, ich solle nichts sagen, die Männer aus dem Dorf standen inzwischen irgendwie um mich herum und haben sich angeregt über die Pferderennen unterhalten. Fast, als hätte ich im Weg gesessen, aber sie haben mich in ihrer Mitte geduldet. Ich musste auch nichts verstehen, niemand wollte etwas speziell von mir. So konnte ich mittendrin in dieser Dorf-Kneipe, ohne auch nur ein Wort zu verstehen, gemütlich meinen Kaffee schlürfen und den Regen abwarten.

Nach einer Stunde war das Wetter nicht sonderlich besser, aber meine Stimmug wieder viel heller und meine Füsse wieder ausgeruht. Beim Bezahlen fragte ich nach einem Hotel oder Herberge. Ici? No. Vielleicht im nächsten Dorf? Der Barkeeper hat mich nach La Frette geschickt, fünf Kilometer weiter auf dem Jakobsweg. Also hab ich meine Sachen geschultert und bin weiter gelaufen. Ja, so eine Mittagspause hebt die Stimmung doch deutlich. Ich war wieder fit, dass ich die nächsten eineinhalb Stunden locker in Angriff nehmen konnte. Trotz Regen. Ich war wieder gut aufgelegt und hab das gleich an dem Angler, den ich auf dem Weg getroffen habe, ausgelassen. Er stand fluchend am Bach, der Wurm noch am Haken. Ich hab ihn gefragt, ob heute nichts beißt. Aber er hat mich nicht verstanden. Er hat den Wurm wieder gebadet und an der langen Leine schwamm er den Bach weiter, unter der Brücke durch, so das die Fische nicht sehen konnten, dass an dem Wurm noch ein Angler hängt. Aha, das ist also der Trick, hab ich den Angler gefragt, aber er hat mich wieder nicht verstanden. Er hat irgendwas erzählt, was ich wiederum nicht verstanden habe. War irgendwie lustig. Wir beide erzählen was, ob’s der andere versteht, ist auch egal. Bon Dimanche haben wir uns noch gewünscht, als ich dann weiter gezogen bin.

Bis La Frette war es nicht schlimm, der Regen ist in ein Nieseln übergegangen, der Weg war eben und gut zu laufen, so war ich bald angekommen. Wieder mal auf kleinen, unscheinbaren Wegen ohne Ortsschild, aber ich hab einen Trick herausgefunden: Auf den Schildern mit den Straßennamen steht oben der Ortsname drüber. So wusste ich, dass ich im richtigen Dorf angekommen bin. Und gleich am Eingang war ein Schild für das „Hotel des Voyageurs“, diesmal hab ich gleich ein Foto gemacht.

Also Strasse rein, an der Hauptkreuzung rechts und da war es auch schon. Alt. Alle Fensterläden zu. Wohl doch nichts? Ich klingle trotzdem mal und sofort geht die Alarmanlage in Form eines Hundegebells los. Klingt nach einem großen Hund. Schäferhund, wie sich später herausstellt. Oh-oh. Eine Stimme von drinnen ruft etwas, dann kommt eine alte Dame und fingert minutenlang am Schloss herum. Hmm. Wann das wohl zuletzt geöffnet wurde? Als sie es dann geschafft hatte und sie in der offenen Tür vor mir steht, kann ich fragen, ob sie ein Zimmer hat. Oui, oui, nur herein mit mir. Ein Zimmer, kein Problem. Was zu Essen? Ja? Ok. Und ein kühles Bier? Au ja, das nehme ich gerne und trete ein. Ein altes Haus mit alter Einrichtung und hohen Räumen. Außer mir ist keiner da. Hat sich wohl noch niemand getraut, zu klingeln… Nachdem ich mein Bier fertig hab, zeigt sie mir die Treppe. Blümchentapete bis oben hinauf. Zimmer Nummer eins, wenn ich hochkomme, gleich rechts.

Mich erwartet ein uraltes Bett mit Federkernmatratze so dick wie meine Handspanne, ein ebenso alter Tisch und zwei dazu passende Stühle und ein Lichtschalter zum Drehen. Auch hier Blümchentapete, diesmal in Grün. Dass das Waschbecken ein ähnliches Alter hat, muss ich glaub ich gar nicht bezweifeln. Auch der Spiegel hat sicher schon in viele hundert Gesichter geblickt. Auf dem Gang die Toilette, das ist eine mit Schrecksekunde. Ich hab gespült und sie füllt sich und füllt sich. Irgendwann versucht man ganz hektisch, ob man die Wasserspülung wieder abstellen kann, denn das WC füllt sich und füllt sich, man sieht es schon überlaufen und sich selbst mit nassen Füssen vom Klo kommen. Doch im allerletzten Moment geht irgendwo da unten die Schleuse auf und alles fließt auf seinem geregelten Weg ab. Auch die Dusche nebenan scheint mir mindestens vom Anfang des letzten Jahrhunderts zu sein. Und einmal mehr bin ich froh, dass ich Badelatschen dabei hab. Jetzt wundert mich auch nicht, dass alle Fensterläden zu sind und die Räume in ein geheimnisvolles Halbdunkel getaucht werden. Aber ich wage es trotzdem. Badelatschen an, Handtuch geschnappt und ab unter die Dusche. Bis zum Essen hab ich zwei Stunden Zeit, bis dahin kann ich mich frisch machen.

Doch Marguerite ist sooo nett und herzlich, dass ich noch vor dem Abendessen allen Spott und Mich-lustig-machen über die obigen Zeilen tilgen möchte. Sie spricht zwar nur Französisch und zwar so aufgeregt, dass sie sich selber immer wieder bremsen muss, wenn ich ein Gesicht mache, dass ich sie nicht verstanden habe. Und sie erklärt mir das selbe nochmal, einfacher, mit anderen Worten und so können wir uns gut unterhalten, bis sie die Suppe bringt.

Und danach bekomme ich im Speisesaal des alten Hotel den Hauptgang serviert, Pouletschenkel mit Nudeln. Und beim Nachtisch zeigt sie mir ganz stolz das Livre d’Or, das Pilger-Gästebuch und zeigt mir Ansichtskarten aus Deutschland, Schweiz, Österreich, Australien und Kanada. Marguerite ist eine echt herzliche Frau und ich wünsche mir, dass noch lange die Pilger in diesem alten, aber herzlichen Hotel beherbergt werden können. Wir unterhalten uns noch ein bisschen über den Bürgermeister vom Ort, über Computer und ich zeige ihr mein Tablet, das sind die heutigen Computer. Da war sie ganz erstaunt, meinte aber, dass sie zu alt sei für so etwas. Wenn sie etwas braucht am Computer, holt sie sich einen „Spezialisten“. Ich hab nicht ganz herausgefunden, wer das ist. Und kurz bevor ich mich zurückziehen wollte, kamen ihre beiden Schäferhunde noch bei mir vorbei. Hei, die waren ja aufgeregt, mich zu begrüßen und konnten gar nicht mehr aufhören, mich abzuschlecken. Aber keinen Laut haben sie von sich gegeben, als sie bei mir waren. Gebellt haben sie nur draußen, als sie im Garten waren.

Nach dem letzten Gläschen Rotwein gehe ich dann in das große, alte Bett auf Zimmer eins und lege mich zur Ruhe. Sie hat mich noch gefragt, wann ich Frühstück möchte und ich habe das Gefühl, dass ich ihr Französisch gut verstehen kann. So langsam wird das was.

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One response to this post.

  1. Posted by Matze on 23. April 2013 at 11:31

    Jetzt hätt ich aber gern noch die beiden Wau-Wau’s gesehen!

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